Spätsommer-Mittag

Mittag ist es, Glocken läuten.
In die Stille trägt ihr Klang
zartes, fühlendes Bedeuten,
dieses späten Sommers Sang.

Träumend sitze ich im Garten,
dort, wo die Reseden blüh’n;
deren duftende Standarten
mich umwehen goldengrün.

Nähme gern die Zeit gefangen,
haltend diesen Augenblick,
dass ein späteres Verlangen
trüg ’s ins Leben mir zurück.

Nicht verweilt, was wir erleben,
denn die Zeit hält ihren Schritt.
Doch der Seele frohes Beben
schreibt die Glücksmomente mit.

Ingrid Herta Drewing

Jahreszeitenwechsel

Sanft segnet er die Flur mit milden Händen.

- Das Sonnenschiff hat Segel schon gehisst-

Nach Süden wird sich nun der Sommer wenden.

Dort hat man ihn schon lange Zeit vermisst.

Bei uns kehrt Frühherbst ein mit klaren Tagen,

auch wärmt uns noch das helle Sonnenlicht,

bevor Novembers graue Nebelsagen

beständig feiern Feuchte und Verzicht.

Wir trinken uns noch satt am Farbenspiel,

das Herbst in seinem Malerrausch beschert,

die reifen Früchte, pralles Ernteziel,

zum Erntedank-Fest würdigt man den Wert.

Wir preisen froh den Schöpfer, der dies gibt

und alles Werden, Leben göttlich liebt.

Ingrid Herta Drewing

Lagerfeuer-Romantik

Feuer lodert, Funken stieben
in die dunkelblaue Nacht;
die am Lagerfeuer blieben,
singen leise, halten Wacht.

Unter Sternen träumend lauschen,
in der lauen Sommerluft
hören wir die Wipfel rauschen
und der Waldkauz dunkel ruft.

Fühlen innig uns verbunden
der Natur in Feld und Wald,
haben unser Glück gefunden;
Schlaf besiegt uns nicht so bald

Bis die Morgennebel fliehen,
sitzen wir beim Feuerschein,
sehn das letzte Scheit verglühen,
und nun lädt der See uns ein.

Hier im Sonnengold wir schwimmen,
das sich spiegelt hell im See.
Jugendfreude froher Stimmen
hallt als Echo in die Höh’.

© Ingrid Herta Seibel ( Drewing )1958

Frühherbst

Befreit von Nacht und Nebelhülle,

erstrahlt im Morgenglanz die Welt.

Ins Tal ergießt sich goldne Fülle,

die Sonne sanft die Stadt erhellt.

Und bringt auch in den dunklen Gassen

die lichte Freude in den Tag,

lässt Leben klar den Himmel fassen.

Ein Herbsttag, wie ich ihn gern mag!

Ingrid Herta Drewing

September-Haiku

Herbsthauch am Morgen,
und Nebellieder singen
die Nixen im See.

Doch der Sonne Gold
verzaubert den jungen Tag,
Septemberlächeln.

Ingrid Herta Drewing

Tabubruch

Komm mit, wir schlachten ein Tabu!
Man wird sich um uns reißen.
Vermarkten wir das, kommt dazu
Gewinn, den wir loseisen.

Sie müssen möglichst drastisch sein,
die Wörter, die wir zücken;
als Avantgarde stuft man uns ein,
die kühn sich darf ausdrücken.

Und kupfern wir den Text auch ab,
wenn wir ihn umfrisieren,
fällt noch ein Buchpreis für uns ab;
Feuilleton wird’s demonstrieren.

Jedoch, ich käm’ mir vor als Tor.
Des Kaisers neue Kleider,
die zeig’, wer will, nackt andern vor,
ich wähl’ seriöse Schneider.

Ingrid Herta Drewing

Verrücktes

Es hecheln lustvoll Paragraphen,
von Steuersündern aufgeweckt.
Der Wolf, gejagt von wilden Schafen,
sich schnell im Ziegenstall versteckt.

Lernt meckern, lässt ganz sein Geheule;
der Vollmond ist ihm gelber Käs’.
Der Ratte Schläue kränkt die Eule;
sie isst jetzt Maus mit Majonäs’.

Der Eber färbt sich kühn die Borsten,
die Bache hält den Malertopf.
Die Adler fliehen ihre Horste;
sie zieren Euros, platt geklopft.

Und Bäume tanzen, die, entwurzelt,
den Tango in den Lüften drehen.
Wer noch aus dem Tornado purzelt,
der kann hier nun Land unter sehen.

Befindet sich im Binnenmeer,
wo tagelang die Wolkenbrüche,
die Flüsse über Deich und Wehr
gefüttert aus der Wetterküche.

Ingrid Herta Drewing

Sonntagsfrühe

Es träumt der Sonntag in der kleinen Stadt,

die ausruht von der langen Woche Mühe.

Der Regen nieselt leicht, die Sonne hat

dem Nebel überlassen ihre Frühe,

und alles wirkt noch unwirklich und matt.

Kein Vogel singt und putzt sich sein Gefieder,

gezogen sind die Sänger in den Süden;

die Amsel spart sich auf die süßen Lieder.

Ein Hund bellt, an der Leine folgt dem Rüden

sein müder Mensch, mit halbgesenkten Lidern.

Dann klart es auf, die Kirchenglocken rufen

die ersten frommen Pilger auf den Plan.

Sie geh’n hinauf auf der Kapelle Stufen,

begrüßen an dem Tor den Herrn Kaplan

und Säulenheilige, die Künstler schufen.

Die Sonne strahlt, ein guter Tag fängt an.

Ingrid Herta Drewing

Erinnerung

Gesungen hast du, wunderschön gesungen,
ein altes Lied, das tief ins Herz mir drang,
erinnernd weckte, was längst schien bezwungen,
in Bildern tauchte auf, ein süßer Klang.

Und zart bewegt von einem sanften Sehnen
sah ich mich wieder in dem stillen Hain,
wo wir als Kinder ahnungslos und rein,
von Wundern träumend an den Bäumen lehnten.

Es gibt ihn nicht mehr diesen Wald, den schönen,
und viele Jahre sind ins Land gegangen.
Am andern Ort, ein Lied in fremden Tönen,
ein neues Leben hatte angefangen.

Jedoch bewahrt die Seele noch den Blick,
und schenkt uns zärtlich im Erinnern Glück.

Ingrid Herta Drewing

Hoffnung

Ein Regenvorhang rinnt hernieder,
grau ist es und kein Vogel singt.
Vorbei die Zeit der Sommerlieder,
ist’s das, was der August noch bringt?

Ich hoff’, der Sommer macht nur Pause
und kehrt zurück mit neuer Kraft;
die Sonnenblumen vor dem Hause
stehn noch erwartungsvoll im Saft.

Ingrid Herta Drewing