{"id":1860,"date":"2009-08-05T17:26:21","date_gmt":"2009-08-05T16:26:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=1860"},"modified":"2009-09-22T13:53:34","modified_gmt":"2009-09-22T12:53:34","slug":"die-unterschrift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=1860","title":{"rendered":"Die Unterschrift"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ich hatte gerade die Fehlerberichtigung einer Klassenarbeit durchgelesen und \u00fcberpr\u00fcfte nun, ob die Kenntnisnahme der Leistung und der Note durch die Unterschrift eines Elternteils best\u00e4tigt worden war, und stutzte. Das sah doch ganz nach einer F\u00e4lschung aus! Sollte der Junge die Unterschrift seines Vaters nachgeahmt haben? Sollte er sich davor gef\u00fcrchtet haben , die Note ausreichend zu Hause vorzuzeigen? Was sollte ich tun? Ihn auf meinen Verdacht hin ansprechen oder es \u00fcbersehen und ihn im Auge behalten? Da musste ich sensibel vorgehen, das wusste ich aus eigener Erfahrung.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ich erinnerte mich noch sehr gut an die Dem\u00fctigung, die ich als Sch\u00fclerin der sechsten Klasse erlitten hatte.<\/span><span style=\"font-family: Verdana;\">Unser Englischlehrer, f\u00fcr den wir alle an unserer M\u00e4dchenschule schw\u00e4rmten, war er doch einer der wenigen j\u00fcngeren Lehrer, die wir in den 50iger Jahren an der Schule erlebten,  war der Anlass meines Kummers gewesen!  Wenn ich heute daran zur\u00fcckdenke, frage ich mich, wo er seinen p\u00e4dagogischen Sachverstand und sein Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen an diesem Tag gelassen hatte. Aber Gesetz und Ordnung beherrschten damals noch vorrangig den Schulalltag.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Tatsache war, als er durch die Klasse ging und die Unterschriften kontrollierte, glaubte er, ich h\u00e4tte die Unterschrift unter meiner Englischarbeit gef\u00e4lscht. Zugegeben, sie unterschied sich stark von den vorherigen Unterschriften, denn sie war nicht in Schreibschrift gehalten, sondern in sehr sch\u00f6ner Druckschrift. Weinend beteuerte ich ihm meine Unschuld ,sagte  wiederholt, meine Mutter habe die Arbeit unterschrieben, was ja auch wirklich der Wahrheit entsprach. Er glaubte es mir nicht, und was am schlimmsten war, er stellte mich vor der ganzen Klasse blo\u00df und bezog sogar meine Mutter in diese Dem\u00fctigung mit ein, indem er eine Mitsch\u00fclerin noch w\u00e4hrend der Unterrichtszeit zu uns nach Hause schickte. Sie sollte meine Mutter zu dem Fall befragen. Ich f\u00fchlte mich behandelt wie ein Schwerverbrecher und sch\u00e4mte mich, obwohl ich ja gar nichts ausgefressen hatte.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Meine Mutter best\u00e4tigte die Richtigkeit meiner Aussage, machte sich aber Vorw\u00fcrfe. Sie war n\u00e4mlich \u00fcber meine Zwei in der Englischarbeit so erfreut, dass sie besonders sch\u00f6n unterschreiben wollte und hatte daf\u00fcr ihre Druckschrift gew\u00e4hlt.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wie hatte mein Englischlehrer nur annehmen k\u00f6nnen, dass ein Kind seine gute Note nicht den Eltern vorzeigt? Wahrscheinlich war er davon ausgegangen, dass ich es vergessen<span> <\/span>und deshalb nun aus Furcht vor einem \u201eOrdnungsstrich\u201c die Unterschrift vorget\u00e4uscht h\u00e4tte. Aber dabei hatte er \u00fcbersehen, dass Ordnung dem Menschen dienen muss und nicht der Mensch der Ordnung. Sein Vorgehen war mehr als unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig.<\/span><span style=\"font-family: Verdana;\">Damals ist mir bewusst geworden, wie schnell man durch ge\u00e4u\u00dfertes Misstrauen einen Menschen verletzen kann, besonders die zarte Seele eines Kindes.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Ich schloss das Arbeitsheft und nahm mir vor, meinem Sch\u00fcler nichts von meinem Verdacht zu sagen, zumal ich seine Eltern am Elternsprechtag in einer Woche<\/span><span style=\"font-family: Verdana;\"> ohnehin \u00fcber seinen befriedigenden schriftlichen Leistungsstand informieren w\u00fcrde. Zuvor wollte ich aber in einer Klassenleiterstunde anhand einer Beispielgeschichte aus dem Fundus \u201cNoten und Angst\u201c das Problem allgemein thematisieren, um zu versuchen,  meinen Sch\u00fclern im Gespr\u00e4ch die Furcht vor Noten und dergl. zu nehmen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Denn im angstfreien Raum lebt und lernt es sich besser.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\"><em>Ingrid Drewing<\/em><br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte gerade die Fehlerberichtigung einer Klassenarbeit durchgelesen und \u00fcberpr\u00fcfte nun, ob die Kenntnisnahme der Leistung und der Note durch die Unterschrift eines Elternteils best\u00e4tigt worden war, und stutzte. Das sah doch ganz nach einer F\u00e4lschung aus! Sollte der Junge die Unterschrift seines Vaters nachgeahmt haben? 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