Tabubruch
Komm mit, wir schlachten ein Tabu!
Man wird sich um uns reißen.
Vermarkten wir das, kommt dazu
Gewinn, den wir loseisen.
Sie müssen möglichst drastisch sein,
die Wörter, die wir zücken;
als Avantgarde stuft man uns ein,
die kühn sich darf ausdrücken.
Und kupfern wir den Text auch ab,
wenn wir ihn umfrisieren,
fällt noch ein Buchpreis für uns ab;
Feuilleton wird’s demonstrieren.
Jedoch, ich käm‘ mir vor als Tor.
Des Kaisers neue Kleider,
die zeig’, wer will, nackt andern vor,
ich wähl’ seriöse Schneider.
Ingrid Herta Drewing
Verrücktes
Es hecheln lustvoll Paragraphen,
von Steuersündern aufgeweckt.
Der Wolf, gejagt von wilden Schafen,
sich schnell im Ziegenstall versteckt.
Lernt meckern, lässt ganz sein Geheule;
der Vollmond ist ihm gelber Käs’.
Der Ratte Schläue kränkt die Eule;
sie isst jetzt Maus mit Majonäs’.
Der Eber färbt sich kühn die Borsten,
die Bache hält den Malertopf.
Die Adler fliehen ihre Horste;
sie zieren Euros, platt geklopft.
Und Bäume tanzen, die, entwurzelt,
den Tango in den Lüften drehen.
Wer noch aus dem Tornado purzelt,
der kann hier nun Land unter sehen.
Befindet sich im Binnenmeer,
wo tagelang die Wolkenbrüche,
die Flüsse über Deich und Wehr
gefüttert aus der Wetterküche.
Ingrid Herta Drewing
Sonntagsfrühe
Es träumt der Sonntag in der kleinen Stadt,
die ausruht von der langen Woche Mühe.
Der Regen nieselt leicht, die Sonne hat
dem Nebel überlassen ihre Frühe,
und alles wirkt noch unwirklich und matt.
Kein Vogel singt und putzt sich sein Gefieder,
gezogen sind die Sänger in den Süden;
die Amsel spart sich auf die süßen Lieder.
Ein Hund bellt, an der Leine folgt dem Rüden
sein müder Mensch, mit halbgesenkten Lidern.
Dann klart es auf, die Kirchenglocken rufen
die ersten frommen Pilger auf den Plan.
Sie geh’n hinauf auf der Kapelle Stufen,
begrüßen an dem Tor den Herrn Kaplan
und Säulenheilige, die Künstler schufen.
Die Sonne strahlt, ein guter Tag fängt an.
Ingrid Herta Drewing
Erinnerung
Gesungen hast du, wunderschön gesungen,
ein altes Lied, das tief ins Herz mir drang,
erinnernd weckte, was längst schien bezwungen,
in Bildern tauchte auf, ein süßer Klang.
Und zart bewegt von einem sanften Sehnen
sah ich mich wieder in dem stillen Hain,
wo wir als Kinder ahnungslos und rein,
von Wundern träumend an den Bäumen lehnten.
Es gibt ihn nicht mehr diesen Wald, den schönen,
und viele Jahre sind ins Land gegangen.
Am andern Ort, ein Lied in fremden Tönen,
ein neues Leben hatte angefangen.
Jedoch bewahrt die Seele noch den Blick,
und schenkt uns zärtlich im Erinnern Glück.
Ingrid Herta Drewing
Bitte
Nein, Herbst, ich will den Sommer nicht schon lassen,
wenn er sich gütig warm und licht noch gibt.
Zwar könnt’ ich seine Hitze manchmal hassen,
doch seine grünen Blicke sind mir lieb.
Auch mag ich ihn, wenn seidig seine Lüfte
umschmeicheln uns in einer milden Nacht,
die Sternenträume des Jasmins, die Düfte
und Blütenfeuer, die er sanft entfacht.
Die Reife, die er bringt, die goldnen Ähren,
den blauen Himmel, helles Morgenlied,
obwohl er garstig sein kann und höchst störend,
wenn er gewitternd über Land ’mal zieht.
Wart’ bitte noch ein Weilchen! Im Kalender
ist doch erst in drei Wochen dein Termin.
Dann kannst du kommen, färben am Geländer
die Blätter jener Ranken, die jetzt grün.
Ingrid Herta Drewing
Hummelmusik
Die Hummel spielt heut’ virtuos
der Blütenharfe Lied.
Schwirrt sie vom Blütenstiele los,
bebt dieser, wie man sieht
So bringt sie den Lavendelbusch
nun flugs in zartes Schwingen,
wie sie von Blüt’ zu Blüte huscht;
die Elfen hören ’s klingen.
Und überall darf sie dabei
vom süßen Nektar nippen.
Flugsicher kann sie, schwindelfrei,
hier in den Lüften wippen.
Still schaue ich ihr Spiel hier an,
sie pflegt es täglich wieder,
und habe meine Freude dran,
hör’ Sommers süße Lieder.
Ingrid Herta Drewing
Spätsommergefühl
Warm ist es, und Lavendelblütendüfte
umschmeicheln lieblich mich zur Abendzeit.
Mild strömt der Wind nun von den Felsenklüften,
und sanfte Röte leuchtet himmelweit.
Ich spür’ des Sommers Atem in den Lüften,
der zärtlich sich noch immer hält bereit.
Herzt warm sein Blumenvolk; die stolzen Rosen
lässt er in Gärten flammendrot erglühen,
küsst Äpfel, Pfirsiche und Aprikosen,
schenkt ihnen Reife nach dem zarten Blühen.
Da mag die Jahreszeit der Herbstzeitlosen
sich weit auf Berges Wiesen hoch bemühen.
Wir feiern hier noch froh die hellen Tage,
auch wenn der Regen ’mal dazwischen zischt.
Des Sommers Wärme bleibt doch ohne Frage.
Schnell hat die Sonne Wolken weggewischt.
So zeigt sich uns im Hoffnungsgrün die Welt,
bis ihr des Herbstes Malerkunst gefällt.
Ingrid Herta Drewing




