Unwillkommene Herbstansage

Schaufensterpuppen, herbstlich eingekleidet,

in dunklen Farben, etwas triste zu sehen,

ist uns ihr Anblick doch jetzt noch verleidet,

wir wollen hell beschwingt spazieren gehen.


Des Himmels blaue Blicke, Licht empfangen,

zum Neubeginn noch sommerlich bereit,

wenn auch die grünen Lieder matter klangen,

verspricht uns Hoffnung eine gute Zeit.


Die goldnen, warmen Tage froh genießen,

die uns der Sommer sanft zum Abschied schenkt,

bevor er, Antipoden zu begrüßen,

das Sonnenschiff zur Südhalbkugel lenkt.

Ingrid Drewing

Dichters Sommer

Du hast dich tief in Einsamkeit gehüllt,

als sei sie dir ein Mantel, der dich schützt,

und wirst vom Wort der Poesie erfüllt,

fühlst dich in deinem Element, gestützt.


Ein Leben lang die Bilder aufgesogen,

nun drängen diese klingend in das Wort.

Sie werden prüfend angehört, gewogen

und finden ihren fein bestimmten Ort.


So schöne Wege lässt uns Sprache gehen,

erlaubt dem ,der allein, Gemeinsamkeit,

und hilft dem Blinden klar im Dunkel sehen,

schenkt in der Enge Freiheitsflügel weit.


Und schweigen auch der Stimme müde Lippen,

kennt doch das Herz der Verse hellen Klang,

darf sanft den wahren Wein der Muse nippen

im Lichte einen goldnen Sommer lang.

Ingrid Drewing

Spätsommergesang

Noch grünen Bäume, und die Sonnenuhren

zeichnen im Blütenrund die Stundenzeit.

Der Früchte Glanz verwischt die ersten Spuren

des Herbstes, der sich wartend hält bereit.


Wenn abends früh die langen Schatten schweifen,

schließt sanft der Tag das Sonnenfenster zu;

der Sommer mag noch schwelend Feuer greifen,

bis er als Phönix bettet sich zur Ruh.


Die Rosen leuchten dennoch rot im Garten

und warten bis des Nebels Vorhang fällt.

Mit ihrem Liebesblick, dem warmen, zarten,

beglücken lächelnd sie noch lang die Welt.

Ingrid Drewing

Einsam im alten Haus

„Verkaufen! Zu weit abgelegen, zu alt. Du wirst sehen, das ist ein Fass ohne Boden, immerzu reparaturanfällig!“, sagte der Rest der Familie.Sie aber hatte sich in dieses Haus verliebt, das ihr ihre Tante vererbt hatte, und behielt es.

Schon in ihren Kindertagen war sie gerne hier zu Besuch gewesen. Das Haus hatte etwas Geheimnisvolles, und der verwunschene Garten war ihr kleines Paradies. Ihre Tante hatte ihn sorgsam gepflegt, obwohl man es diesem Naturgarten nicht auf den ersten Blick ansah. Ob sie das auch schaffen würde? Da sollte sie sich wohl besser um professionelle Hilfe kümmern, zumal sie ja nicht mehr taufrisch war, milde ausgedrückt.

Auch hatte sie wieder intensiv damit begonnen, zu malen und zu dichten, seit ihr Mann vor zehn Jahren gestorben war. Ihre Kinder waren erwachsen, lebten ihr eigenes Leben. Sie hatte endlich die Zeit dazu, hier in der Stille ihrem eigentlichen Beruf nachzugehen, den sie früher wegen ihrer Familie nur als Hobby ab und zu pflegen konnte.

Jutta hatte sich zwar lange Zeit inständig darum bemüht, sie zu verkuppeln. Aber sie konnte ihre Freundin davon überzeugen, dass sie nach Svens Tod auch sehr gut alleine zu leben verstand. Jutta nannte sie deshalb einen hoffnungslosen Fall und hatte ihr prophezeit, sie würde hier in ihrem Hexenhaus alt und einsam sterben. Doch das konnte sie nicht erschrecken.

Einsam zu sterben, war das nicht das Los vieler Menschen? Sie erinnerte sich noch gut daran, dass ihr Vater ganz allein im Krankenhaus gestorben war; man hatte die Familie erst am nächsten Tag von seinem „Ableben“(so sagte man es am Telefon) unterrichtet. Nicht jedem war es vergönnt, einen lieben Menschen auch beim Sterben an seiner Seite zu wissen. Diese Szenen, in denen der Sterbende sich von dem Kreis seiner Lieben verabschiedet und fast majestätisch ruhig in die andere Welt hinüber gleitet, sie waren lange schon Geschichte und bestenfalls noch in Filmen zu sehen. Die Wirklichkeit war anders, brutal!Im Augenblick des Todes war man allein.

Zu dieser Erkenntnis war sie gekommen, nachdem sie ihren Mann an jenem Morgen vor zehn Jahren tot neben sich im Bett vorgefunden hatte. Ein schöner Tod für Sven, wie die meisten behaupteten, die davon erfuhren. Sie hingegen war völlig fassungslos. Kein Abschied, kein Hinweis, der Tod hatte ihn einfach im wahrsten Sinn des Wortes von ihrer Seite weggerissen, Herzinfarkt! Und sie hatte nichts gespürt. Wie ein Blatt, das leicht und unbemerkt vom Baum fällt, war er einsam neben ihr gestorben. Am Abend zuvor hatten sie noch Urlaubspläne geschmiedet, als sei ihnen alle Zeit der Welt gegeben.

Wie erstaunt wir Menschen doch immer sind, wenn der Tod in unser Leben tritt, so als hätten wir das ewige Leben auf Erden gepachtet. Aber man muss ihn ja auch verdrängen, um genug Kraft für das Leben zu haben, das uns schon genug Zugeständnisse abverlangt.

Sie hatte nach Svens Tod, damit begonnen, bewusster zu leben. Das Lachen eines Kindes, eine Blume, ein Vogel, ein Wolkenbild am Himmel, die Natur, alles Leben hatte für sie an Bedeutung gewonnen. Obwohl als Malerin schon immer mit wachem Blick allem zugewandt, sah sie ihre Umgebung auf eine neue Weise. Sie fühlte sich mit allem verschwistert in der Vergänglichkeit, wollte den Augenblick der Schönheit des Lebens erkennen, erfühlen, festhalten, in Farbe auf die Leinwand bannen oder im Gedicht erklingen lassen. Poesie war ihr Schlüssel zum täglichen Paradies.Und dazu gehörte auch, dass sie dieses alte Haus und seine Geschichte bewahren musste. Gegen die Vergänglichkeit und das Vergessen angehen durch Malen und Schreiben. Sich nicht damit abfinden, dass der Tod das persönliche Leben und der Bagger dieses alte Haus wegräumte. Natürlich galt es auch, immer wieder dem neuen Leben Platz zu machen .Der Kreislauf des Lebens war ihr vertraut. Sie wusste, dass ihre Gene in ihren Kindern weiterlebten. Aber sie wollte, dass auch das Unteilbare, Eigenständige, Persönliche noch Raum hatte, Seele, Geist, wie auch immer man es nennen mochte. Hier in diesem Haus lebte ihre Tante weiter. Der Apfelbaum ,die Kräuterschnecke, alle Pflanzen des Gartens erinnerten an ihr Wirken.

Sie würde nun alles hegen, ihr eigenes Leben damit verknüpfen, in Bildern und Gedichten bewahren als einen Schatz ihres persönlichen Lebens.Und wer weiß, vielleicht würde ihn ja eines Tages eines der Enkelkinder heben und bergen.

Ingrid Drewing

Dein Blick

Als hätte mich der Sonne Strahl gefunden

und aufgeweckt zu hellen Lebensstunden,

so war mir, als ich dich heut Morgen sah;

dort in der U-Bahn warst du mir so nah.


Du sahst mich an, mir zitterten die Hände,

als ich dir deinen Fahrschein gab zurück.

Du danktest mir, bald stiegst du aus behände

und schenktest lächelnd mir den Abschiedsblick.


Als hätte mich die Sonne sanft gefunden

und aufgeweckt zu hellen Lebensstunden,

so war mir, als ich dich heut Morgen sah.

Du und dein Blick, ihr seid mir immer noch so nah.

Ingrid Drewing

Fremde Pflanze

Du fremde Pflanze, dort in meinem Blumenbeet,

kamst ungebeten, hab’ dich nicht gesät.

So weiß ich nicht, woher und was du bist;

kamst mit dem Wind, vielleicht als Vogelmist?


Ich seh’ dich wachsen hoch in deinem Grün,

hoff’ dein Geheimnis lüftest du im Blüh’n.

Doch scheint mir, deine Blätter sind schon Blüte,

neunfingrig, wie ein Schirm zentriert, in Güte.


Würd’ deinen Namen gar zu gerne wissen,

suchte im Internet, in Büchern schon beflissen;

hab’ nichts gefunden, was mir Auskunft gibt.

Dann sei halt so geheimnisvoll geliebt!

Ingrid Drewing

Vollmondnacht im Süden

Des Mondes Silber schimmert auf den Wellen,

taucht eine blaue Nacht in Zauberlicht;

unwirklich zieht dies magische Erhellen

dich in den Bann, der Träume dir verspricht.


Wenn hier nun Nixen sanft ans Ufer kämen,

du würdest ihnen ungefragt vertrauen

und ihnen folgen, so sie dich mitnähmen,

ihr Schloss dort auf dem Meeresgrund zu schauen.


In dieser Sternennacht verspricht der Süden

dem Kind des Nordens seine Sinnenwelt,

der Duft der Myrthen und Orangenblüten

liegt lieblich in der milden Luft, gefällt.

Ingrid Drewing

Sommers Ende

Nun ist sie schon nach Süden weggeflogen,
die Mauerseglerschar in ihrer Pracht.
Der Abend scheint mir nicht mehr so gewogen;
mir fehlt ihr Schwirren vor Beginn der Nacht.

Ihr Wegflug weist schon auf des Sommers Ende,
obwohl er schwelend sich gefällt in Glut.
Die Frage, wer die Abschiedsbriefe sende,
verdrängt er lächelnd noch einstweilen gut.

Nach dem Kalender sind es noch vier Wochen,
die er mit Sonnenliedern für uns füllt.
Wir hoffen, dass er hält, was da versprochen,
bevor er sich in Reisekleidung hüllt.

So lasst uns denn das, was uns bleibt, besingen,
genießen jeden schönen, hellen Tag!
Wir selbst erschauen Glanz in allen Dingen,
verleihen ihm Bedeutung ohne Frag’.

Ingrid Drewing

Zeichensetzung

Zwei Sätze , ungebunden,

die hatten sich gefunden.

Es wurde hin und hergefunkt,

doch dabei störte sehr der Punkt.

Und auch das Komma, wie man sah,

war ihnen nicht willkommen da .

Jedoch wollten die Zeichen

von ihrem Platz nicht weichen.

So bildeten sie eine Brücke,

schlossen gemeinsam die Lücke.


Einigkeit hat ihren Lohn,

sie grüßten als

Semikolon.

Sommermittag

Der Mittag spreizt die blauen Flügel,

gönnt sanft dem Leben etwas Ruh’,

und Sonne strahlt hoch überm Hügel,

schaut lächelnd der Idylle zu.


Sieht Vögel auf Kaminen sitzen,

die Katzen auf Gesimsen ruhen,

Eidechsen in den Felsenritzen

und Bienentanz in Pollenschuhen.


Der Mensch, der sonst auf Sonn’ versessen,

geruhsam döst im Schatten jetzt.

Die Hitze mag er gern vergessen,

liebt Wasser, das ihn kühl benetzt.


Und leise Wind rauscht in den Bäumen,

von fern erklingt ein Flötenlied.

Pan weckt der Sehnsucht süße Träume,

ein Klang, der sanft zum Himmel zieht.

Ingrid Drewing