Alter Baum

Das Jahr geht gar zu schnell zur Neige;

schon steht November nebelmüde da.

Die letzten Blätter klammern sich an ihre Zweige

und zittern fröstelnd , wenn der Rauhreif nah.


Es fällt so schwer , den Sommer loszulassen ,

die Winde rütteln rau den alten Baum

und rauben ihm an Tagen , regennassen ,

das feuchte Kleid , er wehrt sich kaum .


Sodann die Nebelkräh’n in großen Scharen

bevölkern sein geplündertes Geäst;

er zeigt sich raugereift mit grauen Haaren,

erduldet noch der Vögel lautes Fest.


Es währt nur kurze Zeit , sie ziehen

hin zu den Feldern an den nahen See.

Den alten Baum erfreut ihr flatternd Fliehen ,

er wartet nun geduldig auf den ersten Schnee.


Bald im Dezember bringt ein sanfter Morgen

den weißen Schneepelz ,und zur Nacht

fühlt sich der alte Baum in ihm geborgen ,

gehüllt in weiche  Glitzerpracht .


Nun ruht auch er und mag wohl träumen

vom Leben nach der stillen Zeit,

wenn ihm im lichten Frühlingsschäumen

neu wächst ein zartes , grünes Kleid.


Ingrid Drewing


Die Rechte und die Verantwortlichkeit für dieses Gedicht liegen beim Autor (Ingrid Drewing).

Sprache

Sprache,du Wasser des Lebens,
bist uns ein Gottesgeschenk,
wir dürfen in dir mitweben,
der Gnade kaum eingedenk.

Doch deinen Klängen erliegen
wir, lauschend der Worte Sinn.
Sprache, in dir wahr sich wiegen
Gedanken Jahrtausende hin.

Zauberst uns Welten und Träume,
dem inneren Auge beschert ,
wie Yggdrasil Lebensbäume
und sokratisches Fragen ,gelehrt.

Bist vielen der stummen Wesen
der lebende, sprechende Mund.
Wir glauben in Worten, lesen
uns, in dir auch wirkend,gesund.

Ingrid Drewing

Ausblick

Es ist getan,
die Räume sind durchschritten,
geblieben nur das Fragen
nach Sinn und Leben , Pflicht.
Von allem,was durchlitten,
nährt, dich erinnernd , Wagen
und Hoffen auf das Licht.

So viel Verlieren,Finden und Verirren,
der Schmerz,die Süße ,das Gefühl
der Liebe,ihr Erblühn trotz aller Wirren
und Fesseln in des Nebels Pfühl.

Zum klaren Brunnen noch gelangen
und trinken von der Frische Quell,
von dem die alten Lieder sangen,
sein Wasser wecke Leben ,hell.

Möge die Quelle nie versiegen!
Sie sprudeln sehen ,ganz vertraun,
und trinkend ihr zu Füßen liegen,
will ich der Klarheit Licht erschaun.

Ingrid Drewing

Hirtenlied

Zeit der strahlenden Sterne ,
gebärend im Dunkel das Licht.
Ein Klingen lockte von ferne

wir ahnten , wussten es nicht.

Den Engel , der uns erschienen,
als wir am Feuer gewacht,
sahn wir mit ängstlichen Mienen,
er stand in flammender Pracht.

Er sprach von Freude und Frieden
für uns und alle Armen .
Der Heiland , er sei hienieden ,
Erlösung sein Erbarmen.

Wir fanden , wie verhießen ,
im Stall bei Esel und Rind

und Engeln , die es priesen,
das kleine Christuskind.

Dies Kind lässt uns erschauen
der Liebe hellen Schein
und schenkt uns Gottvertrauen.

Wir sind nicht mehr allein.

Ingrid Drewing


An Maria

Oh Maria, Mutter aller Mütter,
Gott gab dir und nahm dir deinen Sohn;
doch dein Glaube , auch im Leide unerschüttert,
sah ihn liebend auf dem Gottesthron.

Musstest ihn im Stalle einst gebären,
zwischen Eseln dort und Rind.
Wusstest schon, er würd‘ dir nie gehören,
sprach doch Engel Gabriel vom Gotteskind.

Josef aber stand dir treu zur Seite,
und die Könige aus fernem Land
kamen zu dem Kinde , sterngeleitet,
brachten Weihrauch, Myrrhe, Herrschers Unterpfand.

Konntest kaum wohl fassen , dass das kleine Wesen,
dir am Herzen wachsend, Weltenretter sei,
dass er die , die an ihn glauben , sollt‘ erlösen,
dass er trotze Tod und Teufel selbst dabei.

Später, als die Welt begann , dein Kind zu hassen,
qualvoll tötete, es schien von Gott verlassen,
da Maria, war’s dein stummer Schrei,
der für alle Mütter in der Welt erklungen,
denen man ein Kind entrissen hat.
Auch wenn Liebe dann den Tod bezwungen,
blicken doch die Augen tränenmatt ,
denn sein irdisch Leben ist vorbei.

Ingrid Drewing

Winter

In großen Schritten
eilt der Winter durch das Land.
Den flotten Schlitten
haben Kinder schnell zur Hand.
Am nahen Hügel
und auch dort am steilen Hang,
des Schlittens Zügel
haltend , sausen sie entlang.

Die Wangen rot,
beglückt vom Winterspiel,
ziehn sie am Abend erst nach Haus.
Hier duften Brot
und Milch, Kakao , recht viel
trinkt man , sich labend an dem Schmaus.

Und schlafend dann
sehn sie es noch im Traume,
ihr Gleiten durch den Schnee , so sacht,
am grünen Tann ,
vorbei am Weihnachtsbaume,
der bald schon in der Stube prangt in Christtagspracht.

Ingrid Drewing

Wintersonnenwende

Wie viele Winter habe ich gesehen,
mit wachem Auge tief erschaut ,
und viele Bilder mir wie Schnee verwehen,
Erinnerungen ,aufgestaut.

Doch einen Winter werd‘ ich nie vergessen,
das war , als du , mein Schneemann, mich geküsst.
Es schien mir zunächst frech , ja fast vermessen
;
dann war mir so , als ob ich träumen müsst.

Wir hatten rote Wangen , kalte Hände,
doch unsre Herzen klopften heiß.
Im Augen – Blick der Wintersonnenwende
schmolz hin in Liebe alles Eis.

Ingrid Drewing

Wintermorgen


Diesen stillen Wintermorgen

habe ich ersehnt ,

alles ruht noch , traumgeborgen,

Glück, der Zeit entlehnt.

Und im Widerschein der Flammen ,

die noch züngeln im Kamin ,

kuscheln wohlig wir , zusammen ,

um der Kälte zu entfliehn.

Ingrid Drewing

Winterabend

Schnee liegt, die weiße Stille
verbirgt des Lebens Klang.
Es lässt ein ernster Wille
hier schweigen den Gesang.

Der Winter hat nun mächtig
sein kühles Reich erbaut
und prangt, dort herrschend, prächtig
frostklirrend, eisergraut.

Doch warm gehüllt, ich schaue
zum klaren Himmelszelt,
das sternenreich, verblauend ,
schirmt märchenhaft die Welt.

Ingrid Drewing

Bescherung

Als hielte ihn ein Engel an der Hand

und flüstert‘ sanft ihm Worte,

geheimnisvolle , die nur er verstand ,

ihm weisend seines Glückes Pforte;

so stand er da , der Knabe

und blickte , zart entzückt ,

zur Krippe, gleichsam auf die Gaben,

die glänzend , reich bestückt ,

dort unterm Lichterbaume lagen.

Dann brach aus ihm die helle,frische Freude,

und er ,ein frohes Menschenkind,

sang leichten Herzens ,denn er wusste , heute

hat ihn beschenkt so reich das Christuskind.

Ingrid Drewing