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Hochmut

Wir Menschen, die wir schwach und zagend sind
und dennoch glauben, stolz, vermessen,
wir könnten schwebend wie ein Blatt im Wind ,
mit Wissen achtlos spielend wie ein Kind,
die Rätsel dieser Welt ermessen.

Der Schöpfung wundervolle Fülle
zerstören wir und greifen planend ein,
gentechnisch, heimlich in der Stille,
gewahrt wird Ethik nur als Hülle.
Der Mensch als Macher regelt das Design.

Wie schnell verliern wir aus den Augen
den Blick, der offen, der uns Demut lehrt,
dass wir hienieden nur dann taugen,
wenn wir die Milch der Liebe saugen,
und nicht der Hochmut trotzig in uns gärt.

Ingrid Drewing

Frühlingshoffnung

Noch lag des Winters Kuss
dir eisig auf den Wangen ,

da reifte dein Entschluss,
den Frühling zu empfangen.

Denn du, Prinzessin Erde ,
gar wählerisch und fein,
du sagst so gern, es werde
und lädst dir Gäste ein.

Begrüßt der Vögel Scharen,
lachst lind im grünen Wald,
an Quellen, sprudelnd klaren,
erfreust du dich schon bald.

Bei frohen , leichten Tänzen
und zarter Blüten Duft
wirfst du beglückt in Kränzen
dein Lächeln in die Luft.

In Frühlings Armen liegen
wirst du als schöne Braut
und neues Leben wiegen,
wie wir es nie geschaut .

Ingrid Drewing

Alles ist relativ / Kindermund

Vier Frauen saßen nett beisammen,
erzählten sich so dies und das,
von Liebe auch und neuen Flammen,
von Paaren , kurz den neuesten Tratsch.

„Stellt euch mal vor , die Katharina,
die mit dem tizianroten Haar ,
geht jetzt mit einem jungen Wiener,
der ist gerad‘ mal 20 Jahr! „

„Der könnt‘ ihr Sohn sein !“,meinte Ria.
„Ist sie nicht 40 ?“ , fragt’s empört.
„Das ist wie bei der Schickeria.—
In unsren Kreisen unerhört !“

Und während man nun noch sinnierte,
wie Altersunterschiede sind,
vergaß man ganz , denn es studierte
ein Bilderbuch ,das Vorschulkind.

Doch plötzlich lautstark war’s zur Stelle,
verschämt erstarb der Schnattermull.
Das Kind sprach:“Wenn ich’s mir vorstelle,
ich bin dann 20 ,er ist Null !“

Ingrid Drewing

Optische Täuschung

Eschers Bilder

Und deine Bilder,
die des Auges Blicke streifen,
es gaukelnd leiten zu verwirrter Sicht,
verzaubern,
lassen uns in Räume schweifen ,
die wir erschauen,aber fassen nicht.

Denn immer,wenn wir meinen,recht zu sehen,
erkennen wir,uns blendet nur der Schein,
und alles wissende Verstehen
entlässt uns fragend nach dem wahren Sein.

So ist’s mit vielem,was wir kühn behaupten;
es löst sich auf , ist Schall und Rauch.
Wir bleiben Suchende, selbst wenn wir glaubten
am Ziel zu sein, zu wissen auch
.

Ingrid Drewing

Wende

Bevor er in der Häuser Flucht verschwand,
sah sie noch seines Atems Hauch im Wind;
die Augen tränenmüd , ein traurig Kind ,
verbarg sie ihre ausgestreckte Hand .

Die Hand, die er zum Abschied kurz gehalten,
als er ihr sagte , es sei Zeit zu gehn.
Was für ein Leben lang einst sollte halten,
das sah sie nun so kümmerlich vergehn.

Doch wandte sie sich um und schritt voran.
Und dann, obschon im Innersten erstarrt ,
sah sie das Kind lieb lächelnd an;
die Zukunft rief sie in die Gegenwart .

Ingrid Drewing

Alter Baum

Das Jahr geht gar zu schnell zur Neige;

schon steht November nebelmüde da.

Die letzten Blätter klammern sich an ihre Zweige

und zittern fröstelnd , wenn der Rauhreif nah.


Es fällt so schwer , den Sommer loszulassen ,

die Winde rütteln rau den alten Baum

und rauben ihm an Tagen , regennassen ,

das feuchte Kleid , er wehrt sich kaum .


Sodann die Nebelkräh’n in großen Scharen

bevölkern sein geplündertes Geäst;

er zeigt sich raugereift mit grauen Haaren,

erduldet noch der Vögel lautes Fest.


Es währt nur kurze Zeit , sie ziehen

hin zu den Feldern an den nahen See.

Den alten Baum erfreut ihr flatternd Fliehen ,

er wartet nun geduldig auf den ersten Schnee.


Bald im Dezember bringt ein sanfter Morgen

den weißen Schneepelz ,und zur Nacht

fühlt sich der alte Baum in ihm geborgen ,

gehüllt in weiche  Glitzerpracht .


Nun ruht auch er und mag wohl träumen

vom Leben nach der stillen Zeit,

wenn ihm im lichten Frühlingsschäumen

neu wächst ein zartes , grünes Kleid.


Ingrid Drewing


Die Rechte und die Verantwortlichkeit für dieses Gedicht liegen beim Autor (Ingrid Drewing).

Sprache

Sprache,du Wasser des Lebens,
bist uns ein Gottesgeschenk,
wir dürfen in dir mitweben,
der Gnade kaum eingedenk.

Doch deinen Klängen erliegen
wir, lauschend der Worte Sinn.
Sprache, in dir wahr sich wiegen
Gedanken Jahrtausende hin.

Zauberst uns Welten und Träume,
dem inneren Auge beschert ,
wie Yggdrasil Lebensbäume
und sokratisches Fragen ,gelehrt.

Bist vielen der stummen Wesen
der lebende, sprechende Mund.
Wir glauben in Worten, lesen
uns, in dir auch wirkend,gesund.

Ingrid Drewing

Ausblick

Es ist getan,
die Räume sind durchschritten,
geblieben nur das Fragen
nach Sinn und Leben , Pflicht.
Von allem,was durchlitten,
nährt, dich erinnernd , Wagen
und Hoffen auf das Licht.

So viel Verlieren,Finden und Verirren,
der Schmerz,die Süße ,das Gefühl
der Liebe,ihr Erblühn trotz aller Wirren
und Fesseln in des Nebels Pfühl.

Zum klaren Brunnen noch gelangen
und trinken von der Frische Quell,
von dem die alten Lieder sangen,
sein Wasser wecke Leben ,hell.

Möge die Quelle nie versiegen!
Sie sprudeln sehen ,ganz vertraun,
und trinkend ihr zu Füßen liegen,
will ich der Klarheit Licht erschaun.

Ingrid Drewing

Wintersonnenwende

Wie viele Winter habe ich gesehen,
mit wachem Auge tief erschaut ,
und viele Bilder mir wie Schnee verwehen,
Erinnerungen ,aufgestaut.

Doch einen Winter werd‘ ich nie vergessen,
das war , als du , mein Schneemann, mich geküsst.
Es schien mir zunächst frech , ja fast vermessen
;
dann war mir so , als ob ich träumen müsst.

Wir hatten rote Wangen , kalte Hände,
doch unsre Herzen klopften heiß.
Im Augen – Blick der Wintersonnenwende
schmolz hin in Liebe alles Eis.

Ingrid Drewing

Wintermorgen


Diesen stillen Wintermorgen

habe ich ersehnt ,

alles ruht noch , traumgeborgen,

Glück, der Zeit entlehnt.

Und im Widerschein der Flammen ,

die noch züngeln im Kamin ,

kuscheln wohlig wir , zusammen ,

um der Kälte zu entfliehn.

Ingrid Drewing