{"id":22185,"date":"2020-01-25T15:47:21","date_gmt":"2020-01-25T14:47:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=22185"},"modified":"2020-01-25T15:47:21","modified_gmt":"2020-01-25T14:47:21","slug":"r-i-p-gudrun-pausewang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=22185","title":{"rendered":"R.I.P. GUDRUN  PAUSEWANG"},"content":{"rendered":"<p>Am 23.01.20 starb Gudrun Pausewang.<br \/>\nDie Schriftstellerin hatfr\u00fcher auch hier in Wiesbaden gelebt<br \/>\nund in der Nachkriegszeit als Lehrerin an der Lorcher Schule unterrichtet.<\/p>\n<p>Ich behalte sie in lieber Erinnerung.<\/p>\n<p>Deshalb hier die autobiografische Geschichte, die ich im Juli 2009 schrieb<\/p>\n<p>UND DIE SONNE GING AUF<\/p>\n<p>Ich hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft und in der hinteren Reihe des H\u00f6rsaals einen Platz ergattert, bevor die Vorlesung begann, und h\u00f6rte interessiert zu, was der Professor \u00fcber die unterschiedliche Entwicklung, die Motorik und den Bewegungsdrang von Kindern erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p>Oh ja, ich erinnerte mich, ich war auch ein sehr lebendiges Kind, milde ausgedr\u00fcckt. Heutzutage w\u00fcrde man sagen, ich sei wohl etwas hyperaktiv gewesen. Aber dieser Begriff, der heute fast wie Falschgeld benutzt wird, war in der Nachkriegszeit nicht gel\u00e4ufig. Au\u00dferdem hatten wir Kinder damals gen\u00fcgend Raum, um uns auszutoben. Auf den Stra\u00dfen fuhren nur sehr wenig Autos, und die Tr\u00fcmmergrundst\u00fccke waren phantastische Abenteuerspielpl\u00e4tze, wenn auch nicht immer ganz ungef\u00e4hrlich. Das Wippen auf den herausragenden Eisentr\u00e4gern machte Spa\u00df, und man konnte so allerlei entdecken und finden, was sich zum Spielen eignete. Da war auch kaum jemand da, der uns kontrollierte, denn die Erwachsenen waren damit besch\u00e4ftigt, die Existenz zu sichern und das Land wieder aufzubauen.<\/p>\n<p>Nur in der Schule, da musste man brav sein, still sitzen und schweigen, es sei denn, man war aufgerufen worden, was bei \u00fcber 40 Kindern nicht so oft vorkam. Wie schwer war mir das im zweiten Grundschuljahr gefallen!<br \/>\nUnser Klassenleiter, einer der vielen Lehrer, die der Krieg krank gemacht hatte, verlor schon mal bei uns Rasselbande die Nerven. Dass man sich dann mit dem Gesicht zur Wand in die Ecke stellen musste, war noch die harmloseste Art der Bestrafung. Wer Pech hatte, bekam den Rohrstock zu sp\u00fcren oder musste einem nassen Schwamm oder einem St\u00fcck Kreide ausweichen. Meine H\u00e4nde hatten schon mehrfach die Bekanntschaft mit dem Rohrstock gemacht. \u00dcber 40 Kinder zu b\u00e4ndigen, das war f\u00fcr die Nerven dieses Lehrers, der auch sehr nett sein konnte, zu viel. Und die Eint\u00f6nigkeit seines Unterrichts zementierte die Misere. \u201cWenn alles schl\u00e4ft und einer spricht\u2026\u201csagten wir sp\u00e4ter am Gymnasium zu so etwas. Nur damals als quirlige Zweitkl\u00e4ssler waren wir sehr ausgeschlafen und voll Tatendrang, zumal es ja auch noch kein Fernsehen gab; wir brauchten Bewegung f\u00fcr K\u00f6rper und Geist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich meinen Gedanken nachhing, war mir der Kuli, mit dem ich gespielt hatte, auf den Boden gefallen und lag der Kommilitonin neben mir zu F\u00fc\u00dfen. Als ich ihn aufhob und mich entschuldigte, stutzte ich. Obwohl sie wohl einem h\u00f6heren Semester angeh\u00f6rte, kam sie mir bekannt vor. Sie erinnerte mich an meine Lehrerin, die unsere Klasse im 3. Schuljahr \u00fcbernommen hatte.<br \/>\nWie gut ich mich daran erinnerte! Mit dem Erscheinen von Fr\u00e4ulein Pausewang in unserem Klassenzimmer war f\u00fcr uns Sch\u00fcler die Sonne aufgegangen. Und das hatte nicht nur daran gelegen, dass sie jung und h\u00fcbsch war und menschliche W\u00e4rme ausstrahlte, sie hatte auch eine f\u00fcr uns neue, wunderbare Art zu unterrichten und zu erziehen. Sie f\u00f6rderte unsre Phantasie und Kreativit\u00e4t in ihrem ganzheitlichen Unterricht, und endlich durften wir uns bewegen.Wir musizierten, spielten Theater, sagten Gedichte auf, und wir lernten dadurch unsere Sprache zu lieben. Sie weckte in uns die Freude an der Sch\u00f6nheit der Sprache und des gesprochenen Wortes, auch die Lust am Theaterspiel. Disziplin galt auch bei ihr, aber sie lenkte uns besonnen und g\u00fctig. Miteinander spielend lernen, das war wohl die Devise.<br \/>\nNur ein Jahr lang durfte ich bei ihr diesen Unterricht erleben, weil ich wegen unseres Umzugs die Schule wechseln musste. Aber die Begegnung mit dieser Lehrerpers\u00f6nlichkeit wirkte nachhaltig.<\/p>\n<p>Ich verwarf zun\u00e4chst den Gedanken, bei meiner Nachbarin k\u00f6nne es sich um meine verehrte Lehrerin handeln, schlie\u00dflich war sie ja damals schon eine gestandene P\u00e4dagogin gewesen. Dennoch sprach ich sie nach der Vorlesung darauf an.<\/p>\n<p>Sie war es tats\u00e4chlich, Gudrun Pausewang, meine Grundschullehrerin!<\/p>\n<p>Nachdem sie etliche Jahre in S\u00fcdamerika an deutschen Schulen unterrichtet und sich auch als Schriftstellerin profiliert hatte, war sie wieder nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt und studierte hier (wie ich kleines Erstsemester) an der Johannes-Gutenberg-Universit\u00e4t Germanistik.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck hat sie sich nicht nur ihrer Berufung als Schriftstellerin gewidmet (sie ist ja heute eine mit vielen Preisen ausgezeichnete, ber\u00fchmte Dichterin), sondern sie arbeitete bis 1989 auch als Lehrerin.<br \/>\nWie sagt doch Sokrates?<br \/>\n\u201e Wer nicht nur seine eigenen, sondern auch anderer Eltern Kinder gut erzieht, der dient f\u00fcrwahr einem Gott gef\u00e4lligen Ziel.\u201c<\/p>\n<p>Ingrid Herta Drewing<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 23.01.20 starb Gudrun Pausewang. Die Schriftstellerin hatfr\u00fcher auch hier in Wiesbaden gelebt und in der Nachkriegszeit als Lehrerin an der Lorcher Schule unterrichtet. Ich behalte sie in lieber Erinnerung. Deshalb hier die autobiografische Geschichte, die ich im Juli 2009 schrieb UND DIE SONNE GING AUF Ich hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft und in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[54,4331,29],"tags":[5602,5600,5601],"class_list":["post-22185","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-autobiografisches","category-dank","category-menschen","tag-gudrun-pausewang","tag-lehrerin","tag-schriftstellerin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22185","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22185"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22185\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22186,"href":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22185\/revisions\/22186"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22185"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22185"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22185"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}