Baustil-Leben

Was dachte man sich beim Erbauen,
als man wie Säulen junger Frauen
Figuren nahm in die Fassade?

Bei Sonnenschein, im Regengrauen
sie leicht geschürzt und freundlich schauen
auf der Passanten Promenade.

Ich wünscht‘, sie legten ab das Dach
und stiegen vom Balkongemach,
um sich zum Tanz zu trauen!

Sie ließen sich vom Duft der Rosen
im milden Sonnenlichte kosen,
ohne entrückt zu zagen.

Jedoch, da gibt’s kein Wagen.
Die Schönen, die aus Stein gehauen,
sie zucken nicht mal mit den Brauen
und schauen nur auf’s Park-Gestade.

© Foto u. Text / Ingrid Herta Drewing
Wiesbaden, Karyatiden, Villa im Nerotal

Hundefreuden

Flipp und Flapp, zwei kleine Hunde,
gehen Gassi, auf und ab,
schnüffeln munter in der Runde
alle Bäume gründlich ab.

Flipp ist schneller im Markieren.
Flapp bellt lauter als der Flipp,
und ihr Herrchen schikanieren
sie recht gern auf ihrem Tripp.

Ziehen zottelnd an der Leine,
kreuz und quer im Straßenlauf,
wickeln sie um seine Beine,
Herrchen, Achtung, pass doch auf!

Dieser ist noch reichlich müde,
es war spät wohl gestern Nacht.
Schwupp, da springt zur Seit’ der Rüde,
Stolperstein, schon hat’s gekracht.

Auf der schneebedeckten Straße,
an der Leine ausgerutscht,
liegt das Herrchen auf der Nase.
„Flipp“, sagt Flapp,“ das hat geflutscht!“

Um das Herrchen zu versöhnen,
wird die Zeitung apportiert.
Flapp schaut treu, Flipp fiebst in Tönen,
Nachbar Hans ist indigniert.

Schimpft:“Herr Schnauz, das sag’ ich Ihnen,
diese Zeitung gehört mir,
Ihre Hunde holen Ihnen
stets das Blatt von meiner Tür!“

Herrchen, kleinlaut, schaut betreten,
bittet höflich um Pardon.
Hundehalter, nun in Nöten,
geht mit Flipp und Flapp davon.

© Text : Ingrid Herta Drewing, 2010

© Bild: Ingmar Drewing, 2018

April 2021

Es zeigt April ein Frostgesicht,
lässt Südwind hier noch nicht gewähren.
Als sehe er ’s als seine Pflicht
und nötige uns zum Verzicht,
wollt‘ einen Lockdown so beschwören.

Zwar schenkte Frühling schon dem Land,
was Flora hatte aufzuweisen,
Frühblüher hat er uns gesandt,
Forsythien-Gold, als leuchtend Pfand,
versprach, er würde bald einreisen.

Doch kam der Winter harsch zurück,
erfasste kalt die zarten Blüten,
als sei’s ein böses Bubenstück;
auch Vögel, noch im Nestbau-Glück,
behindert er bei ihrem Brüten.

Du nimmst es als Aprilscherz hin,
weißt wohl um Wetterkapriolen
und hoffst, dass Lenz hier bald beginn‘,
mit Milde wärme Seele, Sinn,
damit sich alles kann erholen.

© Foto u. Text : Ingrid Herta Drewing

Kastanie

Noch hängen der Kastanie junge Blätter
gleich ungeübten Flügeln schlaff am Ast,
wo nun befreit von Winters weißer Last
zart knospend Glanz in Blütenkerzen klettert
und Frühling sehnend in den Himmel fasst.

Wenn dann im Mai die Sonne golden malt,
streckt weit sie ihre grünen Blätterhände,
millionenfach, man glaubt, es nehm’ kein Ende,
zum Himmelslicht, und in den Kerzen strahlt
ihr Frühlingsgruß, den sie uns zärtlich sendet.

Dann leuchtet ’s wieder hell in den Alleen.
In lindem Grün grüßt hoffnungsvoll die Stadt,
und auch das Schwanenpaar, dort auf dem See,
so majestätisch schön im Pas de Deux
auf der Kastanie Bühne Heimat hat.

© Foto u. Text : Ingrid Herta Drewing,

Geometrischer Dialog

In einem Malbuch sich befanden
vier Flächen, die sich nahe standen,
ein Dreieck, Rechteck, auch ein Kreis
und ein Quadrat, die Flächen weiß.
Sie warteten dort sehr gespannt,
wer sich zuerst bemalt wohl fand.

Das Rechteck sprach zum Dreieck dreist:
„Ich sag’ es dir, damit du ’s weißt.
Du armer Wicht hast nur drei Ecken
und solltest dich vor Scham verstecken.
Es fehlt ein Eck dir, drum sei leise,
entferne dich aus unsrem Kreise.
Denn wir vom Viereck, ganz apart,
sind sehr erlesen so als Art.
Kein Quader möchte uns vermissen.
Beim Hausbau sucht man, sehr beflissen,
nur uns in rechten Formen aus.
Pakete, Kisten, Schränke, Truhen,
ja selbst in Betten gäb ’s kein Ruhen,
wär’n wir als Rechteck nicht im Haus.
Gewiss malt man zuerst mich aus!“

Das Dreieck fühlt die Ehr’ verletzt
und antwortet nun sehr vergrätzt:
„Was soll hier dies’ Diskriminieren,
voll Hochmut mich zu schikanieren?
Frag’ das Quadrat, es sagt es dir,
trägt gerne uns als Form; gleich vier
von uns birgt es in sich,
diagonal braucht ’s nur zwei Strich.
Und weil du mit den Bauten prahlst,
mir deine große Welt ausmalst,
so lass mich damit nun zufrieden;
denk’ an die Form der Pyramiden!
Hier strahlt jahrtausend alter Glanz,
im Dreieck sind die Seiten ganz.
Selbst Hüte trug man mit drei Ecken!
Ich muss mich wirklich nicht verstecken;
Und hab’ ich auch nur Ecken drei,
bin ich gewiss zuerst dabei!“

Verwundert hörten ’s Kreis, Quadrat,
wie sie in nicht sehr feiner Art
noch lange miteinander stritten.
Da plötzlich kam ein Stift geglitten,
der strich die Mecker-Ecken aus.
Als Smiley hob den Kreis er raus,
zum Würfel malt er das Quadrat,
mit schönen Punkten, rund und zart.

Oft greift das Schicksal so ins Leben
und macht, was hoch will, schlicht und eben.

© Ingrid Herta Drewing

Hortensien

War heiß der Sommer, standen sie verblichen
wie alte Kittelschürzen blühend da,
im Vorgarten wie Wächter, die nicht wichen
und trotzten mutig jeglicher Gefahr.

Mit grünen, festen Blätterhänden
empfingen sie das grelle Sonnenlicht
und trieben aus nach Regen Blütenstände
in zartem Blau und Rosa, ein Gedicht.

Hortensien-Büsche, meiner Kindheit Freude,
ein Leuchten hell im grauen Trümmerland,
wo ihr nicht wurdet jenes Krieges Beute.
Als Teil der heilen Welt ich euch dort fand.

Ein Lichtblick in der düstren Nachkriegszeit.
Auch heute noch steht blühend ihr bereit.

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing

Appell 2021

Noch immer nimmt den Atem uns die Seuche,
lässt fast verstummen hier des Frühlings Lied.
Wie hatten wir gehofft, dass sie entfleuche
noch letzten Sommer! Doch naiv Getäusche
vernebelte zu sorglos manch Gemüt.

Als Rosskur den Lockdown wollt‘ man nicht haben;
vor Wahlen schwankt die Politik im Rund,
verteilt, verspricht viel lieber milde Gaben,
anstatt entschlossen tiefer da zu graben,
obwohl die Wissenschaftler mahnen sich fast wund.

Dem Virus sollt‘ begegnen man entschlossen,
ihm Spielraum nehmen, seinen Menschenwirt;
geraume Zeit Beschränkung unverdrossen
ertragen, später werde Lohn genossen,
wenn so die Inzidenz nicht weiter schwirrt.

Damit sich Mensch und Wirtschaft dann erholen,
lasst endlich uns die dritte Welle brechen
und das befolgen, wovon Virologen
entgegen aller „ Leerdenker-Parolen“,
eindringlich schon seit langem sprechen!

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing

Frühlings-Sonntagmorgen

Im Osten wird es hell; die Vögel singen.
Ein Frühlingstag erwacht mit klarem Blick;
die Welt beginnt in zartem Blau zu schwingen.
Von ferne leise Sonntagsglocken klingen,
und strahlend glänzt der Sonne golden Glück.

Da öffnen sanft die Blumen ihre Blüten,
verströmen ihren lieblich süßen Duft.
Schier unerschöpflich scheint die Wundertüte,
aus der Natur schöpft ihres Reichtums Güte,
ein Grünen, Blühen, warme, milde Luft.

Du nimmst die Welt jetzt wahr mit allen Sinnen.
Dies neue Werden, Wachsen dich berührt.
Dein Tag mag leichter nun im Licht beginnen;
du spürst und fühlst, das Leben wird gewinnen
und traust der Hoffnung, die dich lächelnd führt.

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing
Wiesbaden, Blick auf die Marktkirche

Morgengebet

Wir danken, Vater, für das Tagen
nach langer Nacht und tiefer Schuld.
Verleih uns Mut, nicht zu verzagen,
beschütze uns vor Ungeduld,
hier vorschnell, schädlich, falsch zu handeln,
der Schöpfung Schönheit zu verschandeln!

Herr, der du uns in deiner Güte
dies irdisch‘ Paradies geschenkt,
der Pflanzen Grünen, ihre Blüte,
die hin zu Frucht und Reife lenkt,
gib uns auch Kraft, auf weisen Wegen
in deinem Sinn dies Gut zu hegen!

Wir bitten dich um wahren Frieden,
die Güte und den wachen Blick,
einander helfend zu behüten,
fern sei uns Hass und Kriegsgeschick!
Lass uns, was heilen hilft, erkennen
und Leben, Lieben nicht mehr trennen!

© Foto u.Text: Ingrid Herta Drewing,

Mimose

Vom Frühling singst du, liebliche Mimose,
ein südlich’ Lächeln grüßt aus deinem Hauch.
Betörend gleich der Königin, der Rose,
weißt du wohl zärtlich zu verzaubern auch.

Mir spricht dein goldner Blütenflausch von Sehnen,
nach hellem Himmel, azurblauem Meer,
Aranjuez, Gitarrenklängen, schönen
Erinnerungen einer Liebesmär.

Aus deinen Düften ruft mich, sanft verwoben,
ein trautes Bild und süßer Worte Sang.
Ich atme dich, halt’ dich ans Herz gehoben

und berge mein Gesicht im Blütenklang.
Um träumend in dein Sonnenreich zu sinken
und nasenselig Frühlingsglück zu trinken.

© Ingrid Herta Drewing, 2010.
© Foto: Anita L. White, 23.02.2015