Archive for the Category Leben

 
 

Steppenlied

Oh, diese Weite!
Weite, die wie ein Verlangen
mir in die Seele dringt in einem Blick,
schier endlos, dennoch traumverhangen,
ein Lied in Moll um trauriges Geschick .

Ich seh‘ sie zieh’n,
die sehnsuchtsvoll es sangen.
Auf Pferden ritten sie in schnellem Lauf,
und ihre Worte, die im Winde klangen,
sie lösten sich wie fremde Rätsel auf .

Die Weite und der Wind,
die sanft geneigten Hänge
der fernen Berge, die im Abendschein
sich glühend lösen aus der Schatten Enge,
betören tief mein stadtbestimmtes Sein.

Sie raunen zärtlich
wie der Steppengräser Wogen,
den süßen Abschiedsschmerz in mein Gemüt.
Ein Rausch, ein Klang, der nie verflogen ,
durchzieht pulsierend mein Geblüt .

© Ingrid Herta Drewing

Unverhofft

Weißgrüner Brautstrauß,
in hohem Bogen fliegt er
dem Mädchen ans Herz.

Ingrid Drewing

Sommers Ende

Nun ist sie schon nach Süden weggeflogen,
die Mauerseglerschar in ihrer Pracht.
Der Abend scheint mir nicht mehr so gewogen;
mir fehlt ihr Schwirren vor Beginn der Nacht.

Ihr Wegflug weist schon auf des Sommers Ende,
obwohl er schwelend sich gefällt in Glut.
Die Frage, wer die Abschiedsbriefe sende,
verdrängt er lächelnd noch einstweilen gut.

Nach dem Kalender sind es noch vier Wochen,
die er mit Sonnenliedern für uns füllt.
Wir hoffen, dass er hält, was da versprochen,
bevor er sich in Reisekleidung hüllt.

So lasst uns denn das, was uns bleibt, besingen,
genießen jeden schönen, hellen Tag!
Wir selbst erschauen Glanz in allen Dingen,
verleihen ihm Bedeutung ohne Frag’.

Ingrid Drewing

Sprachlos

Schon dreimal war er um den Block gefahren. Wie sollte er es ihr nur sagen?
Der sichere Arbeitsplatz, wie sie ihn alle Jahre genannt hatten, den gab es nicht mehr, betriebsbedingte Kündigung! Seit drei Monaten schleppte er diese Bürde mit sich herum, belog er sie, indem er morgens, wie gewohnt , um sechs Uhr aus dem Haus ging und die vermeintlichen 35 km zur Arbeit fuhr. Stattdessen bemühte er sich darum, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Von seinem Sparbuch, das er für besondere Überraschungen , Geburtstage, Weihnachten und Urlaub heimlich angelegt hatte, überwies er regelmäßig Beträge in der Höhe seines Monatsgehalts auf das gemeinsame Konto. Ja, er hatte an alles gedacht.
Er wollte es ihr erst dann beichten, wenn er wieder eine neue Anstellung hatte.Vor kurzem war sie von einer schweren Krankheit genesen, wie konnte er ihr da mit dieser Hiobsbotschaft kommen.
„In ihrem Alter wird es schwer sein, in diesem ohnehin strukturschwachen Raum einen neuen Arbeitsplatz in ihrem Beruf zu finden“, hatte man ihm unmissverständlich gesagt. 45 Jahre und zu alt! Hatte er nicht all die Jahre hervorragende Arbeit geleistet, und nun waren plötzlich nur noch Zwanzigjährige gefragt! Das soll mal einer verstehen!
Aber alles Sinnieren nutzte nichts, er musste sich eingestehen, dass er hier so schnell keine neue Arbeit finden würde. Er musste es seiner Frau endlich sagen; denn die Raten für das Häuschen würden sie auch nicht weiter bezahlen können. Auch waren seine Ersparnisse fast aufgebraucht.
Langsam schloss er die Wohnungstür auf. Sie erwartete ihn bereits lächelnd am Tisch. “Schön, dass du etwas früher nach Hause gekommen bist. Die Kinder sind noch auf dem Sportfest; so sind wir ungestört.Setz dich doch bitte! Ich habe nämlich etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.“ „Ich auch mit dir“, sagte er leise und setzte sich zu ihr an den Tisch.“

Ingrid Drewing

Sommersonntag

Ein sanfter Sommersonnentag,

Geräusche nur gedämpft, verschwommen;

sie scheinen unwirklich, verzagt,

aus großer Ferne herzukommen.



Mild streichelt dich ein leichter Wind,

fährt zärtlich fast durch Büsche, Bäume.

Im Garten spielt ein kleines Kind,

beglückt vertieft in seine Träume.


Du sitzt und schaust, genießt die Stille,

die zart im Hauch des Mittags singt.

Hier, wo auch dein bemühter Wille

entspannt im Licht des Sommers schwingt

Ingrid Drewing

Regentag

Der Regen spielt in d-Moll nun sein Lied,

und Sonnensehnsucht wohnt im Herzen.

In F-Dur klingen seufzend Terzen,

dein Blick das Grau des Wolkenhimmels flieht.


Erträumst dir Palmen, südliche Gestade

und Sternennächte, wo in mildem Wind

zu zweit du nächtens pflegst die Promenade,

um dann des Tags am Strand zu liegen lind.


Tauchst ein ins Blau der schimmernden Lagune,

wähnst dich im Paradies, so weiß der Sand,

wo ab und zu ein Fischer mit Harpune

die Fische fängt, Naturkind braun gebrannt.


Doch Regen prasselt dir in deine Träume,

naht sich doch ein Gewitter, der Monsun

erfasst die Bucht, es biegen sich die Bäume,

dein Paradies verwüstet ein Taifun.


Wachst auf, hast’s gut, im Regen hier zu sitzen,

geborgen unterm Schirm auf dem Balkon.

An solchen Tagen brauchst du nicht zu schwitzen,

und dir fliegt deine Habe nicht davon!

Ingrid Drewing

Auf See

Wir fühlen uns von sanftem Wind getragen,

begleitet durch den Ozean der Zeit.

Es brechen sich die Wellen und die Fragen

an Klippen, die das Leben hält bereit.


Das kleine Boot, dem Schiffbruch knapp entronnen,

schwimmt immer noch ganz tapfer auf dem Meer.

Die Segel sind gehisst, nun wird begonnen

die letzte Fahrt, das Steuern fällt schon schwer.


Wir halten Kurs, ein guter Stern uns leitet,

und finden wohl die Insel unterm Wind.

Das Boot im Sonnenlicht dahin nun gleitet.

Es kehrt die Seele heim, ein freudig Kind.

Ingrid Drewing

Sommergedanken

Ich freue mich des Sommers lichter Tage,

als ob dies jetzt zum letzten Male wäre,

dass dieses Leben mir das Glück gewähre,

zu schauen seine Schönheit, ohne Frage.


Wie gut der Tag war, zeigt uns erst sein Ende.

Der Blick zurück ermisst, was wichtig war.

Aus der Distanz erkennst du sonnenklar,

den Sinn, das Lieben, faltest deine Hände.


Und spürst, welch kostbar Gut dir doch geblieben,

zu leben, lachen, fühlen, innig lieben,

geschenkt für eine schwindend kurze Zeit.


Des Lebens Lächeln scheint dich sanft zu mahnen,

und dich ergreift ein dunkles, fremdes Ahnen,

das dir im Traume flüstert: “Sei bereit !“

Ingrid Drewing

Sommerlicht

Im Winde wiegen sich die Ähren,

ihr Goldhaar strahlt im Sonnenlicht.

Der Himmel neigt sein blau Gesicht,

den Kuss am Horizont begehrend.


Wir stehen, schauen in die Ferne,

und hören froh der Lerche Lied,

die aufwärts in die Lüfte zieht,

am Feldrain grüßen Blütensterne.


So mag der Sommer lange währen,

lebendig, prall und sonnenschön.

Im Tal und auf der Berge Höh’n

kann er uns Glanz und Glück bescheren.

Ingrid Drewing

Bei Regen im Zelt

Im Zelt, wenn’s draußen regnet sacht,

fühlt man sich wohl geborgen,

als habe wer ein Nest gemacht,

hielt’ fern von uns die Sorgen.


Das Lied, das Regentropfen singen,

ist eine alte Weise,

auch wenn sie klopfen, wenig klingen,

vibriert die Plane leise.


Tönt :Klopf, klopf! Klopf, klopf! Klopf, klopf, klopf!

Wir Tropfen fallen runter,

doch treffen wir nicht deinen Kopf,

schlupfst unters Dach du munter.


Doch wehe, wenn wer tapsig ist,

die Plane fest befingert,

er bald nach einer kurzen Frist

in Wasserpfützen schlingert.

Ingrid Drewing