{"id":2057,"date":"2009-08-26T20:49:24","date_gmt":"2009-08-26T19:49:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=2057"},"modified":"2009-08-28T23:08:46","modified_gmt":"2009-08-28T22:08:46","slug":"einsam-im-alten-haus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=2057","title":{"rendered":"Einsam im alten Haus"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">\u201eVerkaufen! Zu weit abgelegen, zu alt.  Du wirst sehen, das ist ein Fass ohne Boden, immerzu reparaturanf\u00e4llig!\u201c, sagte der Rest der Familie.<\/span><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie aber hatte sich in dieses Haus verliebt, das ihr ihre Tante vererbt hatte, und behielt es.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\"> Schon in ihren Kindertagen war sie gerne hier zu Besuch gewesen. Das Haus hatte etwas Geheimnisvolles,  und der verwunschene Garten war ihr kleines Paradies. Ihre Tante hatte ihn sorgsam gepflegt, obwohl man es diesem Naturgarten nicht auf den ersten Blick ansah. Ob sie das auch schaffen w\u00fcrde? Da sollte sie sich wohl besser um professionelle Hilfe k\u00fcmmern, zumal sie ja  nicht mehr taufrisch war, milde ausgedr\u00fcckt.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Auch hatte sie wieder intensiv damit begonnen, zu malen und zu dichten, seit ihr Mann vor zehn Jahren gestorben war. Ihre Kinder waren erwachsen, lebten ihr eigenes Leben. Sie hatte endlich die Zeit dazu, hier in der Stille ihrem eigentlichen Beruf nachzugehen, den sie fr\u00fcher <\/span><span style=\"font-family: Verdana;\">wegen ihrer Familie nur als Hobby ab und zu pflegen konnte.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Jutta hatte sich zwar lange Zeit inst\u00e4ndig darum bem\u00fcht, sie zu verkuppeln. Aber sie konnte ihre Freundin davon \u00fcberzeugen, dass sie nach Svens Tod auch sehr gut alleine zu leben verstand. Jutta nannte sie deshalb einen hoffnungslosen Fall  und hatte ihr prophezeit, sie w\u00fcrde hier in ihrem Hexenhaus alt und einsam sterben. Doch das konnte sie nicht erschrecken.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Einsam zu sterben, war das nicht das Los vieler Menschen? Sie erinnerte sich noch gut daran, dass ihr Vater ganz allein im Krankenhaus gestorben war; man hatte die Familie erst am n\u00e4chsten Tag von seinem \u201eAbleben\u201c(so sagte man es am Telefon) unterrichtet. Nicht jedem war es verg\u00f6nnt, einen lieben Menschen auch beim Sterben an seiner Seite zu wissen. Diese Szenen, in denen der Sterbende sich von dem Kreis seiner Lieben verabschiedet und fast majest\u00e4tisch ruhig in die andere Welt hin\u00fcber gleitet, sie waren lange schon Geschichte und bestenfalls noch in Filmen zu sehen. Die Wirklichkeit war anders, brutal!<\/span><span style=\"font-family: Verdana;\">Im Augenblick des Todes war man allein.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\"> Zu dieser Erkenntnis war sie gekommen, nachdem sie ihren Mann an jenem Morgen vor zehn Jahren tot neben sich im Bett vorgefunden hatte. Ein sch\u00f6ner Tod f\u00fcr Sven, wie die meisten behaupteten, die davon erfuhren. Sie hingegen war v\u00f6llig fassungslos. Kein Abschied, kein Hinweis, der Tod hatte ihn einfach im wahrsten Sinn des Wortes von ihrer Seite weggerissen, Herzinfarkt! Und sie hatte nichts gesp\u00fcrt. Wie ein Blatt, das leicht und unbemerkt vom Baum f\u00e4llt, war er einsam neben ihr gestorben. Am Abend zuvor hatten sie noch Urlaubspl\u00e4ne geschmiedet, als sei ihnen alle Zeit der Welt gegeben. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Wie erstaunt wir Menschen doch immer sind, wenn der Tod in unser Leben tritt, so als h\u00e4tten wir das ewige Leben auf Erden gepachtet. Aber man muss ihn ja auch verdr\u00e4ngen, um genug Kraft f\u00fcr das Leben zu haben, das uns schon genug Zugest\u00e4ndnisse abverlangt.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie hatte nach Svens Tod, damit begonnen, bewusster zu leben. Das Lachen eines Kindes, <span> <\/span>eine Blume, ein Vogel, ein Wolkenbild am Himmel, die Natur, alles Leben hatte f\u00fcr sie an Bedeutung gewonnen. Obwohl als Malerin schon immer mit wachem Blick allem zugewandt, sah sie ihre Umgebung auf eine neue Weise. Sie f\u00fchlte sich mit allem verschwistert in der Verg\u00e4nglichkeit, wollte den Augenblick der Sch\u00f6nheit des Lebens erkennen, erf\u00fchlen, festhalten, in Farbe auf die Leinwand bannen oder im Gedicht erklingen lassen. Poesie war ihr Schl\u00fcssel zum t\u00e4glichen Paradies.<\/span><span style=\"font-family: Verdana;\">Und dazu geh\u00f6rte auch, dass sie dieses alte Haus und seine Geschichte bewahren musste. Gegen die Verg\u00e4nglichkeit und das Vergessen angehen durch Malen und Schreiben. Sich nicht damit abfinden, dass der Tod das pers\u00f6nliche Leben und der Bagger dieses alte Haus wegr\u00e4umte. Nat\u00fcrlich galt es auch,  immer wieder dem neuen Leben Platz zu machen .Der Kreislauf des Lebens war ihr vertraut. Sie wusste, dass ihre Gene in ihren Kindern weiterlebten. Aber sie wollte, dass auch das Unteilbare, Eigenst\u00e4ndige, Pers\u00f6nliche noch Raum hatte, Seele, Geist, wie auch immer man es nennen mochte. Hier in diesem Haus lebte ihre Tante weiter. Der Apfelbaum ,die Kr\u00e4uterschnecke, alle Pflanzen des Gartens erinnerten an ihr Wirken. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\">Sie w\u00fcrde nun alles hegen, ihr eigenes Leben damit verkn\u00fcpfen, in Bildern und Gedichten bewahren als einen Schatz ihres pers\u00f6nlichen Lebens.Und wer wei\u00df, vielleicht w\u00fcrde ihn ja eines Tages eines der Enkelkinder heben und bergen. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-family: Verdana;\"><span> <\/span><\/span><\/p>\n<p><em>Ingrid Drewing<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eVerkaufen! Zu weit abgelegen, zu alt. Du wirst sehen, das ist ein Fass ohne Boden, immerzu reparaturanf\u00e4llig!\u201c, sagte der Rest der Familie.Sie aber hatte sich in dieses Haus verliebt, das ihr ihre Tante vererbt hatte, und behielt es. Schon in ihren Kindertagen war sie gerne hier zu Besuch gewesen. 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