Einschätzung

Der Körper sagt: Du bist schon alt.

Die Seele fragt: Wer will das wissen?

Sie fühlt sich jung und sucht beflissen

des Lebens helle Schön-Gestalt.

Sie lebt und lacht, genießt die Freude

und übersieht gern die Gebrechen

des Körpers, der muss lauter sprechen

und weiß das schmerzhaft anzudeuten.

Sieh es doch ein, musst dich beschränken,

du reißt nicht mehr die Bäume aus!

Ganz nebenbei hab’ ich Bedenken,

so stark warst du noch nie, du Maus!

Freu dich an dem, was dir geblieben,

das ist doch reichlich, kost’ es aus!

Es lässt sich vieles innig lieben

in diesem schönen Erdenhaus.

Ingrid Herta Drewing

Gewitter

Es drängen Wolken vor die Sonne,

die jetzt noch heiß vom Himmel sticht.

Sie quellen berghoch auf, zerronnen

ist bald das blaue Himmelslicht.

Und ein Gewitter droht zu nahen;

der Wind frischt auf, stürmt, böig schnell.

Von fern’ wir schon die Blitze sahen,

die Feuerspuren, zackig, grell.

Jetzt ist es da, und Regen prasselt;

der Hagel tanzt wild auf dem Dach.

Hell zucken Blitze, Donner rasselt,

laut krachend stürzt der Baum am Bach.

Es tost und tobt, als hab’ die Hölle

die Teufelsbrut zur Erd’ gesandt,

damit sie alles hier entstelle,

was lieblich blüht auf grünem Land.

Doch endlich ist der Spuk zu Ende!

Nun klart es auf; ein Regenbogen

umarmt  hell farbig das Gelände

und Sonne strahlt, ist uns gewogen.

Ingrid Herta Drewing

Mai-Abschied

Ein kühler, grauer Mai geht jetzt zu Ende,
nur ein paar Wonnetage hielt er warm.
Nun warten Gastwirt, Eismann auf die Wende
und hoffen wie auch wir, dass endlich fände
das Wetter seinen hellen Sonnen-Charme.

Geregnet hat es reichlich, zeigt ein Grünen
in Gärten, Wiesen, Wäldern, Flur und Feld.
Der Strandhafer weht saftig in den Dünen.
und Disteln grüßen zahlreich, stachlig kühne.
Am Strand werden schon Körbe aufgestellt.

Und wieder wächst die Hoffnung im Erwarten,
dass mit den Schwalben auch der Sommer kommt.
Im Freien lebt ’s sich schöner und im Garten
mag man jetzt froh die Arbeit starten,
damit uns dann auch reiche Ernte frommt.

Ingrid Herta Drewing

Marathonläufer

Nach der Arbeit ruft der Sport.

Frühlingswald ist dann der Ort,

wo du ihn kannst finden,

für Marathon sich schindend.

Dort im Maiengrün der Buchen,

tief im Rabengrunde,

läuft er fröhlich ohne Fluchen

seine lange Runde.

Auch kein noch so scheues Reh

lässt in innehalten,

denn er will, ob Wohl, ob Weh,

seinen Rhythmus halten.

Auf der Platte angelangt,

führt sein Weg hernieder,

Richtung Stadt, kein Reh nun bangt,

erkennt ihn sicher wieder.

Ingrid Herta Drewing,

Foto der Zeichnung „Wiesbaden Woods“

von Ingmar Drewing

Auf einem grünen Zweige

Da sitzt das Vogeljunge,
zu früh dem Nest entsprungen,
piepst kläglich vor sich hin.
Die Welt will es erkunden,
weil Mutter schon seit Stunden
nicht flog mehr zu ihm hin.

Es weiß ja nichts vom Bösen,
von Katzen, die zwar dösen,
doch drohen als Gefahr.
Die Mutter kommt nicht wieder
zum Neste tief im Flieder,
weil sie schon Beute war.

Zum Glück naht nun sein Retter,
ein Junge, ein ganz netter,
der Tiere wahrhaft liebt.
Er nimmt es zart in Pflege,
um sorgsam es zu hegen,
bis es erstarkt dann fliegt.

Ingrid Herta Drewing

Abend im Garten

Ein milder Abend reicht dem Tag die Hände,
den Himmel rötend geht die Sonn’ zur Ruh
und streichelt zärtlich warm noch das Gelände,
bis lange Schatten decken alles zu.

Es gurrt der Täuberich nach seiner Taube.
Sie fliegt herbei, folgt seinem lieben Ruf,
gesellt sich zu ihm auf das Dach der Laube.
Sie turteln schnäbelnd, wie sie Gott erschuf.

Ich sitz’ im Garten, hör’ der Vögel Singen,
das hell erklingt, allmählich leiser tönt,
und freue mich am Abendglühen, Klingen
der Abendglocken, das von fern verwöhnt.

So kann beschaulich ich den Tag beschließen,
des Abends Ruhe andächtig genießen.

© Foto und Text: Ingrid Herta Drewing

Morgengruß

Wie lieblich grüßt mich früh am Morgen

als Weckruf nun der Vögel Sang.

Der Sonne Schein, so lang verborgen,

vertreibt die trüben Alltagssorgen,

ergießt sich strahlend übern Hang.

Und froh beschwingt geht’s in den Tag,

denn heute kann mich gar nichts stören.

Was alles auch noch kommen mag,

ich werd’ es meistern ohne Frag’

und lass vom Frühling mich betören.

Ingrid Herta Drewing

Ersatz

Die IFA,jedes Jahr ein Hit ,
zeigt, dass die Technik hier ist fit,
beglückt Besucher mit Finessen,
medial erweckt sie Interessen,
reizt Kauflust und lockt an die Kunden
mit Neuem, was man hat erfunden.

Vom Publikum erstaunt umringt,
befragt , was man in Zukunft bringt,
verkündet ein Professor stolz,
Objekte lieben, dieses soll’s
in Kürze ganz alltäglich geben,
Gefühl mit Robotern erleben.

Statt menschlicher Geselligkeit ,
sei elektronisch stets bereit
zum Knutschen , Knuddeln ,weich im Wuscheln,
ein künstlich’ Wesen, schön zum Kuscheln.
Ein Knopfdruck ,  in Sekundenzeit
Sei man von Einsamkeit befreit.
Er sprach dies mit Verheißungsblick,
als läge darin größtes Glück.

Ich sah und hört’ es mit Entsetzen.
Wie kann man daran sich ergötzen,
anstatt sich menschlich zu begegnen,
ein Surrogat so abzusegnen?

Was wäre das für eine Welt,
in der der Mensch sich so verhält,
wenn er ,dem Leben fern, allein,
verstrickt im Automatensein,
ohne Gefühl und ohne Liebe
nur ein Modul im Schaltkreis bliebe?

Ingrid Herta Drewing

Mai

Der Mai ist da, es duften seine Glöckchen ,
zart, wo die Bäume ihnen Schatten spenden;
und auf den Wiesen wollen Wollgrasflöckchen
Frühsommergrüße an den Frühling senden.

So warm, wie nun der Mai den Tag empfängt,
fühlt man sich fast in südlichen Gefilden,
des Mittags von der Sonne heiß bedrängt,
verwöhnt von einem Abend, der sehr milde.

Nun geht man leicht gekleidet gern spazieren;
im Park und Wald lockt frisches Maiengrün,
vielleicht auch auf dem Boulevard flanieren,
im Opernhaus spielen sie Lohengrin.

Jetzt fühlen wir die Leichtigkeit, zu sein.
Die schöne Welt lädt uns hell blühend ein.
Ingrid Herta Drewing

Pfingstwetter

Der Nordwind greift mit kühler Hand
wild in der Blütenbäume Zweige
und rüttelt sie, fährt über Land,
wo sich die schlanken Birken neigen.

Und dennoch glänzt der Himmel blau,
der Sonne Schein erquickt so strahlend
in Feld und Flur, in Wald und Au,
sich auch in unsre Herzen malend.

Ingrid Herta Drewing