Max, der Maikäfer

Es sitzt der Max auf einem Blatt
im hellen Maiensonnenschein;
noch nicht sehr viel erfahren hat
das kleine, junge Käferlein.

Drum fürchtet er den Vogel nicht,
der ihn da fasst an seinem Bein.
Erst in der Luft erkennt der Wicht:
Das könnte sehr gefährlich sein!

So fängt er plötzlich an zu strampeln
und flattert mit den Flügeln wild.
Dem Vogel sehr missfällt dies’ Hampeln,
er denkt sich: Der wird jetzt gekillt!.

Dort auf das Dach setzt er sich nieder
und ist bereit schon zum Verzehr,
öffnet den Schnabel, Max fliegt wieder
und ruft:“ Du kriegst mich nimmermehr!“

Er landet aber, welche Tücke,
ein Stockwerk tiefer auf dem Tisch.
Sein Pech, er fällt noch auf den Rücken
und liegt gestrandet wie ein Fisch.

Die Kinder, die den Max so sehen,
ihn bringen in ein großes Glas;
ein Buchenzweig darf noch drin stehen.
Maikäfer-Haus nennen sie das.

Der Max, der in Gefangenschaft
an diesem Tag zum zweiten Mal,
wird von vier Augen angegafft,
und er entflieht schnell dieser Qual.

Er kriecht tief unters Grüne, matt,
um sich behutsam zu verstecken.
Jedoch die Kinder lupfen ’s Blatt,
um ihn genau dort zu entdecken.

Sie zählen nach der Fühler Blättchen:
„ Ja sieben sind ’s er ist ein Mann!“,
sagt Klaus, und ernsthaft meint Annettchen:
„ Max soll er heißen, das kommt an!“

Und für den Zoo die Info-Tafel
entwerfen sie mit viel Geschick,
vermeiden süßliches Geschwafel,
ins Lexikon gewandt den Blick.

„ Ein Blatthornkäfer ist der Maxe,
frisst grüne Blätter gern im Mai.
Er riecht genau, wo Bäume wachsen;
Sensoren helfen ihm dabei.

Fast fünfzigtausend soll er haben“,
liest Klaus und meint:“ Toll Max, potz tausend,
die Käferfrau hat nur achttausend,
du bist ein echter Wunderknabe!“

Das sei, sagt Nettchen, ungerecht.
Doch Klaus meint für die Brautschau-Suche
sei’s auch für Mäxchens Frau nicht schlecht.
Er setzt ihn frei auf ’s Blatt der Buche.

Sie wollen ihm die Freiheit schenken,
vergessen schnell nun Glas und Zoo.
„ Flieg, Max, du darfst an Brautschau denken!“
Er schwirrt davon, und sie sind froh.

© Ingrid Herta Drewing, 2013

Trüber Maitag

Mir ist so herbstlich heut‘ zu Mut,
obwohl Kalender sagt: „’s ist Mai“.
Der Himmel grau, mit Schirm und Hut
zeigt sich ein Regenkonterfei.

Ein grüner Teppich säumt die Straßen,
verziert mit Blütenblätter-Fracht;
Gewitterstürme, Hagel-Rasen
zerstörten Frühlings zarte Pracht.

Kein Vogel singt nun Maien-Lieder.
Als sei verloren Frühlings Traum,
verkriechen sie sich ins Gefieder.
Der Regen klopft und füllt den Raum.

© Ingrid Herta Drewing,2016

Frühsommerspiel

Der Rose Schönheit
will ich im Bild bewahren,
vom Duft noch träumen.

© Ingrid Herta Drewing,2016

Zu Monets Gemälde „Klatschmohn in der Gegend von Argenteuil“

Inmitten einer Sommerwiese,
umwallt von Gräsern, rotem Mohn
spazieren wie im Paradiese
gemächlich hier auf grünem Vliese
Camille, Michel, der jüngste Sohn.

Im Hintergrund umrahmen Bäume
ihr helles, rot bedachtes Haus.
Der sanften Landschaft Mittags-Räume
erblüh’n im Glanz der Sommerträume
und locken hell ins Licht heraus.

Hier lässt des Malers Blick dich schweben,
wo Wolkenweiß Blauhimmel kennt
und Wiesenwogen, Mensch und Leben
natürlich, anmutig verweben,
was sonst so oft durch Hast getrennt.

© Ingrid Herta Drewing,2016

Mai-Versprechen

Von goldnem Sonnenlicht umflossen
dies Grünen in den Büschen,Bäumen!
Das Leben wächst, erklimmt die Sprossen
zu immer neuen Zauber-Träumen.

So mag ein Erdentag beginnen,
beschirmt von Himmels hellem Blau,
und ich erleb’ mit allen Sinnen
des Maien zarte Blütenschau.

Lass mich von Licht und Duft betören,
der frühen Vögel süßem Lied.
„Die Freude darf auch dir gehören“,
so flüstert’s zärtlich ins Gemüt.

© Ingrid Herta Drewing

Maimorgen

Der Tagesmond am Himmel thront.
Die Sonne strahlt, und lichtes Blau,
so wolkenlos, fast ungewohnt,
beschirmt hier hell nun Tal und Au.

Auf dem Balkon in frischer Luft
begieße ich in aller Frühe
die Rose, atme ihren Duft
und hoffe, dass sie knospe, blühe.

Ein Maien-Tag so frühlingsmild,
wie ich ihn mir herbei gesehnt,
schenkt morgens schon ein schönes Bild,
Lenz lächelnd bei den Rosen lehnt.

© Ingrid Herta Drewing,2016

Zurück zur Natur

Ein Diabetiker entdeckte,
dass man den Zucker gut versteckte
in Lebensmitteln unverfroren.
Darauf hat er sich dann geschworen,
das Zeug nicht mehr zu kaufen ein.
Ja, er beschloss, autark zu sein.

Hielt Hühner sich für Fleisch und Ei
und Ziegen zog er auf gleich drei,
mit Milch ’ne Käserei zu starten,
er baute aus den Pferch im Garten,
wo er auch Obst, Gemüsearten
vielfältig sorgsam kultivierte,
da vitaminreich, gern goutierte.
Nur eines brachte ihn in Not,
es fehlte ihm für’s täglich‘ Brot
das Mehl; das musste er sich kaufen,
damit sein Backbetrieb konnt‘ laufen.

Ihr ahnt es schon, er war beschäftigt.
Jedoch von Landarbeit gekräftigt,
ließ er den alten Job dann sausen
für seine kleine Meierei.
lebt‘ fortan einsam in der Klause.
Sein Leben ist fast zuckerfrei.

© Ingrid Herta Drewing,2016

Feststellung

Jeden Tag
ein neues Etikett,
Lobhudelei,
Spieglein
an der Wand-Spielchen
in Gesichtsbuch:
Like uns,
wir rechnen es aus,
dein mentales Alter,
deine Fähigkeit!
Du bist weise,
kreativ,
zeigen dir
dein schönstes
Angesicht,
die Bedeutung
deines Namens,
Unbezähmbare,
Mutige,
Intelligente,
Kluge
Einfühlsame,
Beliebte,
Unberechenbare!
Warte!
Es wird ausgerechnet.
Deine Berufung
Künstler, Sportler,
Pilot, Musiker,
Politiker, Arzt
wechselt
mit jedem
neuen Klicken.
Müll-Entsorger,
Näherin,Bestatter
fehlen.
Like uns!
Wir rechnen
es aus.

Mensch,
lass dich nicht
durch Orakel
nichten,
fremd bestimmen,
lebe, entscheide,
du hast die Wahl!

© Ingrid Herta Drewing,2016

Reisemüde

Du meinst, es sei Zeit, bald zu reisen,
da jetzt auch der Lenz sei erwacht.
Die Sehnsucht sing‘ Lieder, die leisen,
die wundervoll Wege dir weisen
in Träume von südlicher Nacht.

Doch nun, da die Schwalben einschweben,
es hell klingt in Garten und Wald,
will hier ich den Frühling erleben
und sehen sein blühendes Weben,
die Bäume in grüner Gestalt.

Denn mich lockt nun nicht mehr die Ferne,
ich ahne, das Gute liegt nah.
Ja, früher, da ließ ich mich gerne
verlocken und glaubte, die Sterne,
die sähe ich anderswo klar.

So reise denn wohl, ich verweile,
geborgen in Garten und Haus.
Mich drängen nicht Lust, noch die Eile,
dass ich viele Meilen da teile.
Hier lebe ich, harre gern aus!

© Ingrid Herta Drewing,2016

Seltsamer Traum

Nebel, gefangen,
verloren der Weg ins Tal.
Der Berggipfel fern.

Im Traum geborgen,
weilst du im alten Haus,
suchst Erinnerung.

Wilder Wein lodert.
Zwei schwarz befrackte Krähen
wie Wächter am Tor.

Die rote Sonne
rollt feurig den Berg hinab.
Wald, Wiese brennen.

© Ingrid Herta Drewing,2016