Mutterglück

Noch schweißgebadet, müde von den Wehen,
erhebt die junge Mutter nun ihr Haupt,
um endlich jetzt ihr Kindchen anzusehen.

Erfasst von Glück , wie sie es nie geglaubt,
sogleich von allem Schmerz genesen
und noch nicht ahnend,was den Schlaf ihr raubt,

verliebt sie sich in dieses kleine Wesen,
schmiegt’s an ihr Herz , sanft mit Bedacht.
Auch ,wenn sie es zuvor bereits gewesen,

als Mutter ist sie wieder neu erwacht ,
um fortan nun in lebenslanger Treue
dem Kinde beizustehn mit aller Macht,

damit es glücklich sich des Lebens freue ,
das sie hat heut zur Welt gebracht.

Ingrid Drewing

Hochmut

Wir Menschen, die wir schwach und zagend sind
und dennoch glauben, stolz, vermessen,
wir könnten schwebend wie ein Blatt im Wind ,
mit Wissen achtlos spielend wie ein Kind,
die Rätsel dieser Welt ermessen.

Der Schöpfung wundervolle Fülle
zerstören wir und greifen planend ein,
gentechnisch, heimlich in der Stille,
gewahrt wird Ethik nur als Hülle.
Der Mensch als Macher regelt das Design.

Wie schnell verliern wir aus den Augen
den Blick, der offen, der uns Demut lehrt,
dass wir hienieden nur dann taugen,
wenn wir die Milch der Liebe saugen,
und nicht der Hochmut trotzig in uns gärt.

Ingrid Drewing

Bach im Winter


Noch fließend , aber eisverhangen ,
fast filigran dein Spitzenkleid;
am Wasserfall jedoch in langen
Eiszapfen starrst du wehrbereit.

Die Gräser, raureifüberzogen,
spielen ins Eis an Ufers Rand,
und Amseln, die herangeflogen,
lockt Wasser in dein Niemandsland.

Doch wenn dich streift der Sonne Blick,
funkelst du glitzernd und kristallen.
Ich steh‘,gebannt im Winterglück,
betrachte es mit Wohlgefallen.

Ingrid Drewing

Frühlingshoffnung

Noch lag des Winters Kuss
dir eisig auf den Wangen ,

da reifte dein Entschluss,
den Frühling zu empfangen.

Denn du, Prinzessin Erde ,
gar wählerisch und fein,
du sagst so gern, es werde
und lädst dir Gäste ein.

Begrüßt der Vögel Scharen,
lachst lind im grünen Wald,
an Quellen, sprudelnd klaren,
erfreust du dich schon bald.

Bei frohen , leichten Tänzen
und zarter Blüten Duft
wirfst du beglückt in Kränzen
dein Lächeln in die Luft.

In Frühlings Armen liegen
wirst du als schöne Braut
und neues Leben wiegen,
wie wir es nie geschaut .

Ingrid Drewing

Alles ist relativ / Kindermund

Vier Frauen saßen nett beisammen,
erzählten sich so dies und das,
von Liebe auch und neuen Flammen,
von Paaren , kurz den neuesten Tratsch.

„Stellt euch mal vor , die Katharina,
die mit dem tizianroten Haar ,
geht jetzt mit einem jungen Wiener,
der ist gerad‘ mal 20 Jahr! „

„Der könnt‘ ihr Sohn sein !“,meinte Ria.
„Ist sie nicht 40 ?“ , fragt’s empört.
„Das ist wie bei der Schickeria.—
In unsren Kreisen unerhört !“

Und während man nun noch sinnierte,
wie Altersunterschiede sind,
vergaß man ganz , denn es studierte
ein Bilderbuch ,das Vorschulkind.

Doch plötzlich lautstark war’s zur Stelle,
verschämt erstarb der Schnattermull.
Das Kind sprach:“Wenn ich’s mir vorstelle,
ich bin dann 20 ,er ist Null !“

Ingrid Drewing

Optische Täuschung

Eschers Bilder

Und deine Bilder,
die des Auges Blicke streifen,
es gaukelnd leiten zu verwirrter Sicht,
verzaubern,
lassen uns in Räume schweifen ,
die wir erschauen,aber fassen nicht.

Denn immer,wenn wir meinen,recht zu sehen,
erkennen wir,uns blendet nur der Schein,
und alles wissende Verstehen
entlässt uns fragend nach dem wahren Sein.

So ist’s mit vielem,was wir kühn behaupten;
es löst sich auf , ist Schall und Rauch.
Wir bleiben Suchende, selbst wenn wir glaubten
am Ziel zu sein, zu wissen auch
.

Ingrid Drewing

Wende

Bevor er in der Häuser Flucht verschwand,
sah sie noch seines Atems Hauch im Wind;
die Augen tränenmüd , ein traurig Kind ,
verbarg sie ihre ausgestreckte Hand .

Die Hand, die er zum Abschied kurz gehalten,
als er ihr sagte , es sei Zeit zu gehn.
Was für ein Leben lang einst sollte halten,
das sah sie nun so kümmerlich vergehn.

Doch wandte sie sich um und schritt voran.
Und dann, obschon im Innersten erstarrt ,
sah sie das Kind lieb lächelnd an;
die Zukunft rief sie in die Gegenwart .

Ingrid Drewing

Wintergedanken

Der Winter hat sie aufgefressen
die pralle , runde Lebenskraft.
Es liegt ein lähmendes Vergessen
auf allem , was sonst sprudelnd schafft.

Der Mensch , der zwar in Wärme lebt,
wirkt irgendwie auch eingefroren,
im Mantelgrau,dick eingewebt,
im Pelz versteckt den Kopf,die Ohren.

Noch deckt der Schnee die kahlen Bäume,
die einsam dort am Wege stehn.
Es sind nur zarte Frühlingsträume,
Schneeglöckchen, die wir einzeln sehn.

Doch wissen wir , hier wird gar bald
die Welt erglühn im Farbenklang,
und singen wird der Frühlingswald,
ergrünend blühn im Vogelsang.

Ingrid Drewing

Winterspaziergang

Gedämpft sind meine Schritte,
sanft rieselnd fällt der Schnee.
Wie eine stumme Bitte
liegt eiserstarrt der See.

Durch einen Vorhang schreite
ich einsam in der Stille ,
empfinde diese Weite
beglückt als Teil der Fülle

Des Lebens, das im Träumen
nun sammelt neue Kraft
und bald in Frühlings Räumen
erneuernd sich erschafft.

Ingrid Herta Drewing

Wintertag

Ja , staunend steh ich wieder ,
Natur ,in deinem Garten.
Der Winter ,fern der Lieder,
lässt Frühlingsträume warten.

Doch schon zeigt sich geschäftig
ein schwarzer Amselmann,
sucht Futter , dass er kräftig
im Frühling singen kann.

Dort auf dem Teich die Enten
ziehn schnatternd übers Eis,
ergattern Futter , Spenden,
das Kind wirft’s zu mit Fleiß.

Und rote Abendsonne,
malt alle Himmel an.
Ich schaue froh gesonnen,
was Künstler Winter kann.

Ingrid Drewing