{"id":26475,"date":"2023-01-27T23:09:20","date_gmt":"2023-01-27T22:09:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=26475"},"modified":"2023-12-15T11:50:18","modified_gmt":"2023-12-15T10:50:18","slug":"das-teufelsrad-auf-dem-andreas-markt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=26475","title":{"rendered":"Teufelsrad und Gl\u00fccksrad auf dem Andreas-Markt"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-26660\" src=\"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/maxresdefault-982464544-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>Auf einem Video \u00fcber das M\u00fcnchner Oktoberfest sah ich neulich, dass es das Teufelsrad immer noch gibt, das mir aus meiner Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit so gut bekannt ist.Das weckte alte Erinnerungen.<\/p>\n<p>Nach der W\u00e4hrungsreform von 1948, der 1949 die Gr\u00fcndung der Bundesrepublik Deutschland folgte, sowie der Einf\u00fchrung der Sozialen Markwirtschaft durch Ludwig Erhard und\u00a0 durch den Marshall-Plan wuchs in der Nachkriegszeit allm\u00e4hlich in Westdeutschland wieder die Wirtschaft.<br \/>\nIn den 50iger Jahren besserte sich zusehends die Lage auf dem Arbeitsmarkt, und man sprach vom Wirtschaftswunder.<br \/>\nAuch in meiner Familie hatten alle wieder einen festen Arbeitsplatz.Da das Einkommen meiner Eltern aber fast nur f\u00fcr die Existenzbed\u00fcrfnisse der Familie reichte, gab es f\u00fcr uns vier Kinder nat\u00fcrlich auch kein Taschengeld. Da mussten wir uns selbst etwas verdienen.Ich arbeitete einmal in der Woche als B\u00fccherkind in der Volksb\u00fccherei unsrer Stadt. Jeden Dienstag sortierte ich nachmittags drei Stunden lang die zur\u00fcckgegeben B\u00fccher wieder an ihren Platz in den Regalen ein. Daf\u00fcr erhielt ich 60 Pfennig; aber vor allen Dingen durfte ich mir kostenlos B\u00fccher ausleihen, wovon ich reichlich Gebrauch machte.Mit dem Lesen erschloss sich mir die Welt.<br \/>\nEs gab ja auch noch kein Fernsehen, geschweige denn alle elektronischen Ger\u00e4te, wie sie den Kindern und Jugendlichen heute zur Verf\u00fcgung stehen. Aber, was man nicht kennt, vermisst man auch nicht.<\/p>\n<p>Ein bei uns Kindern besonders beliebtes Ereignis in unsrer Stadt war immer der Andreas-Markt, den es bereits seit 1350 gegeben haben soll.<br \/>\nWir freuten uns auf diesen gro\u00dfen Jahrmarkt, der j\u00e4hrlich ab dem 30. November auf dem Els\u00e4sser-Platz stattfand. Meine Tanten und Onkel, die wie meine Mutter im West-End aufgewachsen waren und denen der Markt deshalb schon seit ihrer Kindheit vertraut war, erwiesen sich als freigiebig und schenkten ihren Nichten und Neffen jeweils eine DM aus diesem besonderen Anlass.<br \/>\nDas war relativ viel Geld f\u00fcr mich ( ein Br\u00f6tchen kostete damals 5 Pfennig).<br \/>\nEine Mark, die mir f\u00fcr mein Vergn\u00fcgen auf dem Markt zur Verf\u00fcgung stand! Aber auch Geld, das ich mir bei der Wahl der Attraktionen sorgf\u00e4ltig einteilte.<br \/>\nDie Vorfreude war immer gro\u00df, wenn ich von der Gneisenau-Stra\u00dfe in die Klarenthaler Stra\u00dfe einbog, am \u201e Dippemarkt\u201c mit seinen St\u00e4nden und den vielen Steingut-Gef\u00e4\u00dfen vorbei ging und von dort aus bereits die bunten Lichter der andern Buden sah.<br \/>\nBevor ich mir irgendetwas leistete, spazierte ich \u00fcber den ganzen Platz, um dieses Fest der Sinne zu genie\u00dfen. Es duftete nach Bratwurst, aber auch nach gebrannten Mandeln und Lebkuchen. And\u00e4chtig schaute ich zu, wie man Zuckerwatte in einem gro\u00dfen Kupfer-Kessel zauberte, und manchmal g\u00f6nnte ich mir auch welche.<br \/>\nHier schienen Entbehrungen der Kriegs-und Nachkriegszeit vergessen zu sein. Lachend fuhren die Fahrg\u00e4ste mit der Berg- und Talbahn oder der Geisterbahn.<\/p>\n<p>Aber es gab auch Kurioses, wo Menschen sich zur Schau stellten wie<br \/>\n\u201e Die dicke Berta\u201c; in einer Zeit, als die meisten Menschen eher noch untergewichtig waren, wohl eine Sensation.<br \/>\nBeim \u201eHau-den-Lukas\u201c konnte man mit einem gro\u00dfen Hammer seine Schlagkraft testen.<br \/>\nGeschicklichkeit mit Ringen, die \u00fcber Gegenst\u00e4nde zu werfen waren, oder das Abwerfen von Blechb\u00fcchsen lockten die J\u00fcngeren, w\u00e4hrend die Erwachsenen, meistens M\u00e4nner, an den Schie\u00dfbuden ihre Treffsicherheit auf die Probe stellten.<br \/>\nIn einem sogenannten \u201e Lach-Kabinett\u201c, fand man sein Konterfei durch Spiegel verzerrt wieder, was am\u00fcsant war.<br \/>\nViele versuchten andererseits ihr Gl\u00fcck, indem sie Lose kauften, um einen der Hauptgewinne ( Teddyb\u00e4ren oder Puppen), die aufgereiht in einem gro\u00dfen Wagen pr\u00e4sentiert wurden, zu erhalten.Da konnte man sein Geld schnell los werden.<br \/>\nBesser war da f\u00fcr mich schon ein kleiner Stand, wo ein Gl\u00fccksrad \u00fcberschaubar war, inmitten vieler Preise, die man gewinnen konnte. Auf eine wei\u00dfe, runde Scheibe, die in zw\u00f6lf Sektoren eingeteilt war, die verschiedene Vornamen trugen, legte man jeweils seine 10 Pfennig als Einsatz. Der Schausteller gab dem Rad, das sich unter der Scheibe befand, einen Schubs, so dass es sich drehte. Dabei leuchtete immer ein Name auf. Derjenige, dessen gew\u00e4hlter Name bei Stillstand des Rades noch leuchtete, hatte gewonnen und durfte sich etwas von den Waren auf dem Tisch aussuchen.<br \/>\nBevor ich mitspielte, beobachtete ich immer sehr lange, welche Namen oft siegten. Danach setzte ich nur einmal und gewann meistens.Noch heute erinnere ich mich an den Ausruf: \u201e Die Meta hat die Auswahl!\u201c<br \/>\nDieses Spielen bildete immer den Abschluss meines Marktbesuches, und ich trug meine gewonnene Troph\u00e4e stolz nach Hause.<\/p>\n<p>Die Hauptattraktion f\u00fcr mich war aber jedes Jahr immer das Teufelsrad. Da konnte man f\u00fcr 20 Pfennig Eintrittsgeld so lange bleiben, wie man wollte.In der runden Arena des Zeltes, das viel Platz f\u00fcr Zuschauer bot, drehte sich eine gro\u00dfe, glatt geschliffene Holzscheibe, die etwa acht Meter Durchmesser hatte und von einem erh\u00f6hten Punkt aus zur Peripherie des Kreises hin absch\u00fcssig war.<br \/>\nAuf dieser Plattform platzierten sich die Mitfahrenden und versuchten dabei, sich auf der Scheibe zu halten, w\u00e4hrend sie sich drehte.Da die Zentrifugalkraft mit der Drehgeschwindigkeit wuchs, rutschten viele sehr schnell hinunter, was lustig wirkte und die Zuschauer zum Lachen brachte. Wer sich geschickt lange auf der Scheibe hielt, weil er oben in der Mitte war, wurde dann mit einem weichen, gro\u00dfen Lederball, der an einem Seil hing, beworfen, bis auch er aufgab und hinab glitt.<\/p>\n<p>Da ich wusste, dass ich bei meinem Besuch auf dem Andreas-Markt auf das Teufelsrad gehen w\u00fcrde, zog ich immer meine Turnschuhe an, weil ich mich dann durch die Gummisohlen besser auf der Scheibe abst\u00fctzen konnte.Einmal habe ich es dann auch geschafft, mich so lange zu halten, bis der Lederball kam, und freute mich \u00fcber den Applaus der Zuschauenden.\u00a0 Dass der Schausteller generell auch an der Schadenfreude der Zuschauer verdiente, wenn die Mitfahrenden komische Bilder abgaben bei dem Versuch,\u00a0 der Fliehkraft zu trotzen, st\u00f6rte mich da wenig.<\/p>\n<p>Dieses Rad, das man wegen seiner &#8222;T\u00fccke&#8220; (der Zentrifugalkraft), die daf\u00fcr sorgte, dass sich keiner halten konnte, nach dem Teufel benannt hatte, war f\u00fcr mich immer eine sportliche Herausforderung und lie\u00df mich eher daran denken, dass man sich bem\u00fchen musste, gegen alles anzuk\u00e4mpfen, was einen abrutschen lassen k\u00f6nnte, ganz gleich wie auch das Leben sich\u00a0 drehte.<\/p>\n<p>\u00a9 Text: Ingrid Herta Drewing<\/p>\n<p>Foto: Pixabay, Teufelsrad, Oktoberfest 2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf einem Video \u00fcber das M\u00fcnchner Oktoberfest sah ich neulich, dass es das Teufelsrad immer noch gibt, das mir aus meiner Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit so gut bekannt ist.Das weckte alte Erinnerungen. 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