{"id":9119,"date":"2012-12-06T00:52:08","date_gmt":"2012-12-05T23:52:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=9119"},"modified":"2012-12-06T12:39:58","modified_gmt":"2012-12-06T11:39:58","slug":"der-falsche-und-der-echte-nikolaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=9119","title":{"rendered":"Der falsche und der echte Nikolaus"},"content":{"rendered":"<p>Als Kind ist man in besonderem Ma\u00dfe dazu bereit,an Geheimnisvolles und Wunderbares zu glauben. Vor allem die Advents &#8211; und Weihnachtszeit weckt da viele Erwartungen, die ja auch durch die Erz\u00e4hlungen der Erwachsenen noch gen\u00e4hrt werden.<br \/>\n   Das war f\u00fcr mich als Kind in der Nachkriegszeit nicht anders. Am Nikolaustag hielt ich deshalb schon morgens Ausschau nach dem heiligen Mann, der ja an seinem roten Kapuzenmantel und dem gro\u00dfen Sack zu erkennen sein sollte.Angeblich sei der Sack nicht nur f\u00fcr Geschenke, sondern auch f\u00fcr unartige Kinder gedacht, die auch mit der Rute von ihm bestraft w\u00fcrden.Mir war der Nikolaus noch nie begegnet, aber bei unserem B\u00e4cker hatte ich in der Auslage so eine Rute gesehen.Sie war mit leckerem Zuckerwerk behangen.Also konnte das ja nicht allzu schlimm sein. Dennoch war mir bei dem Gedanken an eine m\u00f6gliche Strafe nicht ganz geheuer. Wir Kinder kannten ja damals nicht das Bild des wonnigen Weihnachtsmannes aus der Fernsehwerbung, wie es heute verbreitet wird. Das einzige Nikolausbild, das ich kannte, war das aus dem alten Struwwelpeterbuch.Darin straft ein riesengro\u00dfer Nikolaus die b\u00f6sen Buben,indem er sie am Schopf fasst und tief in schwarze Tinte taucht, weil sie den Mohren ausgelacht haben.<br \/>\n   Nun ja, ich hatte zwar keinen dunkelh\u00e4utigen Menschen verspottet( die amerikanischen Soldaten, die wir sahen, n\u00f6tigten uns ja schon durch ihre Uniform und ihre Bewaffnung Respekt ab),aber immer brav war ich auch nicht gewesen.Meine Mutter, die zum Gl\u00fcck vor dem Krieg im Frisiersalon ihres Vaters das Handwerk sehr gut gelernt hatte und auch ohne Salon nach dem Krieg  noch gefragt war, wodurch sie uns  ern\u00e4hren konnte,nahm mich bei ihren Hausbesuchen zu ihren Kundinnen mit. Da musste ich dann immer ganz sittsam sein und warten, bis sie mit ihrer Arbeit fertig war. Manche Kundinnen wollten im Winter nicht, dass ihre langen Haare gewaschen wurden, und Mutter musste ihnen dann mit ihrer Brennschere Locken in die fettigen Haare ondulieren, was nicht gerade angenehm roch. Ich durfte mir das aber nicht anmerken lassen, und das fiel mir nicht immer leicht.<br \/>\n   An einem Nikolausabend kamen Mutti und ich wieder von so einem Kundenbesuch  nach Hause zur\u00fcck.Ich war sehr aufgeregt, denn es war schon mehrmals an diesem Tag vom Nikolaus die Rede gewesen.Als wir im ersten Stock des halb zerst\u00f6rten Mietshauses, in dem wir seit Kriegsende wohnten, angekommen waren, sahen wir vor uns den Nikolaus, wie er die Stufen zu D\u00f6rrs, unseren Nachbarn, hoch stieg. Ich blieb erschrocken stehen; auch meine Mutter ging nicht weiter. Denn aus dem Sack, den der Nikolaus trug, baumelten unten zwei Kinderbeine heraus.Welches arme Kind wurde da bestraft? W\u00fcrde ich jetzt auch in den Sack gesteckt? Ich f\u00fcrchtete mich und versteckte mich hinter meiner Mutter, bis der vermeintliche Nikolaus in der Wohnung der Nachbarn verschwunden war.<br \/>\nMeine Mutter strich mir liebevoll \u00fcber das Haar und erkl\u00e4rte mir, das sei gar nicht der echte Nikolaus.Da habe sich jemand nur einen dummen Scherz ausgedacht und ausgestopfte, beschuhte Str\u00fcmpfe an den Sack gen\u00e4ht, um andere damit zu erschrecken.<br \/>\nObwohl ich meiner Mutter vertraute, war ich mir doch nicht so ganz sicher, ob das so war.<br \/>\n   Als es dann eine halbe Stunde sp\u00e4ter an unsrer Wohnungst\u00fcr klingelte, versteckte ich mich hinter der ge\u00f6ffneten Zimmert\u00fcr, weil ich f\u00fcrchtete, jetzt w\u00fcrde auch ich in diesen Sack gepackt.<br \/>\nWie erleichtert war ich, als eine dunkle, sanft klingende Stimme sagte, er sei der Nikolaus und habe geh\u00f6rt, dass hier ganz liebe Kinder wohnen.Er trat zu meinem Br\u00fcderchen ans Gitterbettchen und segnete das Kind. Nun wagte auch ich mich aus meinem Versteck und sah einen wundersch\u00f6nen Nikolaus vor mir.Er war in ein mit goldenen Borten verziertes, wei\u00dfes,langes Gewand gekleidet, trug eine Bischofsmitra und hielt einen Bischofsstab in der Hand.<br \/>\n   Ich wei\u00df nicht mehr, was mich mehr beindruckte, der wei\u00dfe Rauschebart, die wohlklingende Stimme oder der freundliche,g\u00fctige Blick.Seine ganze Erscheinung hatte f\u00fcr mich etwas Wunderbares,und ich wusste, das war der echte Nikolaus, nur so konnte der heilige Mann sein, g\u00fctig, nicht strafend, und froh nahm ich den Apfel, den er mir reichte.<br \/>\n    Jahre sp\u00e4ter erfuhr ich, wer uns Kinder da begl\u00fcckt hatte. Es war der \u00e4lteste Sohn unseres B\u00e4ckers aus der Nachbarschaft gewesen, der sich, da er Priester wurde, die passende Kleidung ausgeborgt hatte, um uns Kindern  eine Freude in der schweren Nachkriegszeit zu machen.<\/p>\n<p>\u00a9 Ingrid Herta Drewing<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Kind ist man in besonderem Ma\u00dfe dazu bereit,an Geheimnisvolles und Wunderbares zu glauben. Vor allem die Advents &#8211; und Weihnachtszeit weckt da viele Erwartungen, die ja auch durch die Erz\u00e4hlungen der Erwachsenen noch gen\u00e4hrt werden. Das war f\u00fcr mich als Kind in der Nachkriegszeit nicht anders. 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