Situationsbedingt

Ein neuer Tag ruft dich heraus ins Leben.
Noch grummelst du, zu kurz war dir die Nacht,
und fragst rhetorisch sinnend beim Erheben,
wer sich nur hat die Arbeit ausgedacht.

Ein andrer würde gerne mit dir tauschen,
der arbeitslos seit Wochen und bedacht,
’nen Arbeitplatz zu finden, bitter lacht’
könnt’ er dich jetzt beim Schimpfen so belauschen.

So ist doch vieles hier sehr relativ,
oft ändern sich der Blick und das Verstehen.
Was uns zunächst scheint hässlich, schief,
lernt man wie Pisas Turm erstaunt zu sehen.

Ingrid Herta Drewing

Winternebel

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Ein müder Morgen tritt auf Tages Schwelle,

in grauem Kleid mit tristem Angesicht.

Die Hoffnung auf der Sonne warme Helle

erstirbt im milchig weißen Nebellicht.

Tief im Dornröschenschlaf liegt noch die Welt.

Die Nebelhecken wachsen hoch, umschließen

das Haus; sogar der Farbe Fülle fällt.

Kein Strahl will uns hier von der Sonne grüßen.

Wo ist der Frühlingsprinz, der kann erlösen

mit seinem Liebeskuss die kleine Welt,

sie holt aus diesem Graugespinst des Dösens,

damit sie lebhaft, farbig uns gefällt.

Ingrid Herta Drewing

Lärmbelästigung

Mietwohnung,
hellhörige Bleibe,
jeder Schritt hörbar,
die Nachbarn zu nahe,
Enge.

Klavier,
ständig Etüden!
Du hörst mit.
Jetzt kommt der Fehler!
Missgriff

Dröhnen
Lautstarkes Vibrieren,
Rotieren der Waschmaschine.
Es zittern die Wände.
Belästigung

Endlich!
Lärm beendet!
Aufatmen darfst du,
wohltuend empfindest du sie,
Stille

Ingrid Herta Drewing

Katastrophen

DSCI0005Das Fernsehn bringt fast täglich Katastrophen

zu dir ins Zimmer, aber sehend blind

stehst du, gebannt und hilflos, hörst die Strophen

der Kommentare, die dann üblich sind.

Die Zahlen, die du hörst, wohl kurz erschreckend,

verbergen das, was menschlich dich bewegt;

bis plötzlich dann ein Bild vermag zu wecken

dein Mitleid, sinnst, wie man nun Hilfe heg’.

Du spendest Geld, beruhigst so dein Gewissen,

dass du noch bist vom Missgeschick verschont,

das andre aus den Träumen hat gerissen.

Dann läuft dein Leben weiter, wie gewohnt.

Ingrid Herta Drewing

Winterhoch

Hyafe

Bob heißt das Hoch, das uns nun Kälte bringt,
versagt uns dennoch klaren Himmels Blau.
Der Nebelkönig hier sein Zepter schwingt,
verhüllt den Ausblick uns auf Tal und Au.

So mag der Winter mich schon fast verdrießen,
kein helles Schneegesicht, kein lichter Tag.
Die Bäume schemenhaft im Grau verfließen,
feuchtkalte Luft, das Atmen eine Plag.

Doch mein Zuhause bleibt mir als Oase,
warm und gemütlich, freundlich helles Licht.
Es leuchten Frühlingsblumen in der Vase,
und Duft von Hyazinthen sagt der Nase:
In dies Refugium kommt Winter nicht.

Ingrid Herta Drewing

Verkannte Liebe

Ein Frosch an eines Brunnens Rand

saß dort ganz selbst verloren.

Er hoffte auf ein Liebespfand,

das er sich auserkoren.

Denn jeden Tag um zwölf Uhr zehn

sah er sie hier vorüber geh’n

und glaubte, dass sie ’s wüsste,

dass was geschehen müsste.

Im Märchen war es schön zu lesen,

von einem Frosch, der Prinz gewesen,

das sollte sie doch wissen

und ihn jetzt endlich küssen.

Das Mädchen sah den Frosch nicht an,

traf sich mit einem andern Mann,

den sie verliebt nun küsste.

Ach wenn sie es nur wüsste!

Was ihr da alles nun entging:

Ein Prinz, der sie gar lieb umfing,

vom Schlösschen ganz zu schweigen,

das ihr wohl wäre eigen!

Wer glaubt denn heut noch solche Märchen?

Verliebt ging aus dem Park das Pärchen

und ließ den Frosch allein,

der sah es traurig ein.

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Wer auf der Welt will reüssieren,

muss richtig auch kommunizieren.

Ein Blick allein sagt meist zu wenig,

wenn du noch Frosch bist und kein König.

Ingrid Herta Drewing

Winter – Haiku

Schneeflocken fallen.

Ein Vorhang weißer Spitze

verhüllt nun die Stadt.

Ingrid Herta Drewing

Winters Macht

SchneemauNun zeigt der Winter seine Macht
mit Sturm und Kälteschauern;
denn auch den Schnee, den er gebracht,
türmt er hoch auf zu Mauern.

Und mit dem Schnee sogleich verweht
er uns die weißen Freuden;
nun ungern man ins Freie geht,
muss sich zu Haus’ bescheiden.

Wie wütet er, des Frostes Speere
so stürmisch rasen über Land,
und wild entfesselt aus dem Meere
peitscht er die Wellen an den Strand.

So wild mag man dich, Winter, nicht!
Lass rieseln sanft den Schnee und zart!
Danach im Blau und Sonnenlicht
zeig’ uns dein schönes Angesicht
zur Ski- und Schlittenfahrt!

Ingrid Herta Drewing

Liebesgedicht

Rotsamt

Wie schön war das Gedicht, das er geschrieben;

es sprach von Liebe, dennoch war ’s ein Traum

für ihn, der einsam in der Welt geblieben,

ein letztes, grünes Blatt am Hoffnungsbaum.

Die Liebste, die er durch den Tod verloren,

er sah sie immer noch so jugendschön.

Aus seiner Liebe ward sie neu geboren

und schien am Tag vertraut mit ihm zu gehn.

Er sprach zu ihr, erzählte von den Sorgen

und folgte oftmals ihrem stummen Rat.

Für andre war er wunderlich, verborgen

war sein Geheimnis, das er hütet’ zart.

Dann eines Morgens fand man ihn, entschlafen

lag er, fast lächelnd, dort im Rosenhag,

wo sie einander einst im Frühling trafen

und er sie glücklich in den Armen barg.

So schön zeigt dies Gedicht, das er geschrieben,

ihr beider Glück, es war kein blasser Traum,

wie tief sich Mann und Frau verstehn zu lieben.

Doch mancher Mensch, recht nüchtern, glaubt dies kaum.

Ingrid Herta Drewing

Der Liebe Augen

eine Rose

Ja, es hat die Liebe große Augen,
blickt so offen, schön in diese Welt,
lässt ein Staubkorn noch zu Gutem taugen,
sieht das Dunkel, wie es sich erhellt.

Liebe ist der Hoffnung heiße Quelle,
sprudelt leicht, lebendig in den Tag,
hilft uns gütig über manche Schwelle,
schenkt die Freude, mildert uns die Plag.

Liebe lässt sogar den Tod vergessen,
überdauert auch die schlimmste Zeit.
Nur in ihrem Reich kann man ermessen,
welches Glück dies Leben hält bereit.

Ingrid Herta Drewing