Archive for the Category Menschen

 
 

Menschenersatz

Bequem erscheint die Automatenwelt,
erledigt Arbeit, spart so Zeit und Geld.
„Der Mensch wird frei gestellt“,
heißt es so schön.
„Wirst du erwerbslos, musst du seh’n,
was anderes zu finden!
Musst mit dem Fortschritt geh’n,
lässt sich nicht unterbinden!“

Die Fortschrittsgläubigkeit erzeugt Probleme,
beschert nicht allen nur das Angenehme.
Den einen wird gegeben,
den anderen genommen;
meist kann der Mehrwert nicht
zu allen Menschen kommen.

So werden auf der Welt im Hier und Heute
sehr viele Arme nur der Reichen Beute.
Ich frag‘ mich auch, ob da in all den Sachen,
in denen wir uns überflüssig machen,
es immer sinnvoll ist, zu delegieren,
anstatt es selbst bewusst hier auszuführen.

Verantwortung des Handelns sieht wohl kaum
der Roboter, der dann beherrscht den Raum.
Auch schlimme Taten ( wie durch Drohnen Tücke)
entziehen sich so leicht dem klaren Blicke.

„Ach was, denk mal an menschliches Versagen,
zu oft sind Unfälle und Tote zu beklagen!
So schnell und so exakt wie die Maschinen,
die Roboter, kann doch kein Mensch mehr dienen.“

Dass wir als Menschen nicht wie die Maschinen
nur funktionieren, ist des Lebens Gunst,
bei Unverhofftem lassen wir die Schienen
und finden neue Wege, das ist Kunst.

Ich mag sie nicht, die Welt, die starr und kalt
den Mensch dem Menschen nimmt im Fortschrittswahn,
wo uns, vernetzt im digitalen Wald,
auf Knopfdruck dann bewegt ein Robot-Clan.

Wir brauchen bald kaum noch die Arme, Beine,
und manche nutzen nicht mehr oft ihr Hirn.
Längst gibt es eine Welt medial für Kleine,
mit Geld und Macht winkt anderes Gestirn.

Gäb’s endlich Fortschritt in der Empathie,
gerechtes Handeln, Frieden in der Welt,
dass man besieg‘ den Wahn, die Idiotie,
die uns entmenscht in Gier gefangen hält!

© Text: Ingrid Herta Drewing,
Fotos: Pixabay

R.I.P. GUDRUN PAUSEWANG

Am 23.01.20 starb Gudrun Pausewang.
Die Schriftstellerin hatfrüher auch hier in Wiesbaden gelebt
und in der Nachkriegszeit als Lehrerin an der Lorcher Schule unterrichtet.

Ich behalte sie in lieber Erinnerung.

Deshalb hier die autobiografische Geschichte, die ich im Juli 2009 schrieb

UND DIE SONNE GING AUF

Ich hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft und in der hinteren Reihe des Hörsaals einen Platz ergattert, bevor die Vorlesung begann, und hörte interessiert zu, was der Professor über die unterschiedliche Entwicklung, die Motorik und den Bewegungsdrang von Kindern erklärte.

Oh ja, ich erinnerte mich, ich war auch ein sehr lebendiges Kind, milde ausgedrückt. Heutzutage würde man sagen, ich sei wohl etwas hyperaktiv gewesen. Aber dieser Begriff, der heute fast wie Falschgeld benutzt wird, war in der Nachkriegszeit nicht geläufig. Außerdem hatten wir Kinder damals genügend Raum, um uns auszutoben. Auf den Straßen fuhren nur sehr wenig Autos, und die Trümmergrundstücke waren phantastische Abenteuerspielplätze, wenn auch nicht immer ganz ungefährlich. Das Wippen auf den herausragenden Eisenträgern machte Spaß, und man konnte so allerlei entdecken und finden, was sich zum Spielen eignete. Da war auch kaum jemand da, der uns kontrollierte, denn die Erwachsenen waren damit beschäftigt, die Existenz zu sichern und das Land wieder aufzubauen.

Nur in der Schule, da musste man brav sein, still sitzen und schweigen, es sei denn, man war aufgerufen worden, was bei über 40 Kindern nicht so oft vorkam. Wie schwer war mir das im zweiten Grundschuljahr gefallen!
Unser Klassenleiter, einer der vielen Lehrer, die der Krieg krank gemacht hatte, verlor schon mal bei uns Rasselbande die Nerven. Dass man sich dann mit dem Gesicht zur Wand in die Ecke stellen musste, war noch die harmloseste Art der Bestrafung. Wer Pech hatte, bekam den Rohrstock zu spüren oder musste einem nassen Schwamm oder einem Stück Kreide ausweichen. Meine Hände hatten schon mehrfach die Bekanntschaft mit dem Rohrstock gemacht. Über 40 Kinder zu bändigen, das war für die Nerven dieses Lehrers, der auch sehr nett sein konnte, zu viel. Und die Eintönigkeit seines Unterrichts zementierte die Misere. “Wenn alles schläft und einer spricht…“sagten wir später am Gymnasium zu so etwas. Nur damals als quirlige Zweitklässler waren wir sehr ausgeschlafen und voll Tatendrang, zumal es ja auch noch kein Fernsehen gab; wir brauchten Bewegung für Körper und Geist.

Während ich meinen Gedanken nachhing, war mir der Kuli, mit dem ich gespielt hatte, auf den Boden gefallen und lag der Kommilitonin neben mir zu Füßen. Als ich ihn aufhob und mich entschuldigte, stutzte ich. Obwohl sie wohl einem höheren Semester angehörte, kam sie mir bekannt vor. Sie erinnerte mich an meine Lehrerin, die unsere Klasse im 3. Schuljahr übernommen hatte.
Wie gut ich mich daran erinnerte! Mit dem Erscheinen von Fräulein Pausewang in unserem Klassenzimmer war für uns Schüler die Sonne aufgegangen. Und das hatte nicht nur daran gelegen, dass sie jung und hübsch war und menschliche Wärme ausstrahlte, sie hatte auch eine für uns neue, wunderbare Art zu unterrichten und zu erziehen. Sie förderte unsre Phantasie und Kreativität in ihrem ganzheitlichen Unterricht, und endlich durften wir uns bewegen.Wir musizierten, spielten Theater, sagten Gedichte auf, und wir lernten dadurch unsere Sprache zu lieben. Sie weckte in uns die Freude an der Schönheit der Sprache und des gesprochenen Wortes, auch die Lust am Theaterspiel. Disziplin galt auch bei ihr, aber sie lenkte uns besonnen und gütig. Miteinander spielend lernen, das war wohl die Devise.
Nur ein Jahr lang durfte ich bei ihr diesen Unterricht erleben, weil ich wegen unseres Umzugs die Schule wechseln musste. Aber die Begegnung mit dieser Lehrerpersönlichkeit wirkte nachhaltig.

Ich verwarf zunächst den Gedanken, bei meiner Nachbarin könne es sich um meine verehrte Lehrerin handeln, schließlich war sie ja damals schon eine gestandene Pädagogin gewesen. Dennoch sprach ich sie nach der Vorlesung darauf an.

Sie war es tatsächlich, Gudrun Pausewang, meine Grundschullehrerin!

Nachdem sie etliche Jahre in Südamerika an deutschen Schulen unterrichtet und sich auch als Schriftstellerin profiliert hatte, war sie wieder nach Deutschland zurückgekehrt und studierte hier (wie ich kleines Erstsemester) an der Johannes-Gutenberg-Universität Germanistik.

Zum Glück hat sie sich nicht nur ihrer Berufung als Schriftstellerin gewidmet (sie ist ja heute eine mit vielen Preisen ausgezeichnete, berühmte Dichterin), sondern sie arbeitete bis 1989 auch als Lehrerin.
Wie sagt doch Sokrates?
„ Wer nicht nur seine eigenen, sondern auch anderer Eltern Kinder gut erzieht, der dient fürwahr einem Gott gefälligen Ziel.“

Ingrid Herta Drewing

Zum Reformationstag

MARTIN LUTHER

Bruder Martin, der du einst im Gottvertrauen
kämpftest gegen Papst und Kaiser für das Recht,
dass,wer glaubt, die Gnade Gottes darf erschauen,
Christi Liebe durch sein Wort erfährt,das echt.

Schenktest, unterstützt von einem Weisen,
uns die Bibel, hast sie übersetzt
und befreit von Fremdheit und so, leise,
unsre Muttersprache recht ins Licht gesetzt.

Hast in deinen schönen Liedern,vielen,
uns auf Deutsch gesagt, was Glauben heißt,
und die feste Burg der Evangelien
heut’ uns noch den Weg zu Christus weist.

Wolltest nie der Christen Kirche spalten,
reformieren, recht zu glauben, war dein Sinn.
Doch die Macht, der Hochmut konnte walten,
reichte blind noch zu den Kriegen hin.

Wir, die nun nach Hunderten von Jahren
sehen, was du glaubend, mutig einst vollbracht,
dürfen, Gott sei Dank, auch froh erfahren,
was ein reiner Glaube Gutes möglich macht.

© Ingrid Herta Drewing

Lächelnder Engel

So viele Jahre blickst du schon hernieder;
du siehst und sahst viel Menschen kommen, gehen.
Es tönten böse, doch auch gute Lieder,
mal Kampfgetöse und dann Frieden wieder.
Doch du bliebst lächelnd am Portal dort stehen.

Der Steinmetz, der dich damals durft‘ gestalten,
er war gewiss ein Mensch mit frohem Sinn.
So schuf er nicht nur kunstvoll Kleides Falten
und Flügel für dein himmlisches Verhalten,
er stellte dich lebendig, lächelnd hin.

Als Engel freundlich, scheinst du zu verstehen,
was Menschen seit Jahrhunderten bewegt,
wenn sie sich irren, falsche Wege gehen,
in Not und Angst dann hier um Hilfe flehen
und hoffen, dass sie Gott trotz Schuld noch hegt.

© Foto* u. Text / Ingrid Herta Drewing,2018

*Engel am Westportal der Kathedrale von Reims, 1963 fotografiert

Im Nebel

Im dichten Nebel wirkt die Landschaft matt.
Kaum lassen da Konturen noch erahnen,
dass es sie gibt, dort hinterm Grau, die Stadt.
Kein Wind bewegt die schlaffe Wetterfahne.

Es bellt kein Hund, sogar die Krähe schweigt;
gedämpft sind meine Schritte, eine Stille,
die feindlich fast in meine Ohren steigt.
Ich wische mir die Feuchte von der Brille.

Die Bäume, ihres Laubes ganz beraubt,
sie wirken im Spalier wie Spukgespenster.
Da, endlich leuchten schwach des Hauses Fenster,
und Leben grüßt, das ich schon fern geglaubt!

Ein Mensch hat sich hier Wärme, Licht entfacht,
trotzt so dem Nebel und der langen Nacht.

© Foto u. Text / Ingrid Herta Drewing,2018

Der Schweiger

Septemberabend, hell, doch tönt schon leise
des Herbstes Lied, das in den Wipfeln schwingt.
Vom Abschied Nehmen raunt die alte Weise,
die golden in der Bäume Blätter dringt.

Als zählten Wetter nicht, noch Jahreszeiten,
des Schweigers Denkmal vor dem Dom dort steht,
für Freiheit, Unabhängigkeit zu streiten,
nie war es Nassaus Wilhelm obsolet.

So preist man heut‘ noch in den Niederlanden
Wilhelmus in des Staates Hymne schön.
Auch König nebst Gemahlin sich einfanden,
hier der Oranier Stammsitz anzuseh’n.

Wiesbadens Bürger kennen ihn seit Jahren;
er wirkt wie eingepasst dort ins Portal
der Marktkirche mit ihren Formen klaren.
Die Turmuhr grüßt, Carillon manches Mal.

© Foto u.Text / Ingrid Herta Drewing, 2018

Wolkengleich

So flüchtig wie die Wolke ist das Leben.
Noch eben schwebend hoch in Himmels Blau,
türmt sie sich auf, Gewitter wird es geben,
was vordem weiß, verschwindet ganz im Grau.

Sich dann im Hagel, Regen zu verschwenden,
bis wieder Sonne hell am Himmel bleckt,
und in den Wassern sich zur Erde wenden,
vielleicht im Regenbogen noch entdeckt.

So wandelt alles sich in stetem Werden
und Enden, hier im Kreislauf der Natur.
Auch wir sind doch nur Gäste hier auf Erden
und hinterlassen unsre kleine Spur.

© Foto u. Text / Ingrid Herta Drewing

Algorithmen- Honig

Version 3

Man erliegt so leicht dem Schmeicheln,
fragt oft nicht, ob ’s wahr auch sei.
Gut tut doch ein Seelen-Streicheln
nach des Alltags Plackerei.

Ja sogar in Facebook haben
dies die Macher schon erkannt,
sind mit Algorithmen-Gaben
reichlich schmeichelhaft zur Hand.

Loben dich als Beste, Schöne,
eine die von Herzen gut,
drum geliebt, die Flötentöne
schenken, dich bezirzend, Mut.

Bist du down, bei name-test com,
schenkt dir Algochen den Lauf
und erklärt dir lieb und fromm,
du seist klasse, baut dich auf.

Nimm es nur als Spielchen an,
Schmunzeln regt sich im Gemüt!
Denn was man sonst wirklich kann,
ist wohl ein ganz andres Lied.

© Foto u. Text / Ingrid Herta Drewing,2018

Hommage

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Dieses zärtliche Gänseblümchenlächeln
begrüßte mich immer am Morgen
und vertrieb die Sorgenfalten
aus des Alltags Gesicht.

Halb volle Gläser sahst du,
wenn andere Leere predigten,
erzähltest vom Frosch, der überlebte,
weil er sich im Sahnefass nicht aufgab,
unermüdlich strampelte, kämpfte
und dann vom Butterberg aus
in die Freiheit sprang.

Die kleinen Lebensweisheiten
in Fabeln, Märchen und Sprichwörtern
und diese Heiterkeit, die Sonne
in den trüben Tag zauberte,
sogar Schmerzen vertreiben konnte.

Immer auf der Spur des Lebens,
eigenes Leid unter dem Mantel
der Hoffnung verbergend,
im Licht der Freude.

© Ingrid Herta Drewing,2018

Weiße Rose

Im Gedenken an die Geschwister Scholl

Weiße Rose