Archive for the Category Kinder

 
 

Indianerschlaf

Einschlafen soll er, mag noch nicht,
möcht’ bei den andern bleiben.
Sein Bruder, dieses Bleichgesicht,
darf sich dort Zeit vertreiben.

Und da soll Häuptling „Große Zeder“
ins Bett schon, in die weichen Federn?
Er schleicht sich aus dem Wigwam raus
und kundschaftet nun alles aus.

Aha! Erwischt! Sie sehen fern.
Den Film, den sieht er auch recht gern.
Hier hinterm Sessel, gut versteckt,
wird er ganz sicher nicht entdeckt.

„Ach, dies Programm ist gar zu öde!
Ich schalt’ es aus, sonst noch verblödet
der Späher hinter meinem Sessel.
Ich werd’ ihn fangen und gleich fesseln.“

Der Vater schnappt den Häuptling sich,
trägt ihn ins Bett und schimpft doch nicht.
Liest vor von Bären und Schoschonen,
Indianern, die in Wäldern wohnen.

Und langsam holt der Schlaf sie ein,
den Vater und sein Söhnelein.

© Ingrid Herta Drewing

Erneuerung

Die alten Lieder all zu oft gesungen,
erstarb ihr Klang, es hatte Phantasie
sich helle, klare Töne ausbedungen,
nicht zwitscherten wie Alte hier die Jungen,
sie sehnten sich nach Frieden, Harmonie.

Versöhnten sich dem Land; noch ungezwungen
verfolgten, fanden andre Weisen sie.
Erst saß nicht jeder Ton, doch ward gerungen
und intoniert, bis sie auch schön geklungen,
des neuen Liedes sanfte Melodie.

© Ingrid Herta Drewing,2018

Lebensfrage

Erster Advent1277129162331716_3227679732835194989_n

Was wäre Leben
ohne Luft und Wärme,
die Tiere, Pflanzen,helles Licht?
Kein sanftes Weben,
keine Bienenschwärme
hier sorgten für die Frucht.Verzicht!

Was wäre Leben
ohne Glauben, Lieben,
ein Dasein aller Hoffnung bar?
Ein eitles Streben,
nur ein Werden, Üben,
und – sähe da Vernunft noch klar?

Was wäre Leben
ohne Kinderlachen,
die kleine Hand, die deine hält?
Dies Gück, gegeben,
lässt dich sorgsam wachen,
schenkt Güte hier in harter Welt.

© Foto u.Text / Ingrid Herta Drewing

Werwolf-Begegnung

Der Vollmond scheint, s’ist Mitternacht,
die Turmuhr zwölfmal schlägt.
Ein Werwolf heult,liegt auf der Wacht,
und gruselig ein Irrer lacht,
die Kettensäge sägt.

Das Kind, es eilt, doch starr vor Schreck
kommt es nicht aus dem Wald,
sucht hinterm Baume ein Versteck,
steht steif und rührt sich nicht vom Fleck.
Der Stamm verschwindet bald.

Schon fürchtet es des Wolfes Biss,
der grässlich fletscht die Zähne.
Es möchte laufen, denkt gewiss
an die, die er, wild mordend, riss,
da streift es seine Mähne.

Ein Schrei! Da ist das Kind erwacht,
noch kann es atmen kaum.
Doch Mutter kommt und streichelt sacht
ihr Kind, beruhigt es mit Bedacht.
Vorbei der böse Traum!

© Ingrid Herta Drewing,2017

Freitag / Nomen est Omen

Neuschülerin, das Fräulein Jule,
fiel auf durch ihren Eigensinn,
denn sie ging freitags nie zur Schule.
Das zog zwei Monate sich hin.

Der Schuldirektor führte Klage,
bestellte ihre Eltern ein,
um diesen Tadel anzusagen,
betreffend ’s Julchen,Töchterlein.

Dazu wurd‘ Jule auch befragt,
die schaute alle an verdutzt.
„Wie doch der Name es schon sagt,
hab frei den Freitag ich genutzt.“

Ob dieser Eulenspiegelei,
verkniff man sich nur schwer ein Lachen,
belehrt das Kind, was wörtlich sei,
müsst man nicht unbesehen machen.
So sei in einem Spiegelei
ja auch kein Spiegel mit dabei.

Gab Jule sich damit zufrieden?
Ich kann’s nicht sagen, weiß es nicht.
Sie wird wohl neue Pläne schmieden,
ist ein gewiefter, kleiner Wicht.

© Ingrid Herta Drewing,2017

Vögel im winterlichen Park

Wiesbaden, Am Warmen Damm im Januar
Winter,warda,Bank, Vögel (3)

Drei Möwen, sonst am Rhein zuhaus‘,
verlegten munter ihr Quartier.
Am Warmen Damm, sie fanden’s raus,
gibt es noch Futter für und für.

Gemeinsam mit dem Nilgans-Clan
gehn sie sogar im Schnee spazieren.
Auch Enten, Tauben friedlich nah’n,
um Brotkrumen zu schnabulieren.

Und wenn ein Kinderwagen naht,
versammeln sie sich zum Gewinn,
denn schnell sind Krümchen dann parat,
ein Kinderhändchen wirft sie hin.

Umringt von einer Vogelschar,
verteilt das Kind erfreut das Brot
den Wartenden, die brav sogar,
geduldig sind trotz Winternot.

© Foto und Text / Ingrid Herta Drewing,2017

Der einsame Schneemann

dscn8205Der erste Schnee,
gefallen über Nacht .
Es freuten sich die Kinder,
nachdem sie, froh erwacht,
ins Freie stürmten,
an der weißen Pracht.

Und einen Schneemann
bauten sie im Garten,
mit Möhrennase,Knöpfen
und auch Hut.
Den Besen fest im Arm
muss stumm er warten,
kann kehren nicht,
es kleidet ihn nur gut.

Und in der Nacht, als sacht
der Mond am Himmel scheint,
sieht Finchen, aufgewacht,
dass dieser Schneemann weint.
Er weint, weil er muss einsam sein,
fühlt sich in dieser Welt allein.

Die Großen herzhaft lachen,
als sie’s erzählt am Morgen .
Doch Finchen schwört ,
sie mache sich da Sorgen ,
sie habe all die Sachen
genau gesehen und gehört.

Bald auch den andern Kleinen,
von der Idee betört ,
will alles wirklich scheinen.
Und weil es sich gehört ,
helfen sie Finchen schlau,
und bauen für den Schneemann
nun schnell noch Kind und Frau.

© Foto u. Text / Ingrid Herta Drewing,

Wiesbaden,Nerotal, 10.01.2017

Unbegreiflich

Senryu zu Sylvia Magdalena Röhrls Bild

Pergamentverlies,
nach Hilfe sucht diese Hand
und greift ins Leere.

© Ingrid Herta Drewing,2016

Zur Erinnerung an die Todesopfer an der Berliner Mauer / Klage einer Mutter

Peter Fechter, achtzehn Jahre alt, wurde im August 1962
beim Fluchtversuch über die Mauer in Berlin-Mitte, Zimmerstraße,in der Nähe des Checkpoint Charlie von DDR-Grenzern angeschossen und verblutete auf dem Todesstreifen vor den Augen vieler Menschen.

Klage einer Mutter

Nimm hin die Blüten und den Schnee!
Sie zeigen mir das Weiß der Trauer,
und selbst die Schwäne auf dem See
erinnern mich an jene Mauer,
die tausend Tode für ihn barg.

Die Hoffnung, Freiheit zu gewinnen,
verlockte ihn zu seiner Flucht.
Er war so jung und wollt’ entrinnen
aus jenes engen Zwanges Schlucht,
um neu sein Leben zu beginnen.

Mein müdes Herz, erstarrt im Weh;
noch hör’ ich die geliebte Stimme:
„Wir sehn uns wieder, tschüss, ich geh’,
denk du nur nicht an alles Schlimme,
es wird nicht kommen gar so arg!“

Nimm hin die Blüten und den Schnee!
Sie zeigen nur das Weiß der Trauer,
es singen Schwäne auf dem See
das Lied von jener Todesmauer,
dort wo mit ihm mein Leben starb.

© Ingrid Herta Drewing

Zu Monets Gemälde „Klatschmohn in der Gegend von Argenteuil“

Inmitten einer Sommerwiese,
umwallt von Gräsern, rotem Mohn
spazieren klein Michel, Louise
gemächlich hier auf grünem Fliese.
Madame Monet folgt mit dem Sohn.

Im Hintergrund umrahmen Bäume
ihr helles, rot bedachtes Haus.
Auf sanfter Landschaft Mittags-Räume
und Lichtes Impressionen, Träume
des frühen Sommers schaut’s hinaus.

Hier lässt des Malers Blick dich schweben,
wo Wolkenweiß Blauhimmel kennt
und Wiesenwogen, Mensch und Leben
natürlich, anmutig verweben,
was sonst so oft durch Hast getrennt.

© Ingrid Herta Drewing,2016