{"id":6376,"date":"2011-03-08T01:14:15","date_gmt":"2011-03-08T00:14:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=6376"},"modified":"2011-03-09T06:04:07","modified_gmt":"2011-03-09T05:04:07","slug":"murmelspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=6376","title":{"rendered":"Murmelspiel"},"content":{"rendered":"<p>Endlich Fr\u00fchling! Wie habe ich auch als Kind immer diese Jahreszeit herbeigesehnt. Je l\u00e4nger die Tage wurden, desto l\u00e4nger durften wir im Freien spielen. Und das war wohltuend, lebten wir doch in der Nachkriegszeit wegen der Wohnungsnot noch recht eingepfercht.<br \/>\nEndlich die Freiheit genie\u00dfen! Die Stra\u00dfe, ges\u00e4umt von Tr\u00fcmmergrundst\u00fccken, war unser Spielplatz. Oft spielten wir, wenn sich ein Ball fand, mit \u00fcber drei\u00dfig Kindern mitten auf der Stra\u00dfe V\u00f6lkerball. Denn Autos fuhren da kaum. Es gab in der Gegend nur einen alten DKW, der dem Spengler aus der Nachbarschaft geh\u00f6rte.Aber dieses Auto r\u00f6hrte so laut, dass wir es schon von weitem h\u00f6ren konnten, und au\u00dferdem tuckerte es recht langsam.<br \/>\nObwohl ich als M\u00e4dchen, dem damaligen Rollenmuster entsprechend, zu Hause mit meiner Puppe spielen oder bei der Hausarbeit helfen sollte , wie das andere M\u00e4dchen aus unserer Stra\u00dfe auch meistens taten, tobte ich lieber drau\u00dfen mit meinen Br\u00fcdern herum und riskierte es, als \u201e Gassenkind \u201e zu gelten.<br \/>\nMir war schon fr\u00fch aufgefallen, dass Jungen viel mehr Spielraum hatten und Spannenderes als M\u00e4dchen machen durften. W\u00e4hrend ich meinen verhassten dunkelblauen Faltenrock, den ich sonntags zu tragen hatte, immer artig ausb\u00fcrstete, konnten meine Br\u00fcder ihre schmutzigen H\u00e4nde an ihrer Lederhose abputzen, weil die ja dann noch z\u00fcnftiger aussah.<br \/>\nZum Gl\u00fcck lie\u00dfen mich meine Eltern ansonsten gew\u00e4hren; wahrscheinlich im eigenen Interesse, um in Ruhe arbeiten zu k\u00f6nnen.<br \/>\nWie ein Junge gekleidet, ich trug beim Spielen die Lederhose, die meinem \u00e4lteren Bruder nicht mehr passte, und mit kurz geschnittenem Haar f\u00fchlte ich mich im Alter von zehn Jahren fast wie ein Junge.<br \/>\nDa ich auch hart im Nehmen war, ich fing beim Ballspiel auch die \u201ehart gebolzten\u201c B\u00e4lle, akzeptierten mich die Jungs auf der Stra\u00dfe wie einen Kumpel und lie\u00dfen mich mitspielen.<br \/>\nUnsere Spiele ver\u00e4nderten sich mit dem zeitlichen Abstand zum Kriegsende. Spielten wir anfangs noch \u201eDer Kaiser schickt seine Soldaten aus\u201c oder \u201eDeutschland erkl\u00e4rt den Krieg gegen\u2026\u201c, wobei es um Landgewinn ging, so wurden die Spiele allm\u00e4hlich friedlicher. Die M\u00e4dchen entwickelten eine Vorliebe f\u00fcr Seilh\u00fcpfen und Hickeln, die Jungen bevorzugten Mannschaftsspiele aller Art. <\/p>\n<p>Ein Spiel gefiel aber allen im Fr\u00fchling, das Murmelspiel. Waren es zun\u00e4chst noch angemalte Tonklicker, die es in schillernden Farben gab( sogar mit Silber- und Goldschimmer), so kamen nach und nach auch wundersch\u00f6ne Glasmurmeln ins Spiel.<br \/>\nDa wir vier Kinder waren und meine Eltern hart arbeiten mussten, um die Existenz der Familie zu sichern, konnte ich f\u00fcr solche Kinkerlitzchen kein Geld erwarten. Aber ich war geschickt im Klickerspiel und kam auch so zu den begehrten Glaskugeln.<br \/>\nF\u00fcr das Murmelspiel  drehten wir, wenn wir kein schon vorhandenes Klickerloch fanden, meistens mit dem Absatz unseres Schuhs ein neues in den Lehmboden. Dann stellten sich die Spieler in einem Abstand von 3 bis 4 Metern davor auf und warfen ihre Murmeln in Richtung Loch. Der Reihe nach durfte man dann versuchen, die Klicker oder Glaskugeln ins Loch zu knipsen. So lange man traf, war man am Zug. Wer die letzte Kugel ins Loch schoss, dem geh\u00f6rte der gesamte Inhalt. Oft waren es die besser betuchten Einzelkinder, die gleich mit einem ganzen Sack neu gekaufter Glaskugeln anr\u00fcckten und dann nat\u00fcrlich auch mitspielen wollten. Sie tauschten dann schon gern einmal eine Glaskugel gegen drei Tonkugeln ein. Und manchmal verloren sie dann im Spiel den gr\u00f6\u00dften Teil ihres Schatzes. So wurde auch ich stolze Besitzerin von einigen Glaskugeln, die ich dann abends, wenn ich nachhause kam, wusch, blank rieb und sorgsam nach Gr\u00f6\u00dfe und Farbe sortierte. Da gab es die \u201eR\u00f6schen\u201c,mit einem  in durchsichtiges Glas eingeschlossenen Bl\u00fcmchen in Rot, Gelb oder Blau, die \u201eFarbschlangen\u201c, die \u201eBullas\u201c, die f\u00fcnf kleine Murmeln wert waren, und die \u201eRegenbogenkugeln\u201c in ihren schillernden Farben. Ein wahrer Schatz f\u00fcr einen passionierten Murmelspieler.<br \/>\nIch liebte das Murmelspiel, das ich sehr gut beherrschte und verga\u00df beim Spielen schon einmal  die Zeit, was mich einmal in Schwierigkeiten brachte.<br \/>\nDamals hatten wir auch samstags Schulunterricht, und ich kam dann immer so um  13.30 Uhr heim.<br \/>\nAn einem strahlenden Samstag im Fr\u00fchling traf ich auf meinem langen Heimweg( wir fuhren damals nicht mit dem Bus zur Schule) fast in jeder Stra\u00dfe auf Kinder,<br \/>\ndie Murmeln spielten, und ich konnte es mir nicht verkneifen, da mitzumachen, zumal ich drei Glaskugeln in der Tasche hatte. An diesem Tag war mir das Spielergl\u00fcck hold. Ich gewann unaufh\u00f6rlich, und ich hatte \u00fcber 100 Glaskugeln in meiner Jackentasche, als ich nach Hause kam.<br \/>\nEin siegreicher, r\u00f6mischer Feldherr kann wohl kaum mehr Stolz und Freude empfunden haben bei seinem Triumphmarsch in Rom. Doch dieses Gl\u00fccksgef\u00fchl \u00fcber meinen Beutezug w\u00e4hrte nicht lange. Da gab es n\u00e4mlich weder Jubel noch Lob.<br \/>\nStattdessen empfing mich meine Mutter mit einer ungewohnt eisigen Miene und schimpfte: \u201cMein liebes M\u00e4dchen, was f\u00e4llt dir ein, so sp\u00e4t nachhause zu kommen, zwei Stunden zu sp\u00e4t bist du! Wir haben uns schon Sorgen um dich gemacht, wo warst du?\u201c<br \/>\nAls ich erkl\u00e4rte, dass ich beim Murmelspiel wegen meiner Gl\u00fccksstr\u00e4hne  die Zeit vergessen h\u00e4tte, und, um Verst\u00e4ndnis heischend, meinen Schatz an Glaskugeln pr\u00e4sentierte, riss meiner Mutter der Geduldsfaden, und sie verdonnerte mich zu vierzehn Tagen Hausarrest. Nicht raus zu d\u00fcrfen, das war damals die schlimmste Strafe f\u00fcr mich. Aber ich sah ein, dass ich mich falsch verhalten hatte.<\/p>\n<p>Die Strafe wurde vollzogen und obwohl ich sehr gerne B\u00fccher las, wof\u00fcr ich dann ausgiebig Zeit hatte, war es hart f\u00fcr mich, bei dem sch\u00f6nen Wetter nicht mit den anderen Kindern im Freien spielen zu d\u00fcrfen.<br \/>\nDennoch war das f\u00fcr mich eine wirkungsvolle Erfahrung , und ich hielt mich fortan an die zeitlichen Abmachungen, was besonders sp\u00e4ter in der Pubert\u00e4t nicht immer leicht war, wenn die anderen nach dem Jugendabend noch l\u00e4nger an der Litfasss\u00e4ule miteinander plauschten, w\u00e4hrend ich gehen musste, um p\u00fcnktlich zu Hause zu sein.<br \/>\nAber r\u00fcckblickend bin ich meiner Mutter f\u00fcr ihre konsequente Erziehung dankbar, zumal ich, selbst heute Mutter von vier Kindern, wei\u00df, wie schwer es auch f\u00fcr Eltern ist, konsequent zu sein. <\/p>\n<p>Ingrid Herta Drewing<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich Fr\u00fchling! 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