Archive for the Category Leben

 
 

Sonnentag

Ein Tag so hell, als habe man die Welt

geradewegs aus einem Ei gepellt,

so klar und rein, so frisch und mild die Luft

und reich erfüllt mit süßer Blüten Duft.

Der Himmel weit, erglänzt in zartem Blau,

in grünem Kleide grüßen Wald und Au.

Der Mensch, befreit, genießt den schönen Tag,

die gute Zeit, vergisst nun Müh und Plag.

Ingrid Drewing

Wind

Der Wind malt stürmisch seine Zeichen

für kurze Zeit in Baum und Strauch.

Bewegte Luft kann viel erreichen,

wir fühlen diese Wirkung auch.


Er blättert wild in unsren Büchern,

verschlägt die Seiten unerlaubt,

entfernt von Wäscheleinen Tücher,

und Hüte gar zu gern er raubt.


Nun, all dies kann mich nicht verdrießen,

sorgt er doch auch für frische Luft,

lässt uns die Sonne so genießen,

verbreitet weithin Blütenduft.


Fast jedes Ding hat ja zwei Seiten,

man nimmt die schlechte mit der schönen.

Das, was uns Freude kann bereiten,

wird uns mit Traurigem versöhnen

Ingrid Drewing

Dohlen

In schwarzem Frack mit grauer Weste,

und Silber ziert ihr Kopfgefieder,

reihen sich Dohlen unter Gäste

der Vögel, lassen sanft sich nieder.


Sie wirken würdig und gelassen,

wie sie gemessen halten Schritt.

Das Heubuffet lädt ein zum Prassen,

Insektencocktail ist der Hit.


Doch plötzlich, ein Geheimkommando,

vorbei scheint nun der Haltung Sinn,

ein wildes Flattern, Schreiparlando,

jetzt stiebt die Schar zum Kirschbaum hin.


Den Spiegel mir die Vögel geben.

Wir schreiten auch im Festtagskleid

und rennen wild um unser Leben,

wenn irgendeiner Feuer schreit.

Ingrid Drewing

Venedig

In einer Gondel ,nur wir beide,

Venedig lud uns dazu ein.

Der Abendsonne roter Schein,

ein Schimmern auf türkiser Seide

zog auf dem Canal Grande ein.


Der Gondoliere sang von Liebe

und schmolz dahin in Liedes Klang.

Dein Flüstern, das ans Ohr mir drang,

versprach, dass unsre Liebe bliebe

viel schöner und ein Leben lang.


Nun werden Gondeln Trauer tragen,

wie weh tut’s, dass ich dich verlor.

Ein Requiem klingt mir im Ohr.

Ich hätte dir noch viel zu sagen

und komm mir so verlassen vor.

Gräser

Die Gräser, die sich sanft im Winde wiegen,

sich selbst im Sturme nicht verbiegen,

stehn aufrecht in des Morgens Grau

und tragen Silberperlen, Tau.


Sie zeigen, nur wer nachgibt, wird auch stehen,

nicht brechen und zu Boden gehen

in dieses Lebens kurzem Lauf,

richtet sich schwankend wieder auf.

Ingrid Drewing

Altes Haus

Der Wind, er pfeift durch Fenster, Türen,

weckt stürmisch auf das alte Haus,

des Frühlings Milde zu verspüren,

vergessen kalten Winters Graus.


Da unterm Dach die kecken Dohlen

sind emsig, pflegen ihre Brut.

Viel Futter gilt es jetzt zu holen,

selbst in der größten Sturmeswut.


Und an der Hausfront Kletterrosen

entfalten ihrer Blüten Pracht;

sie leuchten, ihre zeitenlose

Schönheit Glücksgefühl entfacht.

Ingrid Drewing

Lebensabend

Die Jahre sind gezählt, die mir noch bleiben,

und kostbar wie so vieles, was ist rar.

Drum werde ich dem Schönen sie verschreiben,

dem Leben in der Liebe, hell und klar.


Werde mit wachem Blick das Wachsen schauen,

das Menschen, Tiere, Pflanzen ganz erfasst

und meines Schöpfers Gnade tief vertrauen,

der mich lässt sein auf dieser Erde Gast.


So herrlich ist die Welt, auf der wir leben,

in ihrer Vielfalt blühend, seit Beginn

hat sie viel Gutes täglich uns zu geben,

beglückt die Seele und erfreut den Sinn.


Wir müssen sie mit Liebesaugen sehen,

bewahren stets als kostbares Geschenk.

Nur mit der Erde können wir bestehen;

sie ist der Ort des Lebens, das bedenk!

Ingrid Drewing

Maisonntag

Der Himmel blau, die Sonne steht,

und Frühlingsvögel singen,

von Süden sanft ein Lüftchen weht,

lässt Windspiele erklingen.


Im Schatten unsres Ambeerbaumes

lieg’ ich und träume in den Mai,

im hellen Grün des Frühlingsflaumes

fühle ich wohlig mich und frei.

Ingrid Drewing

Zeiterscheinung

Jetzt kommt die Zeit, da Männer grillen,

und Frauen im Bikini gehn,

mit großen, schwarzen Sonnenbrillen

begeistert in die Gegend sehn.


Verbrannter Fleischgeruch, der über

den hellen, grünen Gärten schwebt.

Gelächter brandet laut herüber,

man trinkt beschwingt sein Bier und lebt.


Am Lagerfeuer wie die Ahnen

versammelt sich die traute Schar,

und digital wähnt der Schamane

den Börsenkurs fürs Beutejahr.

Ingrid Drewing

Rose

Du zarte Rose, rosa und so lind,

in deinem süßen Duft ich wieder find

des hellen Frühlingstages Lebenslicht,

und deine Blüte, wortlos, ist Gedicht.


Hier hat des Schöpfers Liebespoesie

dein Lächeln zärtlich leicht ins Grün geschrieben,

und wer dich anschaut, spürt sie die Magie,

verzaubert wird er, dich ersehnend, lieben.


Weil alles Schöne, das auf dieser Welt

das Herz uns öffnet und betört den Sinn,

uns tief beglückt, bewegt und so gefällt,

auch endlich ist, uns reicht den Spiegel hin.


So sehe ich dich, Rose, rosa schön,

entfalten in der lieblichen Gestalt,

doch welken auch in sterbendem Vergehen.

Und dennoch bleibt in mir dein Bild bestehen;

mein Leben wird für dich zum Aufenthalt.


Ingrid Drewing