Anmut

Sie schien der Sterne hellen Glanz im Haar zu tragen

und schritt so federleicht, gewandt auf weißem Kies,

doch niemand fand die Worte, arglos sie zu fragen,

wohin sie ging und was ihr Kommen nun verhieß.


So als sei Anmut nur geliehen hier auf Erden,

uns überlassen kurz von einem fremden Stern,

der in der Silbernacht sie lässt erglühend werden,

von einer Zauberhand geleitet, die uns fern.


Und immer, wenn wir sie bei Tageslicht erschauen,

sind wir ergriffen und erfüllt von zartem Sehnen,

als riefe sanft ein Lächeln, hieße uns vertrauen

dem Paradies, dem mild die Träume wir entlehnen

Ingrid  Herta Drewing

Das Faultier

Ein Faultier hing an einem Baum,

vertieft in seinen Urwaldtraum,

da kam im Sprung heran ein Affe,

rief:“ He, hast du denn nichts zu schaffen?

Mir scheint, du bist von dem Getier

mit Abstand wohl das faulste hier!“

Das Faultier langsam hob die Lider,

sah an den Affen, schloss sie wieder

und murmelte:“ Lass mich in Ruh,

ich muss nicht wuseln so wie du,

da ich auch sehr genügsam bin!

Ich sag dir meines Lebens Sinn:

In der Ruhe liegt die Kraft.

So mancher wie die Bienen schafft

und kann sein Leben nicht genießen.

Die Zeit wird ihm gar rasch verfließen,

und eh der Schaffer sich versieht,

ist ihm sein Leben schon verblüht.“

Der Affe stand da, staunend, stumm,

und dachte: Das ist gar nicht dumm;

selbst von dem Faultier kann man lernen.

Jetzt werd’ ich mich diskret entfernen.

Ingrid Drewing

Maus und Elefant

Es trafen sich an Baches Rand

zufällig Maus und Elefant.

Das Mäuschen zart begann zu nippen

am Wasser, drohte umzukippen.

Jedoch da half ihm sehr galant

mit Rüsselstütz’ der Elefant.

„ Hab’ Dank!“, sprach’s Mäuschen hingerissen,

„ich werd’ dir auch zu helfen wissen,

wenn du einmal in großer Not.“

Der Jumbo lachte sich halbtot

und sagte: “Ach, du kleiner Wicht,

du und mir helfen, das gibt’s nicht!“

Doch wie’s im Leben manchmal geht,

am gleichen Tag noch, abends spät,

steht jammernd nah dem Dornenbusch

der Elefant. Da kommt gehuscht

herbei die Maus in Helfers Pflicht.

Der Jumbo von dem Übel spricht.

In seinem zarten Rüssel vorn

sitzt fest und schmerzhaft spitz ein Dorn.

Das Mäuschen nun nicht lange fackelt,

bittet ihn , dass er nicht wackelt

und nagt den schlimmen Dornenzweck

schmerzfrei und emsig vollends weg.

Froh sich bedankt der Elefant

und sagt, er habe nun erkannt:

Ein Wesen, sei’s auch noch so klein,

sollt’ man gering nie schätzen ein,

weil es, gezeigt hab’s Mäuslein itzt ,

doch häufig sei auch sehr gewitzt.

Ingrid Drewing

Bärli und seine Schwester

Im Wald vergnügt beim Beerensuchen
in Himbeerhecken bei den Buchen
geht Bärline froh dahin.
Da kommt es Bärli in den Sinn,
zu necken sie, und er läuft hin.

Sein Schwesterchen hat viel gesammelt.
Damit die Beeren nicht vergammeln,
sind sie im Körbchen aufgehoben;
und dass auch nichts herunter fällt,
hat sie das Körbchen hingestellt.
Das sieht der Bärli, und sogleich
heckt er aus den frechen Streich.
Um Bärline abzulenken,
will er, dass sie bei sich denke,
Bärli sei in großer Not.
Laut schreit er:“Hilfe !“,
läuft dann fort
ganz schnell an einen andern Ort.
Und als Bärline angeeilt,
der Bärli längst beim Körbchen weilt,
isst auf schnell alle guten Beeren.
Bärline glaubt’ sich zu verhören.
Da sieht sie Bärli, und er lacht:
„April, April, hast falsch gedacht!“
Bärline seine Schandtat sieht
und nun vor Wut ganz brummig glüht.
„Na warte, lieber Bruder Bär,
so etwas machst du nimmermehr!“
Doch Bärli schert das einen Dreck;
Er grinst nur frech, dann läuft er weg.

Im Übermut ,am See jedoch,
fällt er in ein sehr tiefes Loch.
Und laut schreit er: „Bärline, Hilfe!
Ich bin im Loch, nah bei dem Schilfe!“
Bärline denkt:“Das glaub’, wer will,
du schickst mich nicht in den April!“
Und ruhig geht sie nach Hause weiter.
Der Bärli in dem Loch, was schreit er!

Zu Hause wundert Mama sich,
denn Bärli sitzt noch nicht bei Tisch.
Sie fragt Bärline, wo er sei,
die ihr erzählt die Neckerei.
Doch Mama Bär sagt engagiert:
„Dem ist nun wirklich was passiert.“

Gemeinsam sind sie dann gegangen,
um zu Bärli zu gelangen.
Der sitzt verlassen in dem Loch,
weint bitterlich da, noch und noch.
Doch nun ist gleich vorbei der Graus,
denn Mama Bär holt ihn heraus,
und Bärli ist da ganz im Glück.

Ais sie zu Hause sind zurück,
bedenkt er, wie das konnt’ geschehen,
Bärline wollt’ nicht nach ihm sehen!
Und er befolgt jetzt das Gebot:

Hilfe schreit man nur in Not.


Ingrid Drewing

Sommerglück

Der Tag stolziert im blauen Kleid,

hat Sonne eingeladen,

glänzt glühend nun zur Mittagszeit

auf lichten Sommerpfaden.


Im Grünen, nah dem kühlen See,

lässt es sich herrlich leben;

beim Picknick hier in Glück und Klee

scheint Zeit sich aufzuheben.


Es ist, als segne eine Hand

beschaulich, zart dein Leben,

ein milder Wind weht hier auf Land

kann fächelnd Frische geben.

Ingrid Drewing

Hiroshima

Nicht ,  der dich höhnte
aus den Lüften
mit ferngelenktem Tod ,
der nicht, Hiroshima!

Nicht, der dich anspie,
warf in Grüfte,
in abgrundtiefe Not,
der nicht , Hiroshima !

Nicht der, nicht einer,
Tausende von Händen
warfen
das Feuer auf dein Licht,
Hiroshima!

Hiroshima
und die Tage
leben in grauem Licht.
Dreimal ertönt die Klage,
dreimal antwortet nicht
Hiroshima.
Dreimal ist dreimal verhöhnen,
dreimal heißt ohne Zahl,
und sich wieder bequemen,
Sühne und Abendmahl?

Ingrid Drewing

Die Unterschrift

Ich hatte gerade die Fehlerberichtigung einer Klassenarbeit durchgelesen und überprüfte nun, ob die Kenntnisnahme der Leistung und der Note durch die Unterschrift eines Elternteils bestätigt worden war, und stutzte. Das sah doch ganz nach einer Fälschung aus! Sollte der Junge die Unterschrift seines Vaters nachgeahmt haben? Sollte er sich davor gefürchtet haben , die Note ausreichend zu Hause vorzuzeigen? Was sollte ich tun? Ihn auf meinen Verdacht hin ansprechen oder es übersehen und ihn im Auge behalten? Da musste ich sensibel vorgehen, das wusste ich aus eigener Erfahrung.

Ich erinnerte mich noch sehr gut an die Demütigung, die ich als Schülerin der sechsten Klasse erlitten hatte.Unser Englischlehrer, für den wir alle an unserer Mädchenschule schwärmten, war er doch einer der wenigen jüngeren Lehrer, die wir in den 50iger Jahren an der Schule erlebten, war der Anlass meines Kummers gewesen! Wenn ich heute daran zurückdenke, frage ich mich, wo er seinen pädagogischen Sachverstand und sein Einfühlungsvermögen an diesem Tag gelassen hatte. Aber Gesetz und Ordnung beherrschten damals noch vorrangig den Schulalltag.

Tatsache war, als er durch die Klasse ging und die Unterschriften kontrollierte, glaubte er, ich hätte die Unterschrift unter meiner Englischarbeit gefälscht. Zugegeben, sie unterschied sich stark von den vorherigen Unterschriften, denn sie war nicht in Schreibschrift gehalten, sondern in sehr schöner Druckschrift. Weinend beteuerte ich ihm meine Unschuld ,sagte wiederholt, meine Mutter habe die Arbeit unterschrieben, was ja auch wirklich der Wahrheit entsprach. Er glaubte es mir nicht, und was am schlimmsten war, er stellte mich vor der ganzen Klasse bloß und bezog sogar meine Mutter in diese Demütigung mit ein, indem er eine Mitschülerin noch während der Unterrichtszeit zu uns nach Hause schickte. Sie sollte meine Mutter zu dem Fall befragen. Ich fühlte mich behandelt wie ein Schwerverbrecher und schämte mich, obwohl ich ja gar nichts ausgefressen hatte.

Meine Mutter bestätigte die Richtigkeit meiner Aussage, machte sich aber Vorwürfe. Sie war nämlich über meine Zwei in der Englischarbeit so erfreut, dass sie besonders schön unterschreiben wollte und hatte dafür ihre Druckschrift gewählt.

Wie hatte mein Englischlehrer nur annehmen können, dass ein Kind seine gute Note nicht den Eltern vorzeigt? Wahrscheinlich war er davon ausgegangen, dass ich es vergessen und deshalb nun aus Furcht vor einem „Ordnungsstrich“ die Unterschrift vorgetäuscht hätte. Aber dabei hatte er übersehen, dass Ordnung dem Menschen dienen muss und nicht der Mensch der Ordnung. Sein Vorgehen war mehr als unverhältnismäßig.Damals ist mir bewusst geworden, wie schnell man durch geäußertes Misstrauen einen Menschen verletzen kann, besonders die zarte Seele eines Kindes.

Ich schloss das Arbeitsheft und nahm mir vor, meinem Schüler nichts von meinem Verdacht zu sagen, zumal ich seine Eltern am Elternsprechtag in einer Woche ohnehin über seinen befriedigenden schriftlichen Leistungsstand informieren würde. Zuvor wollte ich aber in einer Klassenleiterstunde anhand einer Beispielgeschichte aus dem Fundus “Noten und Angst“ das Problem allgemein thematisieren, um zu versuchen, meinen Schülern im Gespräch die Furcht vor Noten und dergl. zu nehmen.

Denn im angstfreien Raum lebt und lernt es sich besser.

Ingrid Drewing

Mäander

Sprache,

lebendiger Fluss,

der uns trägt

und auch mir

golden

den Abend verbrämt

in der Freude Klang,

in Bild und Gedanke.

Einfügen

möchte ich mich,

wirken

in deiner Kraft,

dort, wo du streifst

den felsigen Hang

noch in schlingerndem

Lauf,

driftend

in deinen Wassern,

in Wellen

gleitend dahin,

eine Weile,

im Wort,

im Gedicht.

Stanniolvögel

Sie saß nachdenklich am Tisch und faltete aus dem Schokoladenpapier Vögel, einen nach dem anderen; Stanniolvögel, die fliegenden Kranichen glichen.
Wegfliegen, alles hinter sich lassen! Aber wohin? Sie konnte sich nicht einfach  ziellos treiben lassen. Sie hatte auch an das Kind zu denken, das sie unter ihrem Herzen trug.
Was war das nur für eine Welt? Vor einer Woche war Kennedy ermordet worden.Was zählte ein Menschenleben noch? Wo blieben Menschlichkeit und Liebe? Warum war etwas so Wunderbares wie das Kind ihrer Liebe in ihrem Fall plötzlich etwas Anstößiges? Warum machte die Gesellschaft es einer werdenden Mutter so schwer,wenn sie unverheiratet war? Sie liebte ihn, aber er stand nicht zu ihr, obwohl sie seit fünf Jahren heimlich verlobt waren und sie seinen Ring trug. Standesunterschiede im zwanzigsten Jahrhundert, dass es das noch immer gab!
Sie hatte nun auch ihre Prioritäten gesetzt und sich von ihm getrennt. Eine Abtreibung kam für sie nicht in Frage. Das war für sie mehr als eine reine Glaubensfrage. Das rührte an ihre Existenz, an den Sinn des Lebens. Auch hätte sie damit noch nachträglich ihre Liebe negiert. Sie musste einen Ausweg finden. Sie würde ihr Studium aufgeben und eine Erwerbsarbeit aufnehmen, die sich mit ihrer Situation vereinbaren ließ. Sie hatte ja  schon heimlich in benachbarten Städten in einigen Kinderheimen vorgesprochen ,um zu erfahren, ob sie dort arbeiten und auch ihr Kind nach der Geburt mitbetreuen könnte. Noch fehlten Zusagen. Aber sie war sich auch nicht ganz sicher, ob sie sich endgültig für diesen Weg  entscheiden wollte.
„Sag’ mal, mein Vögelchen, warum willst du wegfliegen?“, hörte sie plötzlich ihre Patentante sagen, die sie offenbar schon eine Weile beobachtet hatte und einen der Stanniolvögel in die Höhe hielt. Sie schaute auf, als sei sie bei schlimmer Tat ertappt worden, und zwang sich zu einem Lächeln, obwohl von ihrer Tante nun wirklich nichts  zu befürchten war. Hatte sie doch in den 21 Jahren ihres Lebens nur Liebe und Güte von ihr erfahren. Aber gerade deshalb schämte sie sich davor, ihr und ihrer Mutter Schande zu machen, wie das im Allgemeinen so genannt wurde.
„Mein Liebes, ich weiß, was in dir vorgeht. Ich kann es an deinem Gesichtsausdruck erkennen. Als ich schwanger war, hatte ich auch diese großen Augen und eine fast anämische Blässe. Das haben wohl alle Frauen unserer Familie, wenn sie in Hoffnung sind.  Du weißt, dass du nicht allein bist. Wir sind immer für dich da.“, sagte ihre Tante liebevoll.
Wie gut das tat! Der Bann war gebrochen. Da war sie , die Brücke, über die sie in ihr vertrautes Leben zurückgehen konnte, gemeinsam mit ihrem Kind.

Sie legte die Stanniolvögel zur Seite, vertraute sich ihrer Tante an und wusste, nun würde alles gut werden.

Ingrid Herta Drewing

Mutter und KInd

In einem Tuch geborgen,

und dicht getragen an der Mutter Herz,

erlebt das Kind den Morgen,

noch fühlt es nicht des Lebens Sorgen, Schmerz.


Ihr Herzschlag lässt es schlafen lind,

vertraut, in Träume wiegt es zart ihr Gang,

und wenn sie stillt ihr hungrig Kind,

beruhigt sie es wehmütig mit Gesang.


So einer Mutter selbstlos reine Liebe

erwächst hell aus des Alltags Bild,

ein Paradies dem Kinde, wünscht’, es bliebe,

bewacht von einem Engel mild.

Ingrid Drewing