Archive for the Category Erfahrung

 
 

Anonym

Es hatten sich Verlorene gefunden,
der Zufall einte sie im Sog der Nacht.
Man fühlte sich für kurze Zeit verbunden,
bis tags das Wunder madig ward gemacht.

Das Licht entlarvte den Verfall, die Falten,
und was verheißungsvoll im Dunkel schien,
zerfiel wie Asche vor dem Auge, die Gestalten
entfernten sich, vorbei ihr Liebesglüh’n.

Im Großstadtdschungel mancher Metropole
verirren nächtens viele Menschen sich,
sie steigen ab, frönen dem Alkohole,
verlieren ihre Richtung, fast ihr Ich.

In Häuserfluchten anonym, allein,
gilt’s zu ertragen hier, einsam zu sein.

© Ingrid Herta Drewing,2016

Jahresmitte

Jetzt angekommen in des Jahres Mitte,
blickst du erstaunt die kurze Zeit zurück.
Was noch im Januar nur stumme Bitte,
zeigt sich zum Teil in der Erfüllung Glück.
 
Und vieles wurde anders, als du dachtest.
Das Leben spielte fraglos sein Roulette.
Die Kapriolen, die du ernst beachtest,
erschienen deplatziert oft im Parkett.
 
Erwachsen ist das Jahr wohl doch geworden.
Jetzt sollte es hier zeigen sein Gesicht.
Zwar schickte es den Frühling früh nach Norden,
doch schönen Sommer brachte es noch nicht.
 
Auch du hegst viele Fragen, denkst betroffen:
Das Jahr geht weiter und uns bleibt das Hoffen.
 
 © Ingrid Herta Drewing

Ermunterung

Schon mancher, der sich aufgeschwungen
und auch die Höhe hat erreicht,
erkennt, dass man hier hat gedungen
den Dämon, und er leicht erbleicht.

Nicht alles, was in Höhen schaukelt,
hält schließlich auch, was es verspricht.
Oft wird dir hier nur vorgegaukelt,
es stehe dort im rechten Licht.

Darum lass dich davon nicht täuschen;
nicht jedes Lied klingt wirklich gut.
Oft sind es nur banal Geräusche.
Sing ruhig dein Lied, behalt’ den Mut!

© Ingrid Herta Drewing,2016

Der Rabe und die Eule

Ein Rabe, klug und welterfahren,
saß sinnend, still auf seinem Baum.
Er spürt‘ den Wind im Wipfel kaum
und dachte, ob in hohen Jahren
sich nun erfüllen sollt‘ sein Traum.

Ob es hier endlich Frieden gebe
und Handeln wäre gut bedacht,
der Mensch erkenne wahre Macht,
dass Liebe, die das Leben gebe,
dann schließlich siege Tag und Nacht?

Und während er so sann und dachte,
flog nebenan die Eule ein,
genoss als Spot des Mondes Schein.
Sie glaubte, Rabe sie verachte,
weil er so saß für sich, allein.

„Sag, Rabe, ist es dir bekannt –
ich hörte es auf meiner Reise –
dass mich die Menschen nennen weise?“,
so fragte sie ihn arrogant
und senkte ihre Stimme leise.

Der Rabe saß verwundert dort
und prüfte dieser Botschaft Sinn,
dann sprach er:“Eule, nimm es hin,
verhalte weise dich vor Ort,
dann ist das Wort wohl ein Gewinn!“

© Ingrid Herta Drewing,2016