Archive for the Category Jahreszeiten

 
 

Alter Baum


Das Jahr geht gar zu schnell zur Neige;
schon steht November nebelmüde da.
Die letzten Blätter klammern sich an ihre Zweige
und zittern fröstelnd, wenn der Raureif nah.

Es fällt so schwer, den Sommer loszulassen,
die Winde rütteln rau den alten Baum
und rauben ihm an Tagen, regennassen,
das feuchte Kleid, er wehrt sich kaum .

Sodann der Nebelkrähen große Scharen
bevölkern sein geplündertes Geäst.
Er zeigt sich raugereift mit grauen Haaren,
erduldet noch der Vögel lautes Fest.

Es währt nur kurze Zeit, sie ziehen
hin zu den Feldern an den nahen See.
Den alten Baum erfreut ihr flatternd Fliehen;
geduldig wartet er auf ersten Schnee.

Bald im Dezember bringt ein sanfter Morgen
den weißen Schneepelz, und zur Nacht
fühlt sich der alte Baum in ihm geborgen,
gehüllt in weiche Glitzerpracht .

Nun ruht auch er und mag wohl träumen
vom Leben nach der stillen Zeit,
wenn ihm im lichten Frühlingsschäumen
neu wächst ein zartes, grünes Kleid.

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing,

Der Veteran

Er sitzt vor dem Fernsehgerät, das gerade die Tagesschau sendet.Was er da vernimmt, ruft bei ihm längst verdrängte Erinnerungen wach.

„Soldaten, junge Männer, die in den Krieg ziehen; die einen, weil sie ihr Heimatland verteidigen müssen gegen einen Aggressor, der rücksichtslos Stadt und Land bombardieren lässt, die anderen, die zwangsrekrutiert wurden, um dem imperialistischen Machthunger der Staatsführung zu folgen, Kanonenfutter für die Front.Wem es möglich ist, weil er oder seine Eltern genügend Geld haben, der kann sich dem noch schnell entziehen, ins Ausland fliehen.Die anderen sind dem Militärdienst ausgeliefert.

Genau wie bei mir und meinem Zwillingsbruder, auch wir hatten keine Wahl und wurden mit 18 Jahren eingezogen.Nach dem Gesetz von 1935 sollten Männer eigentlich erst mit 20 Jahren der Wehrpflicht unterliegen, aber je länger der Zweite Weltkrieg dauerte, den Hitler mit der Besetzung Polens 1939 begonnen hatte, je mehr Länder von deutschen Truppen angegriffen und besetzt wurden, desto mehr Soldaten fielen auf den Schlachtfeldern, und neue Rekruten mussten nachrücken
   Dieser wahnsinnige Angriffskrieg war wie ein Moloch, der Millionen Menschen verschlang, von den Opfern in den besetzten Gebieten und den Konzentrationslagern ganz zu schweigen.
   Wie ich später erfuhr, wurden 1944 / 1945 dann nicht nur Siebzehnjährige eingezogen. Da die Bombardierungen in Deutschland nicht mehr von Jagdfliegern verhindert werden konnten, holte man die Fünfzehnjährigen von der Schulbank und machte sie zu Flakhelfern ( ca. 200000 Jugendliche) für die Luftabwehr.
   Mein Vater, der im ersten Weltkrieg schwer verwundet worden war und noch an den Folgen zu leiden hatte, wurde deshalb bei Beginn des Krieges nicht eingezogen, und er hatte Glück, dass er nicht noch kurz vor dem Ende wie viele alte Männer in diesen verheerenden Krieg gehen musste.
Allerdings waren er und meine Schwestern bereits dreimal ausgebombt worden, und das Leben der Zivilisten war bedrückend. (Unsre Mutter, die schon vor dem Krieg an Krebs gestorben war, blieb wenigstens von diesen schrecklichen Erlebnissen verschont.)
   Ständig gab es Alarm, und sie mussten schnell zum Luftschutzkeller eilen, um sich einigermaßen in Sicherheit zu bringen.So sehnte man nicht nur an der Front, sondern auch in der Heimat Waffenstillstand und Frieden herbei.Aber darüber durfte man in der Öffentlichkeit nicht sprechen, sonst wurde man wegen Wehrkraftzersetzung belangt, so wie man auch in Russland nun wieder Anders-Denkende und Kriegsgegner angreift.
   Und auch jetzt wieder so ein abscheuliches Vorgehen, wobei ferngelenkte Raketen und Drohnen Bomben auf unschuldige Menschen werfen, ihre Existenzgrundlage, ihr Zuhause oder sogar ihr Leben zerstören.
   All das müssen diese armen Menschen nun in der Ukraine erleben, obwohl sie ihr Land nur verteidigen und selbst nicht einen Krieg begonnen haben wie das sogenannte „Dritte Reich“ damals.
Aber auch diesen jungen Soldaten, die der Diktator jetzt in Russland in den Krieg zwingt, steht die Furcht ins Gesicht geschrieben; ihr junges Leben in einem Angriffskrieg zu verlieren.Ein „Brudervolk„ zu überfallen, dem der Präsident und seine Entourage die eigene Identität als Staat absprechen. Das ist kein Motiv! Diese Wehrdienstleistenden wissen nicht, wofür sie da eigentlich kämpfen.Und ihre Mütter, die sich dagegen auflehnen, macht man schnell mit Gewalt mundtot.
   Es gibt nichts Sinnloseres als Kriege zu führen, dadurch konnte noch nie ein Staat dauerhaft gewinnen. Das hat uns Europas Geschichte doch gezeigt!
Damals habe ich auch nicht wirklich gewusst, warum wir in den Krieg ziehen mussten. Unsere Eltern waren immer für eine Erziehung mit guten Worten gewesen. Aber die Nazis waren an der Macht und die Gestapo tat ihr Übriges.
   Vom Nationalismus und Hitlerkult besoffen, hatten sich aber sogar etliche aus meinem Bekanntenkreis freiwillig gemeldet, was ich nicht verstehen konnte. Aber nach der so früh in der Hitler-Jugend erfolgten Indoktrinierung „ Für Führer und Vaterland“ war das ja vielleicht auch nicht verwunderlich.
   Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit Friedrich, meinem Zwillingsbruder, nach der Grundausbildung 1941 auf dem großen Schiff nach Afrika gefahren war, wo wir mit der Panzerdivision unter Rommels Führung den italienischen Streitkräften in Libyen zur Hilfe kommen sollten. Hitler wollte damit Mussolini stützen, der den Angriffskrieg in Nordafrika befohlen hatte, aber damit wenig erfolgreich war.
   Mitte April wurde dann gemeinsam von italienischen und deutschen Soldaten die ägyptische Festung der Hafenstadt Sallum eingenommen. Wegen Engpässen in der Versorgung konnte dann aber nicht, wie geplant, von dort aus das von den Briten besetzte Tobruk besetzt werden, was mit unsrer Panzerdivision unter Rommels Führung allerdings im Juni 1942 u.a. durch die Hilfe von Sturzkampfbombern der Luftwaffe gelang, die auch den Nachschub durchs Mittelmeer sichern halfen.
   Mein Bruder und ich wurden zwar mehrfach leicht verwundet, aber nichts war so gravierend, um uns nach Hause zu schicken.Leider wurden wir dann noch getrennten Einheiten zugewiesen.

Ich erinnere mich noch immer an die Hitze, den feinen Wüstensand auf den Lippen, dem auch die Luftfilter der Panzer nicht gänzlich gewachsen waren, sodass die Motorleistung gemindert wurde.
   Ja, hart war der Kampf in Libyen und Ägypten auch wegen der klimatischen Verhältnisse. Das Wüstenklima, das tagsüber bis zu 50° Celsius heiß war und nachts bis unter 0° Celsius fiel, verursachte einen hohen Krankenstand und schwächte uns sehr.Vier bis fünf Liter Wasser hätte man da pro Mann gebraucht, aber oft war die Versorgungslage schlecht, obwohl die Einheimischen uns ja manchmal halfen. Sie begegneten uns oft freundlich, weil sie sich von uns eine Befreiung von britischer Kolonialherrschaft versprachen.
   Zwar war auch ich an der Waffe ausgebildet, aber dann dem Sanitätsdienst zugeordnet worden.Darüber war ich sehr froh, denn auf Menschen zu schießen, das wollte ich vermeiden, auch wenn es der Feind war.Da nahm ich es lieber in Kauf, auf dem Schlachtfeld herumzukriechen, um Verletzte zu bergen, dem Militärarzt beim Amputieren zu helfen und die verwundeten Kameraden zu pflegen.
   Ich bin aber noch sehr viele Jahre lang nach dem Krieg nachts Schweiß gebadet aufgewacht, weil ich vom Donnern der Kanonen, den Explosionen und den Schreien der Verletzten träumen musste. Auch wenn ich im Krieg, in der Gefahr einfach nur zu funktionieren hatte, fast mechanisch als Sanitäter das ständige Leid, das Blut der Verwundeten wahrnahm und meine Aufgaben erfüllte, ohne lange zu grübeln, hat sich alles, was ich dort erleben musste, doch tief in mein Unterbewusstsein eingegraben.

Je länger dieser Krieg dauerte und die Nachschub-Probleme auch durch Hitlers Zweifronten-Krieg größer wurden, desto schwieriger wurde auch unsere Lage in Libyen und Ägypten.Außerdem waren die USA im Januar 1942 bereits in den Krieg gegen Deutschland, Italien und Japan eingetreten, und sie unterstützten die Briten auch in Nordafrika mit Rüstungsgütern und Soldaten.
   Obwohl wir durch Rommels Offensive, den man wegen seiner Taktik „Wüstenfuchs“ nannte, im Juni 1942 El Alamein einnahmen und dort von den Briten sogar 10000 Tonnen Treibstoff erbeuteten, konnte man der Übermacht der Alliierten, die dann mit 100000 neuen amerikanischen und britischen Soldaten anrückten, nicht lange trotzen. Am 13. November musste Rommels Division Tobruk aufgeben.
   Am 13. Mai 1943 erfolgte dann in Tunis die Kapitulation des Afrika Korps unter Rommels Nachfolger.
Das habe ich aber dort nicht mehr miterlebt. Denn ich war bereits in der Schlacht um El Alamein im Juni schwer verwundet worden und in ein Heimat-Lazarett gekommen. Nach meiner Genesung wurde ich an die Westfront abkommandiert, wo ich bei Kriegsende in französische Gefangenschaft geriet.
   Dort gelang mir aber dann im Sommer 1947 die erfolgreiche Flucht aus dem Lager.Ich war mehrere Wochen unterwegs, schwamm dann über den Rhein und kam endlich wieder nach Hause. Zwei Jahre später wurde mein Bruder Fritz aus britischer Gefangenschaft entlassen.
Wir haben wirklich noch Glück im Unglück gehabt; allein in unserem Afrika Korps soll es 40000 Tote (18600 davon von der deutschen Wehrmacht) 275000 Kriegsgefangene gegeben haben.
Weltweit starben durch den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust schätzungsweise 80 Millionen Menschen.
Ich hatte so gehofft, dass wir wenigstens hier in Europa auf Dauer in Frieden miteinander leben könnten, besonders nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, als Gorbatschow und später auch Putin vom „Europäischen Haus“ sprachen.
Zumal bereits so viele Staaten in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts durch die Gründung der EU hier die friedliche Zusammenarbeit und Rechtsstaatlichkeit praktizierten.
Und nun muss man befürchten, dass dieser Krieg in der Ukraine, der bereits so viel Leid über die Menschen dort gebracht hat und seine schlimmen Auswirkungen schon weltweit zeigt, weiter eskaliert und zu einem erneuten Weltkrieg führt, in dem sogar Atomwaffen eingesetzt werden könnten.
Dagegen sollten doch alle Staaten in der UNO aufbegehren.
Aber offenbar haben viele nichts aus den Schrecken des Zweiten Weltkrieges gelernt!“

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing

Winterfern

Heut schenkt die Sonne weite Sicht,
lässt hell den Tag beginnen,
der nun in ihrem goldnen Licht
der Stadt den neuen Glanz verspricht,
die Nebeln darf entrinnen.

Mich lockt zum Park der Wiesen Grün,
des Schwarzbachs muntres Rauschen.
Die Weiden wie im Frühling blüh’n,
am Himmel Glückes Vögel zieh’n,
die ihr Quartier schon tauschen.

Bei ihrem Zug zum Winterhort
die Kraniche kurz bleiben,
wo in der Wetterau vor Ort
sie sammeln sich, nur fliegen fort,
sollt‘ Frost sie dort vertreiben.

Doch noch zeigt Winter nicht die Spur,
kein Frost, kein Schnee-Verwehen.
Vorfrühling dreht schon an der Uhr;
ein Weckruf scheint’s für die Natur,
und Gänseblümchen stehen.

© Foto und Text: Ingrid Herta Drewing

Naturnähe

Wie gut, dass wir hier hautnah noch erleben,
empfinden können alle Jahreszeiten,
dass uns Natur im Umfeld ist gegeben
und nicht nur virtuell im Bildschirm-Gleiten!

Dass es noch Häuser gibt, wo man die Fenster
weit öffnen kann, die frische Luft zu spüren,
und nicht im Bann geschäftiger Gespenster
sich lässt das Leben weich gespült filtrieren!

Noch ist der Mensch ein Wesen, das Natur
in Nähe braucht, nicht nur PC, Maschinen,
die leicht auch führen in des Fremdseins Spur,
obwohl die Dinge täglich nützlich dienen.

Wir mögen die Natur mit ihrem Flunkern,
verabscheuen ein Leben, grau, in Bunkern.

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing
Wiesbaden, Am Warmen Damm

Sommers Neige

Ein himmlisch klarer Tag,
so sonnentrunken,
wie er sich auf dem See
in Blau nun spiegeln mag!
Und Strahlenfunken
dort tanzen in die Höh’,
wo gestern Trübe lag.

Die Birke trägt ein Kleid
aus goldner Seide,
spielt hier die Königin,
ist für den Herbst bereit;
und ihr Geschmeide,
es glänzt im Wasser hin
für eine kurze Zeit.

Des späten Sommers Bild
dringt in die Seele,
gleicht einem lieben Blick,
so klar und sonnig mild;
und nichts verhehle
dir jetzt dies kleine Glück,
das wohlig dich erfüllt!

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing,
Wiesbaden, Park “ Am Warmen Damm“

Herbstbeginn

Nun schließt der Sommer bald die hellen Augen
und bettet sich für lange Zeit zur Ruh’.
Der junge Herbst will als Ersatz uns taugen,
beeilt sich und läuft lachend auf uns zu.

Er ist bekannt als lustiger Geselle.
Den Kindern trägt er Drachen in den Wind.
Auch in den Gärten ist er gern zur Stelle,
küsst Astern wach, macht Früchte reif geschwind.

Lässt Sonnenlicht noch pralle Trauben herzen,
damit sie Süße bringen in den Wein;
ist heiter, aufgelegt zu flotten Scherzen,
ruft schalkhaft: “Fangt die Hüte wieder ein!“

In frischer Luft und hehr im Golde strahlend
zeigt er uns üppig seiner Blätter Pracht,
bevor er sie, mit roten Tönen malend,
zum Flammenkleid der Wirbelwinde macht.

Lasst gönnen uns dem Sommer diese Pause,
begrüßen wir die nächste Jahreszeit!
Wer froh nach vorn schaut, fühlt sich wohl zu Hause,
wenn auch einmal ein wildes Wetter graut.

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing,
Wiesbaden, Wilhelmstraße

Wiesbaden im Jahreslauf

Im Frühling, Mai, dein zartes Lächeln,
das Sommergrün ins Licht gelenkt,
noch im September mildes Fächeln
und golden nun dies Herbstgeschenk!

So lieblich grüßt du uns Wiesbaden,
du Stadt, am Taunushang verzweigt,
magst Gäste gern, sie einzuladen
weiß auch der Rhein, sich westwärts neigt.

Jetzt strahlen alle Berge, Hänge;
ein Indian Summer lädt uns ein.
Noch zeigt sich hier nicht Nebels Enge,
Blauhimmeltage, klar und rein!

Da mag man gern im Freien weilen
in Park und Garten, Wald und Feld,
des Historismus Kunst zeigt Zeilen,
verschönt hier mit Natur die Welt.

Meist ist der Winter uns gewogen,
zeigt sich nur kurz mit Frost und Schnee.
Die Vögel, die nicht südwärts zogen,
sie zwitschern früh schon in der Höh‘.

Doch auch der Sportsfreund muss nicht darben,
mit Loipen lädt die Platte ein,
zeigt sich in weißen Winterfarben,
ermöglicht Rodeln, Ski fahr’n fein.

© Fotos u. Text: Ingrid Herta Drewing,
Wiesbaden, Wilhelmstraße

Jahreszeiten

Wie schön ist es, in einem Land zu leben,
das täglich zeigt die Vielfalt der Natur,
im Jahreszeitenwechsel dies Erbeben,
Veränderungen zeichnen sanfte Spur.

Ja jede Jahreszeit hat eigne Klänge,
so auch Gerüche, die dir wohl vertraut,
wie sich die Luft anfühlt, des Winds Gesänge,
des Sonnenbogens Höhe, die erschaut.

Da wandeln sich der Weltenbühne Bilder.
Nach kaltem, weißem Winter darfst du sehen
und fühlen, wie im Frühling, der nun milder,
fast paradiesisch, Blüten neu entstehen.

Dem zarten Lenz folgt Sommers pralles Leben.
Das Land, es flimmert in der Hitze Glut.
Jedoch in Sternennächten möcht’ man schweben,
auch tut am Tag ein Bad im See so gut.

Und kommt der Herbst, schenkt Früchte, Drachenspiele,
ein Farbenfeuerwerk er wild entfacht;
lässt uns des Lebens Schönheit nah erfühlen,
bevor Natur ruht sanft in Nebelnacht.

Wir fahren mit im Kreislauf dieses Lebens,
sind wache Zeugen einer Schöpfungsmacht,
die Werden und Vergehen nicht vergebens
lässt leben, leuchten auf in All und Nacht.

© Fotos u.Text: Ingrid Herta Drewing,

Klage einer Mutter

Zur Erinnerung an die Todesopfer an der Berliner Mauer
Peter Fechter, achtzehn Jahre alt, wurde im August 1962
beim Fluchtversuch über die Mauer in Berlin-Mitte, Zimmerstraße,
in der Nähe des Checkpoint Charlie von DDR-Grenzern
angeschossen und verblutete auf dem Todesstreifen vor den
Augen vieler Menschen.

Nimm hin die Blüten und den Schnee!
Sie zeigen mir das Weiß der Trauer,
und selbst die Schwäne auf dem See
erinnern mich an jene Mauer,
die tausend Tode für ihn barg.

Die Hoffnung, Freiheit zu gewinnen,
verlockte ihn zu seiner Flucht.
Er war so jung und wollt’ entrinnen
aus jenes engen Zwanges Schlucht,
um neu sein Leben zu beginnen.

Mein müdes Herz, erstarrt im Weh;
noch hör’ ich die geliebte Stimme:
„Wir sehn uns wieder, tschüss, ich geh’,
denk du nur nicht an alles Schlimme,
es wird nicht kommen gar so arg!“

Nimm hin die Blüten und den Schnee!
Sie zeigen nur das Weiß der Trauer,
es singen Schwäne auf dem See
das Lied von jener Todesmauer,
dort wo mit ihm mein Leben starb.

© Ingrid Herta Drewing

Milder Winter

Das Sonnengold und Himmelblau
an diesem Wintertag erstrahlen.
Vorbei sind Nässe, Nebelgrau;
Schneeglöckchen, ohne Schnee, mit Tau,
Vorfrühlings Bild schön malen.

Der Januar, der viel zu warm,
lässt hier im Park die Weiden blühen.
Der Winterlinge Blüten-Charme
darf schon, ohn‘ Schnee-und Frost-Alarm,
goldgelb im Beet erglühen.

So sehr mich dieser Anblick freut,
bin ich damit doch nicht zufrieden.
Mir fehlt der Landschaft Winterkleid.
Ich mag es, wenn es friert und schneit,
und klar sich zeigt die Jahreszeit,
kein Klimawandel uns beschieden.

© Foto u.Text: Ingrid Herta Drewing