Archive for the Category Jugend

 
 

Der Veteran

Er sitzt vor dem Fernsehgerät, das gerade die Tagesschau sendet.Was er da vernimmt, ruft bei ihm längst verdrängte Erinnerungen wach.

„Soldaten, junge Männer, die in den Krieg ziehen; die einen, weil sie ihr Heimatland verteidigen müssen gegen einen Aggressor, der rücksichtslos Stadt und Land bombardieren lässt, die anderen, die zwangsrekrutiert wurden, um dem imperialistischen Machthunger der Staatsführung zu folgen, Kanonenfutter für die Front.Wem es möglich ist, weil er oder seine Eltern genügend Geld haben, der kann sich dem noch schnell entziehen, ins Ausland fliehen.Die anderen sind dem Militärdienst ausgeliefert.

Genau wie bei mir und meinem Zwillingsbruder, auch wir hatten keine Wahl und wurden mit 18 Jahren eingezogen.Nach dem Gesetz von 1935 sollten Männer eigentlich erst mit 20 Jahren der Wehrpflicht unterliegen, aber je länger der Zweite Weltkrieg dauerte, den Hitler mit der Besetzung Polens 1939 begonnen hatte, je mehr Länder von deutschen Truppen angegriffen und besetzt wurden, desto mehr Soldaten fielen auf den Schlachtfeldern, und neue Rekruten mussten nachrücken
   Dieser wahnsinnige Angriffskrieg war wie ein Moloch, der Millionen Menschen verschlang, von den Opfern in den besetzten Gebieten und den Konzentrationslagern ganz zu schweigen.
   Wie ich später erfuhr, wurden 1944 / 1945 dann nicht nur Siebzehnjährige eingezogen. Da die Bombardierungen in Deutschland nicht mehr von Jagdfliegern verhindert werden konnten, holte man die Fünfzehnjährigen von der Schulbank und machte sie zu Flakhelfern ( ca. 200000 Jugendliche) für die Luftabwehr.
   Mein Vater, der im ersten Weltkrieg schwer verwundet worden war und noch an den Folgen zu leiden hatte, wurde deshalb bei Beginn des Krieges nicht eingezogen, und er hatte Glück, dass er nicht noch kurz vor dem Ende wie viele alte Männer in diesen verheerenden Krieg gehen musste.
Allerdings waren er und meine Schwestern bereits dreimal ausgebombt worden, und das Leben der Zivilisten war bedrückend. (Unsre Mutter, die schon vor dem Krieg an Krebs gestorben war, blieb wenigstens von diesen schrecklichen Erlebnissen verschont.)
   Ständig gab es Alarm, und sie mussten schnell zum Luftschutzkeller eilen, um sich einigermaßen in Sicherheit zu bringen.So sehnte man nicht nur an der Front, sondern auch in der Heimat Waffenstillstand und Frieden herbei.Aber darüber durfte man in der Öffentlichkeit nicht sprechen, sonst wurde man wegen Wehrkraftzersetzung belangt, so wie man auch in Russland nun wieder Anders-Denkende und Kriegsgegner angreift.
   Und auch jetzt wieder so ein abscheuliches Vorgehen, wobei ferngelenkte Raketen und Drohnen Bomben auf unschuldige Menschen werfen, ihre Existenzgrundlage, ihr Zuhause oder sogar ihr Leben zerstören.
   All das müssen diese armen Menschen nun in der Ukraine erleben, obwohl sie ihr Land nur verteidigen und selbst nicht einen Krieg begonnen haben wie das sogenannte „Dritte Reich“ damals.
Aber auch diesen jungen Soldaten, die der Diktator jetzt in Russland in den Krieg zwingt, steht die Furcht ins Gesicht geschrieben; ihr junges Leben in einem Angriffskrieg zu verlieren.Ein „Brudervolk„ zu überfallen, dem der Präsident und seine Entourage die eigene Identität als Staat absprechen. Das ist kein Motiv! Diese Wehrdienstleistenden wissen nicht, wofür sie da eigentlich kämpfen.Und ihre Mütter, die sich dagegen auflehnen, macht man schnell mit Gewalt mundtot.
   Es gibt nichts Sinnloseres als Kriege zu führen, dadurch konnte noch nie ein Staat dauerhaft gewinnen. Das hat uns Europas Geschichte doch gezeigt!
Damals habe ich auch nicht wirklich gewusst, warum wir in den Krieg ziehen mussten. Unsere Eltern waren immer für eine Erziehung mit guten Worten gewesen. Aber die Nazis waren an der Macht und die Gestapo tat ihr Übriges.
   Vom Nationalismus und Hitlerkult besoffen, hatten sich aber sogar etliche aus meinem Bekanntenkreis freiwillig gemeldet, was ich nicht verstehen konnte. Aber nach der so früh in der Hitler-Jugend erfolgten Indoktrinierung „ Für Führer und Vaterland“ war das ja vielleicht auch nicht verwunderlich.
   Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit Friedrich, meinem Zwillingsbruder, nach der Grundausbildung 1941 auf dem großen Schiff nach Afrika gefahren war, wo wir mit der Panzerdivision unter Rommels Führung den italienischen Streitkräften in Libyen zur Hilfe kommen sollten. Hitler wollte damit Mussolini stützen, der den Angriffskrieg in Nordafrika befohlen hatte, aber damit wenig erfolgreich war.
   Mitte April wurde dann gemeinsam von italienischen und deutschen Soldaten die ägyptische Festung der Hafenstadt Sallum eingenommen. Wegen Engpässen in der Versorgung konnte dann aber nicht, wie geplant, von dort aus das von den Briten besetzte Tobruk besetzt werden, was mit unsrer Panzerdivision unter Rommels Führung allerdings im Juni 1942 u.a. durch die Hilfe von Sturzkampfbombern der Luftwaffe gelang, die auch den Nachschub durchs Mittelmeer sichern halfen.
   Mein Bruder und ich wurden zwar mehrfach leicht verwundet, aber nichts war so gravierend, um uns nach Hause zu schicken.Leider wurden wir dann noch getrennten Einheiten zugewiesen.

Ich erinnere mich noch immer an die Hitze, den feinen Wüstensand auf den Lippen, dem auch die Luftfilter der Panzer nicht gänzlich gewachsen waren, sodass die Motorleistung gemindert wurde.
   Ja, hart war der Kampf in Libyen und Ägypten auch wegen der klimatischen Verhältnisse. Das Wüstenklima, das tagsüber bis zu 50° Celsius heiß war und nachts bis unter 0° Celsius fiel, verursachte einen hohen Krankenstand und schwächte uns sehr.Vier bis fünf Liter Wasser hätte man da pro Mann gebraucht, aber oft war die Versorgungslage schlecht, obwohl die Einheimischen uns ja manchmal halfen. Sie begegneten uns oft freundlich, weil sie sich von uns eine Befreiung von britischer Kolonialherrschaft versprachen.
   Zwar war auch ich an der Waffe ausgebildet, aber dann dem Sanitätsdienst zugeordnet worden.Darüber war ich sehr froh, denn auf Menschen zu schießen, das wollte ich vermeiden, auch wenn es der Feind war.Da nahm ich es lieber in Kauf, auf dem Schlachtfeld herumzukriechen, um Verletzte zu bergen, dem Militärarzt beim Amputieren zu helfen und die verwundeten Kameraden zu pflegen.
   Ich bin aber noch sehr viele Jahre lang nach dem Krieg nachts Schweiß gebadet aufgewacht, weil ich vom Donnern der Kanonen, den Explosionen und den Schreien der Verletzten träumen musste. Auch wenn ich im Krieg, in der Gefahr einfach nur zu funktionieren hatte, fast mechanisch als Sanitäter das ständige Leid, das Blut der Verwundeten wahrnahm und meine Aufgaben erfüllte, ohne lange zu grübeln, hat sich alles, was ich dort erleben musste, doch tief in mein Unterbewusstsein eingegraben.

Je länger dieser Krieg dauerte und die Nachschub-Probleme auch durch Hitlers Zweifronten-Krieg größer wurden, desto schwieriger wurde auch unsere Lage in Libyen und Ägypten.Außerdem waren die USA im Januar 1942 bereits in den Krieg gegen Deutschland, Italien und Japan eingetreten, und sie unterstützten die Briten auch in Nordafrika mit Rüstungsgütern und Soldaten.
   Obwohl wir durch Rommels Offensive, den man wegen seiner Taktik „Wüstenfuchs“ nannte, im Juni 1942 El Alamein einnahmen und dort von den Briten sogar 10000 Tonnen Treibstoff erbeuteten, konnte man der Übermacht der Alliierten, die dann mit 100000 neuen amerikanischen und britischen Soldaten anrückten, nicht lange trotzen. Am 13. November musste Rommels Division Tobruk aufgeben.
   Am 13. Mai 1943 erfolgte dann in Tunis die Kapitulation des Afrika Korps unter Rommels Nachfolger.
Das habe ich aber dort nicht mehr miterlebt. Denn ich war bereits in der Schlacht um El Alamein im Juni schwer verwundet worden und in ein Heimat-Lazarett gekommen. Nach meiner Genesung wurde ich an die Westfront abkommandiert, wo ich bei Kriegsende in französische Gefangenschaft geriet.
   Dort gelang mir aber dann im Sommer 1947 die erfolgreiche Flucht aus dem Lager.Ich war mehrere Wochen unterwegs, schwamm dann über den Rhein und kam endlich wieder nach Hause. Zwei Jahre später wurde mein Bruder Fritz aus britischer Gefangenschaft entlassen.
Wir haben wirklich noch Glück im Unglück gehabt; allein in unserem Afrika Korps soll es 40000 Tote (18600 davon von der deutschen Wehrmacht) 275000 Kriegsgefangene gegeben haben.
Weltweit starben durch den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust schätzungsweise 80 Millionen Menschen.
Ich hatte so gehofft, dass wir wenigstens hier in Europa auf Dauer in Frieden miteinander leben könnten, besonders nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, als Gorbatschow und später auch Putin vom „Europäischen Haus“ sprachen.
Zumal bereits so viele Staaten in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts durch die Gründung der EU hier die friedliche Zusammenarbeit und Rechtsstaatlichkeit praktizierten.
Und nun muss man befürchten, dass dieser Krieg in der Ukraine, der bereits so viel Leid über die Menschen dort gebracht hat und seine schlimmen Auswirkungen schon weltweit zeigt, weiter eskaliert und zu einem erneuten Weltkrieg führt, in dem sogar Atomwaffen eingesetzt werden könnten.
Dagegen sollten doch alle Staaten in der UNO aufbegehren.
Aber offenbar haben viele nichts aus den Schrecken des Zweiten Weltkrieges gelernt!“

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing

Klage einer Mutter

Zur Erinnerung an die Todesopfer an der Berliner Mauer
Peter Fechter, achtzehn Jahre alt, wurde im August 1962
beim Fluchtversuch über die Mauer in Berlin-Mitte, Zimmerstraße,
in der Nähe des Checkpoint Charlie von DDR-Grenzern
angeschossen und verblutete auf dem Todesstreifen vor den
Augen vieler Menschen.

Nimm hin die Blüten und den Schnee!
Sie zeigen mir das Weiß der Trauer,
und selbst die Schwäne auf dem See
erinnern mich an jene Mauer,
die tausend Tode für ihn barg.

Die Hoffnung, Freiheit zu gewinnen,
verlockte ihn zu seiner Flucht.
Er war so jung und wollt’ entrinnen
aus jenes engen Zwanges Schlucht,
um neu sein Leben zu beginnen.

Mein müdes Herz, erstarrt im Weh;
noch hör’ ich die geliebte Stimme:
„Wir sehn uns wieder, tschüss, ich geh’,
denk du nur nicht an alles Schlimme,
es wird nicht kommen gar so arg!“

Nimm hin die Blüten und den Schnee!
Sie zeigen nur das Weiß der Trauer,
es singen Schwäne auf dem See
das Lied von jener Todesmauer,
dort wo mit ihm mein Leben starb.

© Ingrid Herta Drewing

Der Gärtnerlehrling

Heut‘ spielt ER im Garten Meister
will befrei’n das Pflanzenleben
von der Schneckenplage, Kleister,
den sie überall verkleben.

Jan hat Goethes Text gelesen,
zaubert nun als Lehrling auch,
braucht dazu nicht Topf, noch Besen,
schnappt sich nur den langen Schlauch.

„Walle, walle, manche Strecke,
Wasser spritze in die Hecke,
auch dorthin, wo fern dem Rasen
im Salatbeet um die Ecke
Schnecken höchst gefräßig grasen!

Und die Wasser strömen, fließen,
will den Strahl mal senken, heben,
Tropfen glitzern auf den Wiesen,
wirbelnd in die Lüfte schweben.

Walle, walle, manche Strecke,
Wasser spritze in die Hecke,
auch dorthin, wo freche Nasen,
neugierig so manche Kecke
hier den Abstand gern vergaßen.“

„Ja, du bist ja wohl ein dreister
Bursche, übler Kerl und Flegel!“,
schimpft empört ein Mann, ein feister,
den knapp streift ein Wassersegel.

Auch ’ne Dame, die begeistert
ihren Hund will Gassi führen,
zeigt sich wütend und entgeistert,
mag solch Duschen gar nicht spüren.

„Junger Mann, das ist mitnichten
richtig, was sie da vollführen,
werd dem Meister dies berichten,
und die Folgen soll’n sie spüren!“

„Walle, walle, manche Strecke,
Wasser spritze in die Hecke
dorthin, wo so freche Nasen,
nun zu bösen Schimpfes Zwecke
hier den Abstand gar vergaßen.“

Heiß die Sonne scheint und munter
lässt er weiter Wasser fließen.
„Jan, halt ein, denn dies „Land unter“
kann uns alle nur verdrießen!“

Ernst des Meisters Worte klingen,
schnell muss er den Hahn zudrehen,
spricht von Schnecken und Bezwingen
und von kleinerem Versehen.

„Ach, Jan, Junge, lass dir’s sagen,
schreib’s fest hinters Ohr nun dir:
Gegen Schnecken, die hier plagen,
hilft nicht Wasser, sondern Bier!“

© Ingrid Herta Drewing,2018

Lagerfeuer-Romantik 1958

INi, Baltrum

Feuer lodert, Funken stieben
in die dunkelblaue Nacht;
die am Lagerfeuer blieben,
singen leise, halten Wacht.

Unter Sternen träumend lauschen,
in der lauen Sommerluft
hören wir die Wipfel rauschen
und der Waldkauz dunkel ruft.

Fühlen innig uns verbunden
der Natur in Feld und Wald,
haben unser Glück gefunden;
Schlaf besiegt uns nicht so bald

Bis die Morgennebel fliehen,
sitzen wir beim Feuerschein,
sehn das letzte Scheit verglühen,
und nun lädt der See uns ein.

Hier im Sonnengold wir schwimmen,
das sich spiegelt hell im See.
Jugendfreude froher Stimmen
hallt als Echo in die Höh‘.

© Foto u. Text / Ingrid Herta Drewing

Klage einer Mutter

Zur Erinnerung an die Todesopfer an der Berliner Mauer

Peter Fechter, achtzehn Jahre alt, wurde im August 1962
beim Fluchtversuch über die Mauer in Berlin-Mitte, Zimmerstraße,
in der Nähe des Checkpoint Charlie von DDR-Grenzern
angeschossen und verblutete auf dem Todesstreifen vor den
Augen vieler Menschen.

Nimm hin die Blüten und den Schnee!
Sie zeigen mir das Weiß der Trauer,
und selbst die Schwäne auf dem See
erinnern mich an jene Mauer,
die tausend Tode für ihn barg.

Die Hoffnung, Freiheit zu gewinnen,
verlockte ihn zu seiner Flucht.
Er war so jung und wollt’ entrinnen
aus jenes engen Zwanges Schlucht,
um neu sein Leben zu beginnen.

Mein müdes Herz, erstarrt im Weh;
noch hör’ ich die geliebte Stimme:
„Wir sehn uns wieder, tschüss, ich geh’,
denk du nur nicht an alles Schlimme,
es wird nicht kommen gar so arg!“

Nimm hin die Blüten und den Schnee!
Sie zeigen nur das Weiß der Trauer,
es singen Schwäne auf dem See
das Lied von jener Todesmauer,
dort wo mit ihm mein Leben starb.

© Ingrid Herta Drewing

Wiesbaden, meine Heimatstadt

Wiesbaden_o

Dort, wo der Rhein sich, westwärts fließend, neigt,
liegst du am rechten Ufer, meine Stadt.
Hast hoch dich hier am Taunushang verzweigt,
wo grüner Mischwald dich geborgen hat.

Du blickst nach Süden, und der Sonne Licht
lässt dich, Wiesbaden, hell und warm erglänzen.
Von Nordens Nizza da so mancher spricht,
die Pracht der Bauten darf dies Bild ergänzen.

Bereits dem alten Rom warst du bekannt;
sie schätzten damals deine heißen Thermen,
die heute noch, als Kochbrunnen benannt,
aus vielen Quellen sprudeln, heilen, wärmen.

Zu Kaiser Wilhelms Zeiten weltberühmt,
locktest du gut Betuchte, hier zu kuren.
Noch immer zeugen Villen unverblümt
von Fin de Siècles Flair, auch Parks und Fluren.

Zwei Kriege lehrten Leid, Not und Verzicht.
Doch Historismus Bauten blieben dir erhalten,
verleihen dir noch immer ein Gesicht,
wo Altes im Modernen zeichnet Falten.

Geboren hier,und nah dem Fluss, den Feldern,
die Kindheit, Jugend schön erlebt, die Stadt,
die frei uns spielen ließ in lichten Wäldern,
auf Pfaden, die Natur gestaltet hat.

Dies alles ist mir heut‘ noch lieb vertraut,
fühl‘ mich hier wohl, zum Wohnen eingeladen.
Bin weit gereist und habe viel erschaut,
doch Heimat bleibst du immer mir, Wiesbaden!

© Foto u. Text / Ingrid Herta Drewing,2017

Schülerballade

(Damals ein kleiner,launiger Rückblick auf die Schulzeit,Anleihen in der Form bei Schiller, Rilke,Hofmannsthal und Heine sind natürlich rein zufällig )

😉

Fest gemauert,grau und klotzig
steht ein Haus am Autostrand,
innen freundlich, außen trotzig,
Schul‘ nach Elly Heuss benannt.

Und Kinder ziehen ein an Hand von Müttern.
Die von nichts wissen,
kommen wohl, um was zu lernen.
Sextaner, Bienensummen hinter Gittern,
an Lehrers Lippen achtzig Augensterne.

Die Schule wird zum spielenden Ereignis.
In Pausen zeigen’s Quinten und Terzinen –
Quartaner-Trusts,ein böser, kleiner Löwe geht mit ihnen,
und halb und jährlich gibt’s ein Zeugnis.

Bald fangen Oberterzen an
ihr teen zu agen und zu tanzen,
und mancher Lehrer schaut besorgt
auf diese „ kleinen Pflanzen“.

Jedoch in der Sekunda dann
gibt es dafür ’nen Namen.
Feierlich von nun und an
Nennt man sie „Sie“ und „Damen“.
Doch bleibt ein lieber Restbestand,
heißt es doch Ruth und Marlies.
Die Kunstversion erfolgt sogar
„ pluralis majestatis“.

Und dann:
Und du weißt nicht, was soll das bedeuten,
die Untersekunda vergeht,
verlassen von „mittleren Reifen“
ein kleiner Rest nur noch steht.

Doch nun lernst recht schnell du begreifen
trotz Teilung, Spaltung, Verzweignis
irgendwie ist Schule Ereignis
und nur Form
halb und jährlich das Zeugnis.

Die eine vertieft sich in Bio,
Französisch, Deutsch, Geografie,
der andern wird’s klar, dass sie
ein verhindertes Künstlergenie.
Und manche mögen Cäsar,
nebenbei auf Grund des Lateins.
Andre haben was gegen Kriege,
zumal in der Nähe des Rheins.
Doch ein jeder gräbt nach den Quellen
mit seinem Schülerwarum.
Die Antwort auf seine Fragen:
Er erkennt:“ Mensch, du bist dumm.“

Plötzlich sitzt du erster Klasse,
Primanerin fertig für’s Abitur.
Du denkst: „ Noch viel Zeit!“
Doch bald ist’s so weit
und du wunderst dich nur;
gehst dann in die Prüfung,
etwas ängstlich und steif.
Doch schnell ist’s herum,
und nun bist du reif.

Und Reife ziehen aus der Schule,
die von nichts wissen,ziehen aus,
wohl um zu lernen…

© Ingrid Herta Seibel, Wiesbaden, den 17.03.1963

Zur Erinnerung an die Todesopfer an der Berliner Mauer / Klage einer Mutter

Peter Fechter, achtzehn Jahre alt, wurde im August 1962
beim Fluchtversuch über die Mauer in Berlin-Mitte, Zimmerstraße,in der Nähe des Checkpoint Charlie von DDR-Grenzern angeschossen und verblutete auf dem Todesstreifen vor den Augen vieler Menschen.

Klage einer Mutter

Nimm hin die Blüten und den Schnee!
Sie zeigen mir das Weiß der Trauer,
und selbst die Schwäne auf dem See
erinnern mich an jene Mauer,
die tausend Tode für ihn barg.

Die Hoffnung, Freiheit zu gewinnen,
verlockte ihn zu seiner Flucht.
Er war so jung und wollt’ entrinnen
aus jenes engen Zwanges Schlucht,
um neu sein Leben zu beginnen.

Mein müdes Herz, erstarrt im Weh;
noch hör’ ich die geliebte Stimme:
„Wir sehn uns wieder, tschüss, ich geh’,
denk du nur nicht an alles Schlimme,
es wird nicht kommen gar so arg!“

Nimm hin die Blüten und den Schnee!
Sie zeigen nur das Weiß der Trauer,
es singen Schwäne auf dem See
das Lied von jener Todesmauer,
dort wo mit ihm mein Leben starb.

© Ingrid Herta Drewing

Vorlieben-Änderung

Ich markiere im Kalender,
was mir nun will Freud‘ bereiten:
Lenz und Herbst, die Jahreszeiten.
Wie sich Vorlieben verändern!

Konnt‘ den Sommer kaum erwarten,
früher in der Jugendzeit,
um das Reisen dann zu starten:
Nur hinaus! Die Welt ist weit!

Heute schätze ich die milde
Frische,Frühlings,Herbstes Duft.
Sommers Glut und Winters Kälte,
rauben Schlaf nachts,tags mir Luft.

Ja, ich mag’s wohl temperiert,
gehe gern im Park spazieren,
von Gewittern unberührt,
abends in der Stadt flanieren.

Lieb im Lenz der Pflanzen Sprießen,
nach der fahlen Winterszeit
und im Herbst als Abschiedsgrüße
feurig‘ goldnes Blätterkleid.

Steh‘ jetzt selbst im Herbst des Lebens,
Winter wartet vor der Tür.
Meide drum, was scheint vergebens,
freu‘ mich an der Schönheit Zier.

© Ingrid Herta Drewing,2016

Liebes-Nostalgie

Ein Sehnen wollt‘ in Briefen führen,
so wie es ferne Liebe kennt;
es konnte Herz das Herze rühren.
Obwohl das Leben lief getrennt,
war’n wir uns nah.

Wir würden Rosendüfte spüren,
wie einst in jener Sommernacht,
als wir in liebendem Verlieren
einander waren zugedacht,
das hofften wir.

Als wir uns dann nach Jahren fanden,
erkannten wir die Nostalgie.
Der Jugend Zauber, nun abhanden
gleich einem Schleier, Phantasie
das Bild verlieh.

© Ingrid Herta Drewing,2015