Archive for the Category Leben

 
 

An ein altes Steppenpferd

Bevor die Müdigkeit der Glieder
dir in das Herz kriecht,
bäume dich noch einmal auf.
Wirf deine Mähne in den Wind,
der mit ihr spielt,
und hebe deine Lider,
nimm so mit wachem Blick
das Grauen und den Glanz
der Sonnensteppe in dich auf!
Trink ihn mit innigtiefem Zug,
den Duft aus Wind und Wiese,
der dich leicht umweht;
lass dich davon berauschen,
geh und wage einen Schritt!
Setz einen zweiten nach ,
dann schwing dich auf
zu freiem Lauf!
Ob’s Lust, ob’s Leiden sei,
frag‘ nicht danach!
Wer lebt, erfährt!
Dort, wo du Abgrund streifst,
entgehst du deinen Grenzen,
im Taumel spürst du dich,
erhebst dich aus dem Fall.
Hier leben heißt:
Im Spiel den Tod umtanzen.
Wo alles ruht, lebt nichts.
Du bist, und sei’s dein Traum,
ein freies Wesen,
Wille und Bewegung
im Erdenraum!
Ingrid Drewing

Veichenparabel

An einer Bordsteinkante, hart,
treuherzig lugt’ sein blau Gesicht.
Ich schritt und stockte, sah es, zart,
zertrat das schöne Veilchen nicht.

Die kleine Blume, die sich hier
als Blütengast im Stein verloren,
erschien als Frühlings Bote mir,
der sich die graue Welt erkoren.

Als Zeichen, obwohl Tod befiehlt
und Kälte barsch die Wache hält,
dass Leben sich die Nische stiehlt
und so erneuernd weckt die Welt.

Ingrid Drewing

Kindheit

Oh ,Kind sein , Leben im Bewegen

und Staunen , was die Welt verspricht.

Ein jeder Tag , ein Farbensegen ,

es sieht mit wachem Augenlicht.


Ja , Kind sein , wenn es wohl geborgen,

den Tag , die Stunde frei verträumt;

noch fern sind der Erwachs’nen Sorgen ,

noch keine Pflichten , die versäumt .


Vertraut mit Pflanzen und mit Tieren ,

ein Garten , hell ,die kleine Welt ,

erobert erst auf allen Vieren ,

dann aufrecht ,schauend, was gefällt.


Mit viel Geschick etwas erbauen

aus Steinen oder auf Papier ,

der eignen Kraft im Spiel vertrauen ,

mutig erkundend das Revier.


Im Reich der Phantasie obsiegen,

im Märchen und auf hoher See ;

Piraten , die auf Meeren fliegen ,

Prinzessinnen , so weiß wie Schnee.


So schön , so zart , so müsst sie währen ,

doch bleibt sie uns nur kurz , die Zeit ,

in der wir reinen Sinnes ehren ,

was uns die Schöpfung hält bereit.

Ingrid Drewing

Löwenzahnsieg

Eine grüne Sternrosette
grüßte mich heut Morgen,
Frühlings Löwenzahnstafette
brach aus Asphaltporen.

Lebensvoll das Grau verdrängend
hat er es geschafft,
sich durch enge Ritzen zwängend,
strotzend grün vor Kraft.

Was ich sah, ist mir ein Sinnbild;
es zeigt: Das Harte fällt.
Weiches auch erzielt Gewinn, mild
wohltuend in der Welt.

Ingrid Drewing

Meer,Surfers Sehnsucht

Oh du, mein Meer ,in deinen Weiten
verirrt und findet sich mein Blick!
Des Lebens Sinnbild, die Gezeiten,
abebbend, flutend , mir bereiten
den Spiegel für mein Lebensglück.

In deinen wilden Wasserwogen,
die stürzen in der Brandung Schaum,
sind wir Wind surfend weit gezogen,
den Vögeln gleich so leicht geflogen ,
als sei das Leben nur ein Traum.

Schenktest den Sturm als Abenteuer.
Unbändig trotzten wir der Wut
Mit jugendlicher Kraft und Feuer,
auch wenn uns vieles nicht geheuer;
der Leichtsinn forderte den Mut.

Jetzt bin ich älter und erfahren,
schau dich mit Sehnsuchtsaugen an,
wie du zum Himmel reichst, dem klaren,
den ich als Mensch in meinen Jahren
andächtig nur erschauen kann.

Ingrid Drewing

Abendruhe

Die Abendglocken läuten,
beenden sanft den Tag
und wollen uns bedeuten,
dass man nun ruhen mag.

In Frieden weithin schauen,
sehn, wie die Sonn‘ verglüht
und auf den nahen Auen
des Abends Nebel zieht.

Woll’n wir die Nacht begrüßen,
das erste Sternenlicht,
bevor im Schlaf, dem süßen,
das Land der Träume spricht

Ingrid Drewing

Memento mori

Kurz ist das Leben.
So banal
ist dieser knappe Satz.
Und dennoch hat sein tiefer Sinn
in unsrem Streben
seit der Geschichte Anbeginn
hienieden wenig Platz.

Wir handeln oft so unbedacht,
sind herzlos, ungehalten,

vergeuden gar die Zeit,
lassen,was wichtig,außer Acht,
für Nichtiges bereit,
statt Liebe zu entfalten.

Ein Lächeln und ein liebes Wort,
sie bauen eine Brücke.
Die ausgestreckte Hand
wirkt helfend wohl am rechten Ort
dem Nächsten,der erkannt,
und Freude folgt dem Glücke.

Ingrid Drewing

Metamorphosen

So viele Häutungen,
immer neues Wachsen
und Enthüllen
in der Schlangenhaut
des Lebens.

An welchen Borken
und Steinen
gabst du ab
die verwunschene Seide
und die Wunder
der Märchenweisheit?

Immer wieder
in Ranunkelträumen

an Baches Ranft,
im goldenen Blätterbett
des Herbstwaldes
und auf des Sommers
glutwarmem Fels
harrtest du
der Hoffnung
auf Vollendung
in neuer Gestalt.

Ingrid Drewing

Refugium

So viele Worte
gewechselt,
gesagt, gehört;
immer den wachen Blick ,

das geneigte Ohr,
das freundliche Lächeln
bemühend.

Nun
die Frohsinnsmaske
an der Garderobe
abgelegt,
wo das Spiegelgesicht,
müde und grau
dir kurz begegnet
mit kritischem Blick.
Dann
nach erfrischender
Waschung
betrittst du
dein einsames
Rückzugsgebiet
und
erwachst
in der Stille.

Ingrid Drewing

Leben

Wie Wellen rinnen

in großen Kreisen ,

schon im Beginnen

in Fernen weisen,

so auch unser Leben

wächst und sich weitet,

gütig begleitet,

im Nehmen und Geben ,

im Hoffen und Streben ,

im Können und Üben ,

im Sehnen und Lieben ,

zum Ufer gesendet,

ausklingend

endet.

Ingrid Drewing