Verzaubert

Am See, dort wo der Wald
aus klarem Wasser dunkel blickt,
erhebt ein Fels sich, vorgerückt,
gibt einer Weide Halt.

Sie soll, so will ’s die Sage,
ein Mädchen einst gewesen sein;
verzaubert, Jahr und Tage,
als Weide steht sie fast allein.

Und ihre grünen Haare
sanft hüllen ihren Liebsten ein;
ihn hat vor vielen Jahren
verwandelt man in Felsgestein.

Das Paar, das mitternächtlich
der Nixen Tänze hier belauscht,
ward drum vom Nöck verächtlich
verwandelt und gar bös’ vertauscht.

Nur in der Vollmondnacht im Mai,
wenn Silberlicht den See erhellt,
begegnen menschlich sich die Zwei,
wenn er sie lieb im Arme hält.

Vielleicht mag dennoch ihre Liebe
sehr lange währen in der Zeit.
Doch keiner darf mit Axt und Hieben
dort fällen schnöd’ die Weidenmaid.

Ingrid Herta Drewing

Frühlingsleid

Es blüht die Birke, und die Pollen

wild fliegend durch die Lüfte rollen,

bis sie auf Augen, Nasen treffen

und den Allergiker schlimm äffen.

Der Arme hustet und muss niesen,

die Augen rot, die Tränen fließen,

und fast noch bleibt die Luft ihm weg.

Die Schuld hat dieser  Pollenschreck.

Statt froh im Freien zu spazieren,

muss man zu Haus’ sich auskurieren

Wer Geld und Zeit hat, fährt zur See

und sagt der Allergie Ade.

Ingrid Herta Drewing

Wende

Bevor er in der Häuser Flucht verschwand,
sah sie noch seines Atems Hauch im Wind;
die Augen tränenmüd’, ein traurig Kind ,
verbarg sie ihre ausgestreckte Hand .

Die Hand, die er zum Abschied kurz gehalten,
als er ihr sagte , es sei Zeit zu gehen.
Was für ein Leben lang einst sollte halten,
das sah sie nun so kümmerlich vergehen.

Doch wandte sie sich um und schritt voran.
Und dann, obschon im Innersten erstarrt,
sah sie das Kind lieb lächelnd an;
die Zukunft rief sie in die Gegenwart .

Ingrid Herta Drewing

Tagesbeginn

Dunst über dem Tal,

die ersten Vögel zwitschern,

und Sonne geht auf.

Klare Perle, Tau

auf einem Huflattichblatt,

Geschenk des Tages.

Löwenzahnsonnen

strahlen im Grün der Wiese,

erhellen den Tag.

Ingrid Herta Drewing

Wasser

W asser, fließt uns zu als Segen,
A lles tragend, lebend Gut,
S trömst durch viele Adern, Wege,
S endest dich in Fluss und Flut
E rst durch dich entsteht hier Leben,
R ein und klar soll ’s dich stets geben

Ingrid Herta Drewing

Elfenklage

Die Silberharfe hat den zarten Klang verloren,

und in des Mondes fahlem Licht die Elfe weint.

Sie klagt um gute Geister, die sie einst beschworen;

im Dunkel lauert böse Schlangenbrut, vereint.

Die Wälder, die hier grün im Sommerwinde rauschten,

sie starben kläglich nun durch grobe  Menschenhand,

und auch die Quellen, Bäche, die so munter plauschten,

sind nun versiegt, nur Steine liegen dort im Sand.

Kein frohes Tanzen mehr, die Glockenblumenwiese

ist nun verwaist, verdorrt; nur Staub weht hier im Wind.

Kein Schmetterling, kein Vögelchen sich niederließe,

die, die nicht starben, längst weit weg gezogen sind.

Wie lange noch wird sein im feuchten Schatten,

am alten Baumstumpf hier ihr moosbegrüntes Haus,

bis auch die letzte, kleine  Elfe  im Ermatten

wird merken, dass ihr Lebenslicht geht langsam aus?

Ingrid Herta Drewing

Moneyman

Sag, Mister Moneyman, was soll dies’ Jagen?

Nur Geld als Gut?

Ist dir bewusst,

auch dich wird nur dies eine Leben tragen?

Sei auf der Hut!

Du säest Verlust!

Denn das, was wirklich zählt und wert im Leben,

gibt ’s nicht für Geld,

ist ein Geschenk

Wer nur Materie wählt, wird an ihr kleben
als seiner Welt.

Darum bedenk,

das ,was als Mensch dich letztlich glücklich macht,

wird dir durch Gold und Geld nicht dar gebracht!

Ingrid Herta Drewing

Vorstellungskraft

DSCI0020

Es trotzt der Mensch dem Grau der Tage
und zaubert sich den hellen Klang,
denn singend stillt er jene Klage,
die folgt dem depressiven Drang.

Er kann sich Blüten, Sonne träumen,
in karger Wüste Leben sehen;
des schönsten Paradieses Bäume
lässt ihm die Phantasie entstehen.

So überbrückt er Öde, Grauen,
bewahrt der Seele ihren Raum,
und oft in innigem Erschauen
wird wirklich auch ersehnter Traum.

Ingrid Herta Drewing

Mutters Stärke

Bau

Nie hätte ich geglaubt, als ich war Kind,

dass Mütter wirklich Schwächen haben können.

Nur ihre Kraft und Liebe  konnt’ ich nennen;

die Bilder, die noch heut’ vertraut mir sind,

obwohl vom Kindsein mich Jahrzehnte trennen.

In einer Zeit, die so beherrscht von Not,

beglückte, Mutter, uns dein frohes Wesen .

In deinen Armen konnten wir genesen,

du sorgtest immer für das täglich’ Brot

wie schlimm die Wirtschaftslage auch gewesen.

Ich höre heute noch die hellen Lieder,

hab’ auch dein liebes Lachen klar im Ohr,

du hattest einen herrlichen Humor.

Ach könnt’ ich hören doch von dir noch einmal wieder,

wie wer in Lauterbach den Strumpf verlor!

Inrid Herta Drewing

Mutter Erde

Enlros

Ach, Mutter Erde, wir als deine Kinder
sind unersättlich, eitel, arrogant.
Statt dich zu ehren, pflegend dich nicht minder,
verwüsten und zerstören wir dein Land.

Wir ,die so reich beschenkt mit allem Leben,
wir nehmen ’s hin, als sei ’s nur für uns da,
vernichten, was uns anvertraut, mal eben,
von Gier geleitet, sind wir uns Gefahr’.

Es wäre an der Zeit, sich zu besinnen,
das wir uns ändern, dich nicht beuten aus.
Denn ohne dich versagt, was wir beginnen;
du trägst das Leben, gibst uns ein Zuhaus’.

Ingrid Herta Drewing