Archive for the Category Fabeln und Parabeln

 
 

Verkannte Liebe

Ein Frosch an eines Teiches Rand
saß dort ganz selbst verloren.
Er hoffte auf ein Liebespfand,
das er sich auserkoren.

Denn jeden Tag um zwölf Uhr zehn
sah er sie hier vorüber geh’n
und glaubte, dass sie ’s wüsste,
dass was geschehen müsste.

Im Märchen war es schön zu lesen,
von einem Frosch, der Prinz gewesen,
das sollte sie doch wissen
und ihn jetzt endlich küssen.

Das Mädchen sah den Frosch nicht an,
traf sich mit einem andern Mann,
den sie verliebt nun küsste.
Ach wenn sie es nur wüsste!

Was ihr da alles nun entging:
Ein Prinz, der sie gar lieb umfing,
vom Schlösschen ganz zu schweigen,
das ihr wohl wäre eigen!

Wer glaubt denn heut noch solche Märchen?
Verliebt ging aus dem Park das Pärchen
und ließ den Frosch allein,
der sah es traurig ein:

Wer auf der Welt will reüssieren,
muss richtig auch kommunizieren.
Ein Blick allein sagt meist zu wenig,
wenn du noch Frosch bist und kein König.

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing,

Wolkig

Es zogen drei weiße Wölkchen
am Frühlingshimmel dahin;
da ward dem luftigen Völkchen
recht umweltfreundlich der Sinn.

Sie wollten nach Afrika reisen
und hoch über Sahel und Sand,
sich regnend, segnend erweisen,
besiegen die Dürre im Land.

Ihr Wille war wolkig, weich,
als er an der Alpen Rand
im Aufsteigen kalt sogleich
ein jähes Ende dort fand.

Die Wassertröpfchen, die feinen,
die sie für die Ferne gehegt,
sie wurden als Schneesterne, kleine,
zum Aletschgletscher gelegt.

So geht es mit manchen Träumen,
wenn sie bei Licht nicht durchdacht,
erweisen sie sich als Schäume
des Schlafes in dunkler Nacht.

© Foto u. Text : Ingrid Herta Drewing,

Wiesbaden, Nassauer Dom vor drei Wölkchen

Kröte Emmas Sonderweg

Im März, da kroch mit ihresgleichen
die Kröte Emma, wollte laichen
im Weiher bei der großen Wiese,
wo ’s sich auch herrlich schwimmen ließe.

Doch war die Tour dorthin beschwerlich
mit all den andern, einmal ehrlich,
es nervte sie dies’ Gruppenhüpfen,
das lahme Kriechen, müde Schlüpfen.

Darum, sie war wohl auch verdrossen,
versuchte sie nun, kurz entschlossen,
den langen Weg mal abzukürzen,
um sich ihr Leben selbst zu würzen.

Sie kroch zur Straße, die schön eben
und warm vom Sonnenschein, welch’ Leben!
Die musste sie kurz überqueren,
um schnell zum Weiher heimzukehren.

Die andern rieten ihr noch ab,
das sei ein Todespfad, ein schlimmer,
ein Weg des Grauens und Gewimmer.
Doch Emma lachte nur mal knapp.

Sie hüpfte auf das warme Pflaster.
Wie eben war’s! Kein Stein, kein Ast, der
dort garstig ihr im Wege stand!
Sie glaubte, hier sei frei das Land.

Auch war sie sich wohl nicht im Klaren,
dass auf der Straße Autos fahren,
die sich nicht scheren um die Kröten
und deren große Wandernöte.

Kaum war zwei Meter sie gekrochen,
war’s Unheil schon hereingebrochen.
Ein Auto kam schnell angerauscht,
der Fahrtwind hat sie angeplauscht,
warf Emma wirbelnd weit zurück.

Sie landete im Moos, zum Glück,
und wusste erst nicht, wie ihr war.
Jedoch dann ward ihr langsam klar,
dass sie grad so dem Tod entronnen,
weil sie was Falsches da begonnen.

Nicht immer ist der leichte Weg
für alle Fälle gut und richtig;
sehr oft erweist sich kurzer Steg
am Ende unverhofft als nichtig.

© Lesung u. Text: Ingrid Herta Drewing

Abenteuerlust / Reim dich, oder ich fress dich!

Emma wollte was erleben,
Abenteuer zum Erbeben;
statt nach Green und Gretna
zog es sie zum Ätna.

Doch der machte grade Mucken
und begann heiß auszuspucken
Lava, Steine, graue Asche.
Emma hasste diese Masche.

So war er ihr nicht geheuer,
auch der Abend all zu teuer.
Sie flog von Sizilien
schnurstracks nach Brasilien.

Dort beim Karneval in Rio
sang sie laut „ O sole mio!“,
fand sich ein beim Ramba-Zamba,
tanzte auf der Plaza Samba.

Doch in diesem heißen Land
plagte sie bald Sonnenbrand
Drum sprach Emma, kurz entschlossen:
„ Jetzt wird Grönlandeis genossen!“

Was sie aber nicht bedacht‘,
dass dort lang am Tag die Nacht.
Und so war ihr Abenteuer
meist nur Plausch am Lagerfeuer.

Eines Nachts von ungefähr
wagte sich ins Dorf ein Bär.
Emma, leichtsinnig, versessen,
hatt‘ die Vorsicht ganz vergessen.

Sie schlich sich heran ganz leis‘
an den Bären, weich und weiß.
Der, auf Beutejagd indessen,
fand nun Emma, lieb zum Fressen.

Die Moral von der Geschicht‘
such‘ solch‘ Abenteuer nicht,
wenn du keine Ahnung hast,
sonst es tödlich dich erfasst!

© Text: Ingrid Herta Drewing
Foto: Pixabay

Stars Kirschen

Es sitzt ein Star auf einem Ast,
genießt das süße Leben;
die roten Kirschen ohne Hast
genüsslich da sein Schnabel fasst;
was kann es Bess’res geben?

Doch während er noch schnabuliert,
legt man hoch an die Leiter.
Der Star, den das jetzt sehr brüskiert,
fühlt sich vom Schicksal schikaniert,
fliegt flugs ein Bäumchen weiter.

Jedoch währt dort sein süßes Glück
auch nur für kurze Zeit,
Ein Mensch mit Leiter kehrt zurück,
auf dass er seine Kirschen pflück‘,
zur Ernte wohl bereit.

Der Star erkennt, sein Paradies
muss er mit andern teilen:
Was ihm der Mensch noch übrig ließ,
ihm letztlich auch Genuss verhieß,
erlaubt‘ ihm zu verweilen.

© Text: Ingrid Herta Drewing,2018
Foto: Pixabay

Strohhalm und Eiswürfel

Der Strohhalm, den man in ein Glas
mit Limonade hat gesteckt,
stand dort erstarrt und fragt‘, was das
wohl sei, was kühl er da entdeckt.

Es strömte kalt um seine Röhre,
auch macht’s die Limonade dünn;
ihm war es, als ob sie verlöre
allmählich ihren süßen Sinn.

Und eh‘ er konnt‘ die Frage klären,
traf noch solch eisig‘ Monster ein,
verdrängt kristallen ihn, verwehren
vermocht‘ er ’s nicht, zu schwach allein.

Das machte ihn doch arg verdrossen,
und er verfluchte fast sein Sein.
Doch als zwei Lippen ihn umschlossen,
fand er erwärmt sich, wieder fein.

Vergessen waren kalte Possen,
er fühlte sich so gut, gesund,
hat freudig nun sein Glück genossen,
ihn koste sanft ein Erdbeermund.

Und sollte Kälte dich umgeben,
vertrau darauf, es wird doch gut!
Auch dich küsst Liebe noch im Leben
und schenkt dir wieder neuen Mut.

© Text: Ingrid Herta Drewing,2018,
© Foto: Pixabay

Känguru kauft Schuh

In Australiens Steppen-Land
Hoppeldei Dukaten fand,
die wohl Seeräuber verloren.
„Ei“, sprach er, „das trifft sich fein,
jetzt werd‘ ich mich kleiden ein,
chic bis zu den Ohren!“

Hoppeldei, das Känguru,
suchte lang schon für sich Schuh,
damit weites Springen
über Dornenhecken,
heißen Sandes Strecken
besser ihm gelingen.

Kam nach Sydney in den Laden,
wo schon viele Leute baten,
wollten für sich Schuhe kaufen.
Als sie Hoppeldei dort sahen,
riefen sie, er sollt‘ nicht nahen,
und begannen fortzulaufen.

Die Verkäuferin Mathilde
war belustigt von dem Bilde,
wie die Kunden sich benommen.
Höflich sie sich nicht beklagte,
ging zu Hoppeldei und fragte,
was er wünsche zu bekommen.

Nett fand Hoppeldei die Grüße,
zeigte seine langen Füße,
sagt‘, er brauche Schuhe.
Schade, meint‘ Mathilde, ja
in der Größe sei nichts da;
das wär‘ kein Geschmue.

Doch gebe es den Sattler Nick,
der wirke wohl mit viel Geschick;
das wisse hier auch jeder.
Sie werde ihn nach Schuhen fragen
für Hoppeldei; in paar Tagen
hätt‘ er ein Paar aus Leder.

Jedoch, man dürfe nicht vergessen
jetzt seine Füße auszumessen,
was sie sorgfältig taten.
Mathilde fragte noch nach Geld,
und Hoppeldei, ganz Mann von Welt,
der gab ihr zehn Dukaten.

Und in der Tat, drei Tage später
trug‘ Hoppeldei schon Schuh aus Leder,
flaniert‘ auf Sydneys Straßen.

Denkt ihr, dass das gelogen ist,
nur einer Zeitungsente Mist,
die im April wir lasen?

Ich weiß es nicht, war nicht dabei,
doch fänd‘ ich’s schön, wenn Hoppeldei
sich könnte kaufen Schuhe,
wenn Menschen wären wie Mathilde
humorvoll, freundlich, blieben milde
und machten kein Getue!

© Ingrid Herta Drewing,
Foto : Pixabay

Der Igel und die Maus


Die Maus traf einen Igel
und lachte sich fast krumm,
sprach:“ Schau mal in den Spiegel,
läufst wie ein Kaktus ’rum!“

„Mich werden Stacheln schützen
viel besser als dein Fell;
das wäre mir nicht nütze,
ich laufe ja nicht schnell.“

„ Willst mich für dumm verkaufen?
Ich hätt’ es gründlich leid,
wie du herumzulaufen
in einem Stachelkleid.“

Doch da kam eine Schlange.
Der Igel rollt’ sich ein.
Dagegen zittert’ bange
das freche Mäuselein.

Trotz seiner Flucht zum Mauseloch
verschlang ’s die große Schlange doch.
Der Igel aber war gerettet,
lebt’ munter weiter, ungeglättet.

© Ingrid Herta Drewing

Das Faultier

Ein Faultier hing an einem Baum,
vertieft in seinen Urwaldtraum.
Das reizte einen flinken Affen,
rief: “He, hast du denn nichts zu schaffen?
Mir scheint, du bist von dem Getier
mit Abstand wohl das faulste hier!“

Das Faultier langsam hob die Lider,
sah an den Affen, schloss sie wieder
und murmelte: “Lass mich in Ruh,
ich muss nicht wuseln so wie du,
da ich auch sehr genügsam bin!
Ich sag dir meines Lebens Sinn:
In der Ruhe liegt die Kraft.
So mancher wie die Bienen schafft
und kann sein Leben nicht genießen.
Die Zeit wird ihm gar rasch verfließen,
und eh der Schaffer sich versieht,
ist ihm sein Leben schon verblüht.“

Der Affe stand da, staunend, stumm,
und dachte: Das ist gar nicht dumm;
selbst von dem Faultier kann man lernen.
Jetzt werd’ ich mich diskret entfernen.

© Ingrid Herta Drewing, 2009

Maus und Elefant

Einst trafen sich an Baches Rand
zufällig Maus und Elefant.
Das Mäuschen zart begann zu nippen
am Wasser, drohte umzukippen.
Jedoch da half ihm sehr galant
mit Rüsselstütz’ der Elefant.

„Hab’ Dank!“, sprach’s Mäuschen hingerissen,
„ich werd’ dir auch zu helfen wissen,
wenn du einmal in großer Not.“
Der Jumbo lachte sich halbtot
und sagte: “Ach, du kleiner Wicht,
du und mir helfen, das gibt’s nicht!“

Doch wie’s im Leben manchmal geht,
am gleichen Tag noch, abends spät,
steht jammernd nah dem Dornenbusch
der Elefant. Da kommt gehuscht
herbei die Maus in Helfers Pflicht.
Der Jumbo von dem Übel spricht.

In seinem zarten Rüssel vorn
sitzt fest und schmerzhaft spitz ein Dorn.
Das Mäuschen nun nicht lange fackelt,
bittet ihn noch, dass er nicht wackel‘
und nagt den schlimmen Dornenzweck
schmerzfrei und emsig vollends weg.

Froh sich bedankt der Elefant
und sagt, er habe nun erkannt:
Ein Wesen, sei’s auch noch so klein,
sollt’ man gering nie schätzen ein,
weil es, gezeigt hab’s Mäuslein itzt,
doch häufig sei auch sehr gewitzt.

© Ingrid Herta Drewing,