Vor dem Spiegel

Die Falten, die die Zeit
dir auf die Stirn gebügelt,
als schrieben sie den Eid,
dass alles, was beflügelt,
ob’s Leid, ob’s Freudenfest
auch Spuren hinterlässt.

Da kräuseln sich an Mund
und Augen Lachens Zeugen,
doch tut sich Gram auch kund,
mag leicht die Züge beugen.
Es zeichnet Jahr für Jahr
des Lebens dich fürwahr.

Jedoch der Augen Glanz
ist leuchtend dir geblieben,
verspricht noch immer ganz
dies Hoffen, innig Lieben,
das hier im Leben singt,
noch in den Tiefen schwingt
und gütig Freude bringt.

© Ingrid Herta Drewing

November

Blasse Novembersonne,
wärmst uns des Mittags noch mild.
Da die Nebel zerronnen,
strahlst du im Blauhimmelbild.

Darf ich genießen, staunen,
fühle die Wärme, das Licht.
Nachts schon die Fröste raunen,
Tags jedoch lacht dein Gesicht.

Lass den Winter ruhig warten,
Herbstfeier ist angesagt;
grünen doch hier im Garten
Astern und Rosen im Hag!

© Foto u. Text /Ingrid Herta Drewing,

Wiesbaden, Blick zum Neroberg

Nebliger Morgen

Zart hebt jetzt der Morgen die müden Lider,
verschleiert im Nebel die Landschaft liegt,
als singe der Herbst ihr hier Schlummerlieder,
dieweil er sie sanft in Träumen noch wiegt.
Es fehlen die Farben, der Blätter Glänzen,
nur Krähen thronen im kahlen Geäst.

Ermattet welkt nun nach stürmischen Tänzen
Stamm säumend das Laub, beendet das Fest.
So kühl und feucht mag der Morgen mir sagen:
„Auch du sei zum Innehalten gewillt!“
Ich grüße den Tag, und mit Wohlbehagen
mich Wärme in meinem Zuhause erfüllt.

Da stört mich das Grau nicht, des Nebels Bild;
das Teelicht,es leuchtet im Stövchen so mild.

© Foto u.Text: Ingrid Herta Drewing

Novemberspaziergang

Nebel gefiedert
kauern des Herbstes Vögel
im kahlen Geäst.
Nur trüb fließt Laternen-Licht,
und Konturen verschwimmen.

Schweigende Schritte,
nasse Blätterteppiche.
Noch wärmt der Mantel.
Doch Kälte greift ins Gesicht
und schwingt hauchzarte Fähnchen.

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing

Verbunden

Verwoben sind wohl aller Menschen Leben,
die Freud des Einen und des Andern Leid.
Was wir gestalten, wie wir handeln, geben,
verbindet miteinander, prägt die Zeit.

Und auch vergangner Völker sanfte Spuren
betreffen heute noch der Tage Lauf.
Wir glauben zwar, es schlügen nur die Uhren,
die wir hier ziehen eigenhändig auf.

Jedoch uns nährt des Lebens ew’ge Quelle
und viele Wege, die beschritten sind,
erscheinen uns als eine neue Stelle,
so wie ein Sprechender die Sprache find’.

Die Sprache, worin unser Denken schwingt,
wir prägen sie und fügen Deutung zu.
Jedoch in jedem Wort, das uns erklingt,
besingt das Leben auch ein fernes Du.

So wie das Licht der Sterne, die verglühten,
noch immer in den Nächten zu uns dringt,
erleben wir, was lange vor uns blühte,
weil es in dieses Daseins Tiefen schwingt.

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing

Novembermorgen

November, die Nebel kreisen
noch über Garten und Haus,
tauschten mit Frost nachts die leisen
Raureif-Gespinste aus.

Auch dort im Park auf den Wiesen
schimmert ein eisiger Flaum,
bald mag die Sonne begrüßen
den Morgen, noch nistend im Baum.

Wiesbaden, Nerotal

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing

November-Stimmung

November-Nebel hält das Tal,
die kleine Stadt gefangen.
Im Grau erscheint das Leben fahl,
unwirtlich kühle, nasse Qual
will draußen dich empfangen.

Da schätzt du einen warmen Ort,
fühlst dich zu Haus‘ geborgen.
Dort stört kein kalter Wind von Nord
und am Kamin, dem Flammen-Hort,
versüßt dir Tee den Morgen.

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing

WIR

Du hast mein Lied gesungen,
ich deines, schöner Klang.
Von Liebe ganz durchdrungen
war süß uns der Gesang.

Dein Lächeln war mir Sonne,
dein Atem Lebenshauch,
dein Blick, Geschenk und Wonne,
wie deine Küsse auch.

Zwei Flammen, die hell brannten
zu einem Feuer, Licht;
wenn wir einander fanden,
verschwand der Nacht Gesicht.

Jedoch die Zeit hat Flügel,
sie trug dich mit sich fort.
Ich steh’ am Grabeshügel,
und fremd ist mir der Ort.

Doch deine lieben Worte,
die trag’ ich tief in mir.
Erinnerung schenkt Horte,
dort lebst du noch mit mir.

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing

Zum Reformationstag

MARTIN LUTHER

Bruder Martin, der du einst im Gottvertrauen
kämpftest gegen Papst und Kaiser für das Recht,
dass,wer glaubt, die Gnade Gottes darf erschauen,
Christi Liebe durch sein Wort erfährt,das echt.

Schenktest, unterstützt von einem Weisen,
uns die Bibel, hast sie übersetzt
und befreit von Fremdheit und so, leise,
unsre Muttersprache recht ins Licht gesetzt.

Hast in deinen schönen Liedern,vielen,
uns auf Deutsch gesagt, was Glauben heißt,
und die feste Burg der Evangelien
heut’ uns noch den Weg zu Christus weist.

Wolltest nie der Christen Kirche spalten,
reformieren, recht zu glauben, war dein Sinn.
Doch die Macht, der Hochmut konnte walten,
reichte blind noch zu den Kriegen hin.

Wir, die nun nach Hunderten von Jahren
sehen, was du glaubend, mutig einst vollbracht,
dürfen, Gott sei Dank, auch froh erfahren,
was ein reiner Glaube Gutes möglich macht.

© Ingrid Herta Drewing

Unterwegs im Münsterland

Das Fernlicht greift tief in die Nacht,
sucht sich der Straße Band.
Die Nebelgeister sind erwacht
und streifen über Land.

Sie springen rasend wild und kommen
in Schleiern auf mich zu,
im Lichte schemenhaft verschwommen.
hör ich sie leis‘ mir flüstern zu :

“ Du, Menschlein klein, meide die Heide
und halt‘ dich fern vom dunklen Moor!
Wir führen Lämmer auf die Weide,
gar viele sind ’s, die man verlor!“

Mein Schaudern kommt mir seltsam vor,
muss an von Droste denken.
Ihr Knabe geistert hier im Moor
und stört mich schier beim Lenken.

Da endlich! Häuser sind in Sicht
und leuchtende Laternen.
Hier stören Nebelgeister nicht;
am Himmel funkeln Sterne.

© Ingrid Herta Drewing