Archive for the Category Gesellschaftskritisches

 
 

Kliffhänger

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Was lautstark eine Westerwelle
in bundesdeutsche Brandung warf,
dass viele eine Sonnenstelle
genießen faul, Hartz IV-Bedarf,

das malt der Alp in Michels Träumen
ihm wahrhaft furchtbar, schrecklich aus.
Trotz Schaffen, Können greift von Bäumen
er statt der Frucht nur Wurzelgraus.

Sieht sich an Krisenklippen baumeln,
schaut zitternd in des Hartzwolfs Grund,
befürchtet, dort hinab zu taumeln
als Fraß in Abstiegraubtiers Schlund.

Hofft,dass  er  aus dem Traum erwacht,
der ihn in Angst und Trübsal treibt.
da gern er  seine Arbeit macht,
wenn ihm sein Arbeitsplatz auch bleibt!

Ingrid Herta Drewing

Foto von

Ingmar Drewings Zeichnung Nr.117

„cliffhanger“(www.drewing.de)


Mensch und Natur

Aus Winterfreuden werden Winterleiden,
nun jammern wir erbost im Februar
und möchten Eis und Schnee wohl gerne meiden,
weil es uns doch zu viel des Guten war.

So sind wir Menschen, mögen ’s nur in Maßen,
bequem, beherrschbar soll Natur uns sein.
Der Winter zeigt es uns, was wir vergaßen,
dass unsre Macht zuweilen ist sehr klein.

Die Welt, die wir uns sorgsam eingerichtet,
nur duldet noch Natur im Blumentopf.
Sie wehrt sich, hat das Unsre schon vernichtet,
wenn wir zu sorglos an ihr Recht geklopft.

Die Flüsse, die wir in ein Bett gezwungen,
erobern überflutend Land zurück;
und manchmal flieht der Mensch dort, notgedrungen,
und überlässt die Auen Flusses Glück.

Nur selten bleiben wir da unbeschadet.
Wenn wir Natur zerstören, es uns trifft.
Wo einstmals Wälder wuchsen, grün begnadet,
herrscht Trockenheit, da alles Holz verschifft.

Wo für Touristen abgeholzt die Berge,
spült Regen ohne Bannwald Erde ab.
Dort reißen Schlamm- und Schneelawinen gerne
oft ganze Dörfer in ein tiefes Grab.

Wann lernen wir in Einklang auch zu leben
mit dieser Erde, die uns trägt und nährt?
Es wäre endlich Zeit, dies anzustreben,
damit auf Dauer Heimat uns gewährt.

© Ingrid Herta Drewing

Lauschangriff

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Ja so ein großer Lauschangriff,

der findet flugs auch wache Ohren;

Spion erhält den letzten Schliff

und Wiesen werden Flüster- Foren.

IHD

Kommentar zum Foto der Zeichnung Nr 101

von Ingmar Drewings“Meadow“

(www.drewing.de)

Spatzenlied

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Es sucht Frau Spatz den schönen Platz
zum Nisten und zum Brüten.
Doch Kisten hier und Tüten
sind kein Ersatz, drum geht die Hatz
dorthin, wo Bäume blühten.

Im letzten Frühling, Anfang März,
traf sie Herrn Spatz, es flog ihr Herz
ihm zu, und sie sich mühten
bald um die liebe Kinderschar.
So ist das Paar jetzt wieder da,
und sie sich nicht verfrühten

Die Nachbarn sind schon etabliert.
und mancher schwelgt, hat Zaster,
ein Swimmingpool; ganz arriviert,
thront protzend auf dem Ast er.

Die Spätzin, neidvoll angetan,
möcht’ wie der Nachbar leben
und ab und zu ’ne kleine Bahn
so übers Pool hin schweben.

Spatz sagt zu ihr:“ Sieh diese Dose,
die reicht uns doch zum Bade!“
„ Dir fehlt ein Knopf an deiner Hose!
Ich bin doch keine Made.
Bevor ich in die Brühe hüpfe,
ich in das Nest zu Meisi schlüpfe!“

Und da Herr Spatz so knapp bei Kasse,
hat sie ihn dann links fliegen lassen.

Ingrid Herta Drewing

(Inspiriert von

Ingmar Drewings

„Neighbours“, Nightly Sketch 84

20. Januar 2010,  http://www.drewing.de)

Justitia in Not

jusblin

Müde ist Justitia, hat die Waage
und das Richtschwert aus der Hand gelegt.
Sie scheint blind, doch hörbar ist die Klage,
dass das Geld die Urteilskraft bewegt’.

Geld treibt an den Gang durch die Instanzen.
Wer ’s nicht hat, macht unterwegs leicht schlapp;
So Pecunia lehrt Justitia tanzen,
nimmt ihr spielend leicht die Binde ab.

Ingrid Herta Drewing

Widersprüche

Wir schweigen, wenn empört wir schreien sollten,

und schlafen, wo das Handeln nötig wäre.

Wir reden, wo wir helfend zeigen sollten,

dass wir nur Menschen und bewirken wollten,

was hier auf Erden gut für alle wäre.


Wir stehen blind, obwohl wir sehen können,

was falsch ist, wie man’s richtig machen müsst’

Wir wollen Unrecht nicht beim Namen nennen,

uns von gewohnten Sprachtabus nicht trennen.

Wer steigt schon gern im Sturme auf ’s Gerüst.


Wir stecken in den Sand wie Strauß die Köpfe

und hoffen noch, so bliebe Unheil aus,

gebärden uns wie selten dumme Tröpfe,

als seien wir des Wahnsinns Angstgeschöpfe,

die ganze Welt ein abbruchreifes Haus.

Ingrid Herta Drewing

Wachstumswahn

Wir fahren Autos, feuern in Kaminen.

Die Nacht wird Tag uns, denn wir machen Licht,

beleuchten Städte, nutzen die Maschinen.

Auf Erden soll uns schließlich alles dienen.

Hier buchstabiert doch keiner gern Verzicht.


Es zählt die Beute, Jagd auf allen Feldern

Sie macht vor Menschenleben auch nicht Halt;

Organe raubend, tötend, fließen Gelder.

Die Räuber hausen nicht mehr in den Wäldern.

Sie werden heute in Palästen alt.


Wir bringen diese Erde fast ins Schwitzen.

Die Gletscher schmelzen und das Wasser steigt.

Die Tropenmeere sich erzürnt erhitzen,

Zerstörung ,Wirbelstürme rasen, Blitze;

des Menschen Grenzen werden klar gezeigt.


Jedoch noch immer wild im Wachstumswahne

zerstört der Mensch Natur, beutet sie aus;

und auch der Wissenschaftler ernstes Mahnen,

die Mäßigung, verbannt er von den Fahnen,

lebt egoistisch hier in Saus und Braus,

vernichtet so der Kindeskinder Haus.

Ingrid Herta Drewing

9-1-1 September

Acht Jahre ist es nun schon her,
ein Tag der Trauer, folgenschwer;
hier brach die“ heile Welt“ entzwei,
und wir als Zeugen warn dabei.

Ins strahlende Septemberblau
Twintowers, Wolkenkratzerbau
ragen mit rußigen Fahnen,
zwei Fackeln zum Himmel mahnen.

Entsetzen starrt aus allen Mienen,
gebannt schaun wir zum Bildschirm hin,
betroffen folgend Zeilenschienen,
entschlüsseln wir der Worte Sinn.

Des Terroranschlags Todesspur,
zwei Jets als Bomben eingesetzt
von Islamisten , die hier stur
im Hass gemordet, aufgehetzt.

3000 Tote sind zu zählen,
und Tausende Verletzte quälen
sich heut‘ noch, krank an Leib und Seel‘;
so mancher, dem das Liebste fehlt.

Gedenkt der Menschen, ihrer Namen,
die sinnlos hier zu Tode kamen,
auch derer, die hernach im Krieg
gefallen für erhofften Sieg!

Wo Hass und Dummheit sich verweben,
zerstören sie das Licht, das Leben.
Der Mensch, wenn er verweilt im Wahn,
bewegt sich auf des Todes Bahn.

Ingrid Drewing


Ersatz

Die IFA, jedes Jahr ein Hit,
zeigt, dass die Technik hier ist fit,
beglückt Besucher mit Finesse,
medial erweckt sie Interesse,
regt Kauflust an, verlockt die Kunden
mit Neuem, was man hat erfunden.

Vom Publikum , dort reich umringt,
befragt, was Zukunft mit sich bringt,
verkündet ein Professor stolz,
Objekte lieben, dieses soll’s
in Kürze ganz alltäglich geben,
Gefühl mit Robotern erleben.

Statt menschlicher Geselligkeit
sei elektronisch stets bereit
zum Knutschen, Knuddeln,
weich im Wuscheln,
ein künstlich Wesen,
schön zum Kuscheln.
Ein Knopfdruck, in Sekundenzeit
sei man befreit von Einsamkeit.

Er sprach dies mit Verheißungsblick,
als läge darin größtes Glück.
Ich sah und hört es mit Entsetzen;
wie kann man daran sich ergötzen,
anstatt sich menschlich zu begegnen,
ein Surrogat so abzusegnen !

Was wäre das für eine Welt,
in der der Mensch sich so verhält,
wenn er, dem Leben fern, allein,
verstrickt im Automatensein,
ohne Gefühl und ohne Liebe
nur ein Modul im Schaltkreis bliebe?

Ingrid Drewing ,2008

Stanniolvögel

Sie saß nachdenklich am Tisch und faltete aus dem Schokoladenpapier Vögel, einen nach dem anderen; Stanniolvögel, die fliegenden Kranichen glichen.
Wegfliegen, alles hinter sich lassen! Aber wohin? Sie konnte sich nicht einfach  ziellos treiben lassen. Sie hatte auch an das Kind zu denken, das sie unter ihrem Herzen trug.
Was war das nur für eine Welt? Vor einer Woche war Kennedy ermordet worden.Was zählte ein Menschenleben noch? Wo blieben Menschlichkeit und Liebe? Warum war etwas so Wunderbares wie das Kind ihrer Liebe in ihrem Fall plötzlich etwas Anstößiges? Warum machte die Gesellschaft es einer werdenden Mutter so schwer,wenn sie unverheiratet war? Sie liebte ihn, aber er stand nicht zu ihr, obwohl sie seit fünf Jahren heimlich verlobt waren und sie seinen Ring trug. Standesunterschiede im zwanzigsten Jahrhundert, dass es das noch immer gab!
Sie hatte nun auch ihre Prioritäten gesetzt und sich von ihm getrennt. Eine Abtreibung kam für sie nicht in Frage. Das war für sie mehr als eine reine Glaubensfrage. Das rührte an ihre Existenz, an den Sinn des Lebens. Auch hätte sie damit noch nachträglich ihre Liebe negiert. Sie musste einen Ausweg finden. Sie würde ihr Studium aufgeben und eine Erwerbsarbeit aufnehmen, die sich mit ihrer Situation vereinbaren ließ. Sie hatte ja  schon heimlich in benachbarten Städten in einigen Kinderheimen vorgesprochen ,um zu erfahren, ob sie dort arbeiten und auch ihr Kind nach der Geburt mitbetreuen könnte. Noch fehlten Zusagen. Aber sie war sich auch nicht ganz sicher, ob sie sich endgültig für diesen Weg  entscheiden wollte.
„Sag’ mal, mein Vögelchen, warum willst du wegfliegen?“, hörte sie plötzlich ihre Patentante sagen, die sie offenbar schon eine Weile beobachtet hatte und einen der Stanniolvögel in die Höhe hielt. Sie schaute auf, als sei sie bei schlimmer Tat ertappt worden, und zwang sich zu einem Lächeln, obwohl von ihrer Tante nun wirklich nichts  zu befürchten war. Hatte sie doch in den 21 Jahren ihres Lebens nur Liebe und Güte von ihr erfahren. Aber gerade deshalb schämte sie sich davor, ihr und ihrer Mutter Schande zu machen, wie das im Allgemeinen so genannt wurde.
„Mein Liebes, ich weiß, was in dir vorgeht. Ich kann es an deinem Gesichtsausdruck erkennen. Als ich schwanger war, hatte ich auch diese großen Augen und eine fast anämische Blässe. Das haben wohl alle Frauen unserer Familie, wenn sie in Hoffnung sind.  Du weißt, dass du nicht allein bist. Wir sind immer für dich da.“, sagte ihre Tante liebevoll.
Wie gut das tat! Der Bann war gebrochen. Da war sie , die Brücke, über die sie in ihr vertrautes Leben zurückgehen konnte, gemeinsam mit ihrem Kind.

Sie legte die Stanniolvögel zur Seite, vertraute sich ihrer Tante an und wusste, nun würde alles gut werden.

Ingrid Herta Drewing