{"id":9288,"date":"2013-01-02T02:04:53","date_gmt":"2013-01-02T01:04:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=9288"},"modified":"2013-01-02T02:04:53","modified_gmt":"2013-01-02T01:04:53","slug":"das-herder-lexikon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ingriddrewing.de\/?p=9288","title":{"rendered":"Das Herder-Lexikon"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Heute beim Abstauben der B\u00fccher hielt ich sie wieder einmal in H\u00e4nden, die drei gro\u00dfen,gr\u00fcnen  B\u00e4nde, \u201e DER NEUE HERDER\u201c. Wie oft hatten mich meine erwachsenen Kinder schon darum gebeten,ich m\u00f6ge sie endlich entsorgen. Vieles, was darin stehe, sei ohnehin veraltet. Au\u00dferdem h\u00e4tte ich doch den Brockhaus im Regal, zudem gebe es auch noch die M\u00f6glichkeit, mich im Internet kundig zu machen.<br \/>\nAber ich habe es bis zum heutigen Tag nicht \u00fcbers Herz gebracht, mich von diesem Lexikon zu trennen; zu viele Kindheitserinnerungen verbinde ich damit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich meine Mutter, die eine sehr starke Frau war, weinend im Zimmer sitzen sah. Der Anlass daf\u00fcr war dieses Lexikon. Mein Vater hatte sich von einem Vertreter, der ihm die Vorz\u00fcge dieses Werkes anpries, den Kauf aufschwatzen lassen und die Subskription unterschrieben; allerdings konnte man den Betrag von 150 DM in Raten bezahlen.<br \/>\nNa und, 150 DM, das geht doch, w\u00fcrde man heute locker sagen. Aber mein Vater verdiente im Monat 60 DM. Davon mussten sechs Personen leben.Auch wenn damals die Lebensmittelpreise niedriger waren als heute( f\u00fcnf Pfennige kostete ein Br\u00f6tchen) musste meine Mutter schon sehr gut haushalten, um alle mit dem N\u00f6tigsten zu versorgen. In der heutigen Wegwerfgesellschaft kann man sich gar nicht vorstellen, wie sparsam man mit den Mitteln umgehen musste.Zum Gl\u00fcck gab es da noch die Naturalien aus Opas Schrebergarten, die Mutter sich aber mit ihren Geschwistern teilte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war f\u00fcr sie nicht leicht, vier heranwachsende Kinder und einen Mann, der k\u00f6rperlich schwer arbeiten musste, zu ern\u00e4hren.Ich kann mich noch gut daran erinnern,dass mein gro\u00dfer Bruder einmal, als er f\u00fcr die Familie Brot kaufen sollte, auf dem Heimweg fast schon einen ganzen Laib aufgegessen hatte, und wie schlimm es war, wenn man ein paar Tropfen Milch versch\u00fcttete, weil man das Milchk\u00e4nnchen, in das  die Milch vom Kaufmann schoppenweise eingef\u00fcllt wurde,nicht ruhig genug nach Hause getragen hatte.Vieles, was f\u00fcr uns heute selbstverst\u00e4ndlich ist,gab es nicht oder konnte von dem wenigen Geld nicht erstanden werden.<\/p>\n<p>Deshalb freuten wir uns \u00fcber die Schulspeisung, die es f\u00fcr uns Sch\u00fcler ab 1952   manchmal gab, warmer Kakao und Kekse.Ansonsten sammelten wir Pilze, Walderdbeeren, Himbeeren,Brombeeren,Heidelbeeren und Fallobst, wenn der Bauer es erlaubte.So klein wir waren, halfen wir doch auch gern bei der Kartoffelernte auf dem Feld bei Bauer Ismar, weil wir dann auch ein paar Kartoffeln mit nach Hause nehmen durften. Aus den Bucheckern, die wir gemeinsam mit Mutter sammelten,konnte man sich in einem Laden in der Bleichstra\u00dfe \u00d6l pressen lassen, und die leckeren Esskastanien, die wir in den Herbstferien bereits morgens um sechs Uhr \u201eUnter den Eichen\u201e aufsammelten,waren eine K\u00f6stlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df trotzdem nicht, wie Mutter es schaffte,uns alle \u00fcber die Runden zu bringen.Ich hatte nie das Gef\u00fchl, wirklich zu hungern und denke noch heute daran, wie herzhaft das Tomatenbrot mit Zwiebeln und Salz im Sommer mundete und das Schmalzbrot im Winter, wenn zuvor die Mischbrotscheiben auf dem Kohlenofen in der Wohnk\u00fcche getoastet worden  waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl ich erst acht Jahre alt war, konnte  ich den Kummer meiner Mutter gut verstehen, wenn sie sich fragte, wie wir nun auch noch dieses teure Lexikon bezahlen sollten. Vater  tr\u00f6stete  sie und sagte, er werde wieder einige Bilder malen und an Herrn Ikstadt verkaufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er malte hinrei\u00dfend sch\u00f6ne Aquarelle, die von den amerikanischen Soldaten in Ikstadts Gesch\u00e4ft in der Langgasse als Souvenir gekauft wurden. Viel verdiente Vater ja nicht daran. Wie es allen K\u00fcnstlern fr\u00fcher erging,machte auch hier der Kunsth\u00e4ndler den besseren Schnitt. Aber das Malen an sich bereitete Vater Freude. Wenn er seine gebirgigen Winterlandschaften mit dem Pinsel zum Leben erweckte, malte er, der Heimatvertriebene, sich all seine Sehnsucht nach dem verlorenen Sudetenland von der Seele. Mutter, die mit mir und dem kranken Gro\u00dfvater, der ausgemustert war, w\u00e4hrend des Krieges und kurz danach alleine lebte, hatte Vater,einen Witwer mit zwei Kindern, im Winter 1946 beim Schreiner Werner kennen gelernt, wo er arbeitete. Werners Frau war eine ihrer Kundinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie gl\u00fccklich war ich, als die beiden heirateten, und ich meine drei Jahre \u00e4ltere Schwester Renate und den sechs Jahre \u00e4lteren, gro\u00dfen Bruder Herbert bekam. Als dann 1949 W\u00f6lfchen, unser kleines Br\u00fcderchen geboren wurde, war unsre Patchwork-Familie, wie man so etwas heute nennt, komplett. Und obwohl das Leben damals nicht immer leicht war, f\u00fchlte ich mich in dieser Familie geborgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tag im Jahre 1952, an dem das Prachtwerk von einem Lexikon geliefert wurde, ist mir noch recht gut im Ged\u00e4chtnis.Es wurde vorgef\u00fchrt, wie es heute manche Leute mit einem neuen Auto machen. Nachdem wir alle die H\u00e4nde gr\u00fcndlich gewaschen und abgetrocknet hatten,durften wir es uns anschauen.Die Eltern pr\u00e4sentierten uns einen Traum, in Gr\u00fcn eingebunden,B\u00fccher,in denen sich uns ein andere Welt offenbarte.<br \/>\nWir hatten ja kaum B\u00fccher, da im Krieg fast alles verbrannt war.Ich besa\u00df einen Katechismus mit Zeichnungen, ein M\u00e4rchenbuch und den Struwwelpeter.Und nun war da dieses Lexikon,das nicht nur vieles erkl\u00e4rte, sondern auch reichlich mit Bildern illustriert war. Besonders beeindruckten mich die Farbtafeln, die den Menschen, seine Muskeln, Knochen und inneren Organe zeigten. Wundersch\u00f6n erschienen mir auch die farbigen Zeichungen von Tieren und Pflanzen.W\u00e4hrend die meisten anderen Familienmitglieder nur in das Buch schauten, wenn sie etwas nachschlagen wollten, las ich von nun an intensiv darin und holte mir so die fremde Welt nach Hause. Und das lag nicht nur an meinem gro\u00dfen Wissensdurst, sondern auch darin, dass mir bewusst geworden war, wie teuer dieses Buch war.<br \/>\nHier wurde mit der Grundstein f\u00fcr meinen Bildungshunger gelegt, weil ich damals unbewusst erfahren habe, welche Sch\u00e4tze sich in B\u00fcchern verbergen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a9 Ingrid Herta Drewing<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute beim Abstauben der B\u00fccher hielt ich sie wieder einmal in H\u00e4nden, die drei gro\u00dfen,gr\u00fcnen B\u00e4nde, \u201e DER NEUE HERDER\u201c. Wie oft hatten mich meine erwachsenen Kinder schon darum gebeten,ich m\u00f6ge sie endlich entsorgen. Vieles, was darin stehe, sei ohnehin veraltet. 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