Archive for the Category Gesellschaftskritisches

 
 

Superschlank

Warum muss Frau sich überwinden,
sich körperlich so reduzieren?
Mir scheint’s, als wolle ihr Verschwinden
man langsam modisch induzieren.

Zunächst wohl waren’s weiche Männer,
dem Knabenhaften zugetan;
sie prägten Mode, fanden Kenner,
Klein-Mädchen-Flair und Jugendwahn.

Und Frauen internalisieren
nun durch die Werbung dieses Bild,
„schlank zum Vergehen“; sie hofieren
die Schönheitsnorm und sind gewillt,

das, was natürlich vorgegeben,
dass etwas wächst und voll erblüht,
durch ’zig Diäten aufzuheben,
um ’s Standard-Schönheitsbild bemüht.

Als wollten Rosen Knospen bleiben,
Kakteen nur in Dornen stehen,
versucht sich Frau fast zu entleiben
und lässt ihr Leben so vergehen.

Ingrid Herta Drewing

Morator-Wolf

Der Wolf frisst Kreide,
um das Stimmvieh einzulullen,
verspricht ein Innehalten, Neubeginnen.
Wer denkt in Freude,
das sei fern der schlimmen Schrullen
endlich verantwortliches, klares Sinnen,
wird bald erfahren, das war seine List.
Hört man auf ihn, dann landet man im Mist.

Ingrid Herta Drewing

Wahn

Noch immer dieser Wahn
von Sicherheit und Macht;
wo wir doch deutlich sah’n,
wie klein das ist bedacht.

Der Mensch darf nicht verspielen
im Hochmut dieses Leben,
auf Kernkraft kühl zu zielen,
leichtfertig im Bestreben.

Die Kräfte, die er rief,
die kann er nicht bezwingen,
ein Gau zu lang verseucht,
was ihm kann Leben bringen.

Im Einklang mit Natur,
hier Energie gewinnen,
alternative Spur
verfolgen,klares Sinnen

Damit die schöne Erde,
auch wenn wir nicht mehr sind,
noch immer Heimat werde
für jedes Menschenkind.

Ingrid Herta Drewing

Gift

Wer fasst das noch? Schon wieder mal
gibt es ’nen Tierfutterskandal.
Aus BSE ward nichts gelernt;
Noch immer von Natur entfernt
wird Nutzviehfutter präpariert,
ganz hemmungslos und ungeniert.
Als ob man es gewusst nicht hätte,
dass es sie gibt: die Nahrungskette!
Das Gift, was sie dem Tier verschreiben,
mit Nahrung wir uns einverleiben.

Wär’ vegetarisch gern zu Gange,
doch da ist mir sehr oft auch bange.
Gemüse, das mit Pestiziden
behandelt wurde, aus dem Süden
geht auch Gesundheit an den Kragen,
was kann man noch zu kaufen wagen?

Ich steh beim Einkauf und Verbrauch,
verunsichert, nun auf dem Schlauch.
Mir ist, als könne man das Essen
und Trinken beinah ganz vergessen.
Würd’ ja photosynthetisieren,
es heliotrop recht gern probieren.
Doch da das Chlorophyll mir fehlt,
ist mir die Lösung wohl verhehlt.

Ingrid Herta Drewing

Das Frühstücks-Ei

Da liegt das Frühstücks-Ei auf meinem Teller.
Es blieb als Rest, ich schau es sinnend an.
Mein Gusto wird zum stummen Fragensteller:
Ob man das Ei denn wirklich essen kann?

Ein Ei, ein harmlos, kleines Hühnerei,
es flüstert leise: “Ich hab Dioxin.“
Seveso-Gift, erinner’ ich, wie Blei
will meine Zunge sich dem Wort entzieh’n.

Das Ei, doch irgendwie Symbol für Leben,
wird plötzlich uns zum Gift und zur Gefahr.
Es ist ein Bio-Ei, das dir gegeben,
beruhig’ ich mich und hoff’, dass das auch wahr.

Und stell’ doch fest, mein Eier-Appetit
spielt heute wirklich einfach gar nicht mit.

Ingrid Herta Drewing

Profitgier

Statt Maß und Qualität zählt nur die Masse,
und die Profitgier ist ’s, die stets bestimmt,
Gesundheitsfragen ignoriert, die Kasse
des Geiers muss gefüllt sein, wenn er nimmt.

Der Nimmersatt scheut nicht das Kriminelle.
Was schert ihn andrer Menschen Wohl und Weh,
ob Gift im Futterfett, wenn auf die Schnelle
er viel Gewinn abschöpft durch bösen Dreh

Der Staat wirkt achtlos, fehlende Kontrollen
verstärken der Betrüger Tatmotiv.
Die Bürger, machtlos, wenn sie essen wollen
Gesundes, werden selbst wohl produktiv.

Wohl dem, der sich im Garten Hühner hält
und nicht verseuchte Eier kriegt für ’s Geld.

Ingrid Herta Drewing

Obdachlos

Gestrandet im Meere des Lebens,
als Treibgut geworfen an Land,
das Schwimmen versucht, doch vergebens
gesucht nach der rettenden Hand.

Dort, wo du hofftest zu finden
Verständnis, Liebe und Glück,
hieß man dich nur, zu verschwinden,
verweigerte dir das Zurück.

Als Bettler sieht dich nun die Straße,
bist alt und das Gehen fällt schwer.
Zwar weht dir noch Wind um die Nase,
doch Einsamkeit läuft hinterher.

Du haderst mit Gott, weil dein Leben
so ungnädig, bitter verlief,
siehst auch keine Schutzengel schweben,
nur den Teufel, der stets nach dir rief.

Ein Teufel, ein armer, wie du
jetzt wahrlich auch selbst einer bist.
Du prostest ihm müd’ lächelnd zu,
weil Alkohol Tröster dir ist.

Doch erreicht dich die Heilsarmee
und schenkt dir Wärme und Raum,
die Suppe und heißen Kaffee,
einen kleinen menschlichen Traum.

Ingrid Herta Drewing

Demokratie

Seid Stellvertreter und gewählt auf Zeit.
Doch heißt das nicht, dass ihr in allen Fällen
das Volk sodann dürft schieben ganz bei Seit’,
hochmütig wagt, euch über es zu stellen.

Am Volk vorbei regieren kurzerhand,
verfolgen einer Minderheit Interessen,
erweist sich unnütz für das ganze Land.
Da ist der Streit nicht weit und zu ermessen.

Heut’ hat man Stuttgarts Bürger malträtiert,
Gewalt der Polizei hart eingesetzt
und dabei Kinder, Alte schwer verletzt,
weil sie dort gegen Raubbau demonstriert.

Exekutive, im Alleingang hier,
sie sollte doch ihr Handeln hinterfragen.
Wenn so viel Bürger finden sich als Wir,
da muss doch falsch sein, was sie laut anklagen.

Ingrid Herta Drewing

Tabubruch

Komm mit, wir schlachten ein Tabu!
Man wird sich um uns reißen.
Vermarkten wir das, kommt dazu
Gewinn, den wir loseisen.

Sie müssen möglichst drastisch sein,
die Wörter, die wir zücken;
als Avantgarde stuft man uns ein,
die kühn sich darf ausdrücken.

Und kupfern wir den Text auch ab,
wenn wir ihn umfrisieren,
fällt noch ein Buchpreis für uns ab;
Feuilleton wird’s demonstrieren.

Jedoch, ich käm‘ mir vor als Tor.
Des Kaisers neue Kleider,
die zeig’, wer will, nackt andern vor,
ich wähl’ seriöse Schneider.

Ingrid Herta Drewing

Naturferne

Statt auf Wiesen sich zu kugeln,

wollen Kiddies heute googeln,

sitzend wagt man viel.

Nur noch Daumenspiel

kennen manche dicken Buben,

hocken meist nur in den Stuben,

Playstation mobil.

Virtuell die Welt erfahren,

keinen Wind spür’n in den Haaren,

nur mit Bild im Bilde,

elektronisch Wilde,

fern von Feldern, Baum und Strauch,

dicker wird da nur der Bauch,

dünner wird der Sinn,

ohne Weltgewinn.