{"id":1760,"date":"2009-07-26T17:57:00","date_gmt":"2009-07-26T16:57:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=1760"},"modified":"2009-07-27T17:57:57","modified_gmt":"2009-07-27T16:57:57","slug":"das-dunkelbraune-poesiealbum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=1760","title":{"rendered":"Das dunkelbraune Poesiealbum"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ja, es gibt sie noch immer, diese Poesiealben, wenn sie auch ein wenig anders gestaltet sind.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Heute schaut dich kein wei\u00dfes Blatt mehr an und fordert dich indirekt auf, ja fein s\u00e4uberlich zu schreiben und sch\u00f6ne Glanzbildchen einzukleben. Auf einem farbigen Hintergrund gibt es Fragen nach den Vorlieben und Abneigungen der eintragenden Person. So ein Freundschaftsbuch, wie es heute genannt wird, markiert aber meistens noch immer den Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt. Als Teenager f\u00fchlt man sich schon ein wenig erwachsen und sammelt hier Eintragungen von Menschen, die man mag.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-family: Verdana;\">Damals in der Nachkriegszeit waren es \u00fcberwiegend die M\u00e4dchen, die Poesiealben f\u00fchrten.11 Jahre war ich alt, als mich meine gleichaltrige Freundin Gudrun bat, mit ihr ins einzige Kaufhaus der Stadt zu kommen, um f\u00fcr sie ein Poesiealbum auszusuchen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\"> Ich hatte auch schon eifrig gespart, um eines kaufen zu k\u00f6nnen. Aber mir fehlten noch 3 DM. Das war damals viel Geld, z.B. kostete ein B\u00e4llchen Eis nur 10 Pfennige. Taschengeld gab es nicht. Wir waren vier Kinder, und unsere Eltern rackerten sich ohnehin schon ab, um die Familie durchzubringen. Fr\u00fchestes in einem Monat, an meinem Geburtstag w\u00fcrde ich auch in der Lage sein, mir diesen Wunsch zu erf\u00fcllen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ich arbeitete damals immer einmal in der Woche nachmittags in der Stadtb\u00fccherei als B\u00fccherkind. Da hatte ich B\u00fccher, die zur\u00fcckgegeben worden waren, wieder in die Regale einzusortieren. Der Vorteil dieser T\u00e4tigkeit war, dass ich mir kostenlos B\u00fccher ausleihen konnte und au\u00dferdem 60 Pfennige verdiente. Nach jedem dieser \u201eArbeitstage\u201c ging ich, einen gro\u00dfen Stapel Lesefutter in der Tasche tragend, mit dem selbstverdienten Geld stolz nach Hause. So viele B\u00fccher wie damals<span> <\/span>habe ich erst wieder in meiner Studienzeit gelesen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Gudrun, als Einzelkind wohlhabender Eltern, bekam reichlich Taschengeld und konnte sich so einiges leisten, was mir versagt blieb. Aber das war (aus heutiger Sicht) nicht unbedingt von Nachteil f\u00fcr mich. W\u00e4re ich sonst so hautnah an die vielen B\u00fccher herangekommen? Gelegenheit macht Liebe! Hier galt das f\u00fcr mein Lesen ganz gewiss.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Im Kaufhaus angekommen,steuerten meine Freundin und ich <span> <\/span>in der Papierwarenabteilung zum Regal der Poesiealben. Das Angebot war nicht gerade \u00fcberw\u00e4ltigend. Vier Alben gab es noch zu kaufen; drei waren dunkelbraun eingebunden, aber eines strahlte mich in leuchtendem Rot mit Goldrand geradezu an. Wie gerne h\u00e4tte ich es jetzt schon besessen! Aber ich musste das Geld ja erst noch zusammensparen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eWas meinst du, welches soll ich mir kaufen? Welches findest du am sch\u00f6nsten?\u201c, fragte Gudrun, mich aus meinen \u00dcberlegungen holend.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Und pl\u00f6tzlich war sie da, die b\u00f6se, egoistische Stimme: &#8218;Sag ja nicht das Rote, sonst kauft sie es sich, und du musst dich dann mit einem der braunen Restexemplare begn\u00fcgen! So schnell gibt es hier keine neuen roten Alben zu kaufen!&#8216;<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201e Ich w\u00fcrde mir das braune Album kaufen, das gef\u00e4llt mir am besten; das sieht irgendwie edel aus.\u201c, log ich meine Freundin an. So ganz wohl war mir zwar dabei nicht. Aber ich beruhigte mein Gewissen, indem ich mir einzureden versuchte, es sei es ihr wohl nicht so wichtig wie mir . Gudrun folgte tats\u00e4chlich meinem verlogenen Rat und kaufte sich erfreut das dunkelbraune Poesiealbum.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eL\u00fcgen haben kurze Beine.\u201c, sagt das Sprichwort. Meine L\u00fcge hatte relativ lange Beine. Niemand erfuhr davon, nur ich wurde auf nachhaltige Weise von ihr eingeholt.Gudrun schenkte mir n\u00e4mlich freudestrahlend zu meinem Geburtstag das dunkelbraune Poesiealbum, das ich mir ja quasi selbst ausgesucht hatte.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Das war mir eine Lehre, die mich ein Leben lang begleitet hat, die Erkenntnis, wohin Falschheit, L\u00fcge und Egoismus f\u00fchren . <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Das dunkelbraune Poesiealbum  bewahre ich  \u00fcbrigens noch immer auf.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\"> <\/span><\/p>\n<p><em>Ingrid Drewing<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, es gibt sie noch immer, diese Poesiealben, wenn sie auch ein wenig anders gestaltet sind. 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