Dohlen

In schwarzem Frack mit grauer Weste,

und Silber ziert ihr Kopfgefieder,

reihen sich Dohlen unter Gäste

der Vögel, lassen sanft sich nieder.


Sie wirken würdig und gelassen,

wie sie gemessen halten Schritt.

Das Heubuffet lädt ein zum Prassen,

Insektencocktail ist der Hit.


Doch plötzlich, ein Geheimkommando,

vorbei scheint nun der Haltung Sinn,

ein wildes Flattern, Schreiparlando,

jetzt stiebt die Schar zum Kirschbaum hin.


Den Spiegel mir die Vögel geben.

Wir schreiten auch im Festtagskleid

und rennen wild um unser Leben,

wenn irgendeiner Feuer schreit.

Ingrid Drewing

Venedig

In einer Gondel ,nur wir beide,

Venedig lud uns dazu ein.

Der Abendsonne roter Schein,

ein Schimmern auf türkiser Seide

zog auf dem Canal Grande ein.


Der Gondoliere sang von Liebe

und schmolz dahin in Liedes Klang.

Dein Flüstern, das ans Ohr mir drang,

versprach, dass unsre Liebe bliebe

viel schöner und ein Leben lang.


Nun werden Gondeln Trauer tragen,

wie weh tut’s, dass ich dich verlor.

Ein Requiem klingt mir im Ohr.

Ich hätte dir noch viel zu sagen

und komm mir so verlassen vor.

Gräser

Die Gräser, die sich sanft im Winde wiegen,

sich selbst im Sturme nicht verbiegen,

stehn aufrecht in des Morgens Grau

und tragen Silberperlen, Tau.


Sie zeigen, nur wer nachgibt, wird auch stehen,

nicht brechen und zu Boden gehen

in dieses Lebens kurzem Lauf,

richtet sich schwankend wieder auf.

Ingrid Drewing

Westwind

Ein Wind aus West fährt durch die Bäume.

Er rüttelt, schüttelt sie gar fest,

weckt rau sie aus den Frühlingsträumen,

vorbei das zarte Blütenfest.


Und brausend saust er durch die Felder,

neckt wild die jungen Pflanzen dort,

springt sausend durch die grünen Wälder,

holt letztes Braun der Hölzer fort.


Den See lässt er in Wellen schäumen,

der Schwan gar flugs zum Ufer flieht,

der Fischer muss den Fang versäumen,

sein Boot er schnell an Land nun zieht.


Nach zwei, drei Tagen legt sich wieder

der Wind, und friedlich grüßt das Land.

Nun klingen hell der Vögel Lieder.

Es streichelt warm der Sonne Hand.

Ingrid Drewing

Schmetterling

Es landet auf des Tischtuchs Blüte

ein Pfauenauge wunderschön.

Er hat sich in der Blumen Güte,

wie es mir scheint, doch sehr versehn.


So geht es manchem, der, geblendet

von Farbe und von grellem Schein,

statt Licht und Leben sich verpfändet

der leeren Hülle, totem Sein.


Drum fühle, lass das tändelnd Scherzen

und nutze weidlich den Verstand,

sonst stehst du da mit vollem Herzen

und einer blassen, leeren Hand !

Ingrid Drewing

Am See

Zärtlich kämmt der Wind

das grüne Haar der Weide

Frühlingsgeflüster

* * *
Der Sonne Strahlen

tanzen auf dem hellen See,

glitzernde Sterne

* * *
Dort ein Schwanenpaar

schwebt in großem Bogen

in den Blauhimmel

Ingrid Drewing

Altes Haus

Der Wind, er pfeift durch Fenster, Türen,

weckt stürmisch auf das alte Haus,

des Frühlings Milde zu verspüren,

vergessen kalten Winters Graus.


Da unterm Dach die kecken Dohlen

sind emsig, pflegen ihre Brut.

Viel Futter gilt es jetzt zu holen,

selbst in der größten Sturmeswut.


Und an der Hausfront Kletterrosen

entfalten ihrer Blüten Pracht;

sie leuchten, ihre zeitenlose

Schönheit Glücksgefühl entfacht.

Ingrid Drewing

Lebensabend

Die Jahre sind gezählt, die mir noch bleiben,

und kostbar wie so vieles, was ist rar.

Drum werde ich dem Schönen sie verschreiben,

dem Leben in der Liebe, hell und klar.


Werde mit wachem Blick das Wachsen schauen,

das Menschen, Tiere, Pflanzen ganz erfasst

und meines Schöpfers Gnade tief vertrauen,

der mich lässt sein auf dieser Erde Gast.


So herrlich ist die Welt, auf der wir leben,

in ihrer Vielfalt blühend, seit Beginn

hat sie viel Gutes täglich uns zu geben,

beglückt die Seele und erfreut den Sinn.


Wir müssen sie mit Liebesaugen sehen,

bewahren stets als kostbares Geschenk.

Nur mit der Erde können wir bestehen;

sie ist der Ort des Lebens, das bedenk!

Ingrid Drewing

Heckenrose

In hellem Grün die Rosenhecke,

als stille Schöne grüßt sie zart.

Dies’ rosig Blühen zu entdecken,

verlangt behutsam ihre Art.


Wie alles, das so sanft und rein

erstaunen lässt in stillem Blick,

schenkt zärtlich ihr bescheiden’ Sein

uns Menschen schon ein kleines Glück.

Ingrid Drewing

v

Kondensstreifen

Sie zeichnen ihre weißen Streifen

schnell in des Himmels helles Blau,

als wollten sie Besitz ergreifen

von diesem Raum, klar und genau.


Doch so wie Menschenwerk auf Erden

nur für gewisse Zeit besteht,

verblasst dies Zeichen schon im Werden,

bevor es ganz im Blau vergeht.

Ingrid Drewing