Sommermorgen

Ein frischer Morgen hisst die blaue Fahne
nach einer Nacht, die kühl und sternenklar.
Die ersten Sonnenstrahlen lassen ahnen,
dass heut’ ein heller Tag  wird für uns wahr.

Schon wiegen sich die Schwalben in den Lüften,
die Grünfink Scharen wirbeln flugs dahin,
und Bienen folgen zarten Blütendüften.
Ich sitz’ auf dem Balkon, froh ist mein Sinn.

Gekuschelt noch in eine warme Weste,
schau ich mir an dies schöne Morgenbild,
seh’, wie die Vogelmutter trägt zu Neste
und höre, wie das Leben, sanft gewillt,

nun munter wird, den Sommertag ergründet
und konzertierend seinen Rhythmus findet.

Ingrid Herta Drewing

Sommer-Sonnenwende

Die Feuerräder, die ins Tal wild rollten,
sie wiesen auf der Sonne warme Glut,
die sie, so hoffte man, auch strahlend zollte,
wenn in des Frühlings Arm das Land sanft ruht’.

Das Hoffen auf die hellen, heitren Tage
bewegt auch in der Stadt des Menschen Sinn.
Der längste Tag des Jahres nährt die Frage,
ob Wärme währen wird nach dem Beginn.

Wenn uns der violette Sommerabend
im Freien noch gesellig plauschen lässt,
und wir, an Liebesblick und Wein uns labend,
die milde Nacht erwählen für ein Fest.

Dann klingt uns zärtlich schön dies Sommerlied,
und Freude schreibt sich lächelnd ins Gemüt.

Die hochmütige Elster

Es war die Elster jüngst zu Gast

bei einer klugen Krähe.

Dort prahlte sie, ihr Prunk-Palast

sei ganz hier in der Nähe.

Er glänze, sei weithin zu sehen,

sie habe ihn geschmückt

mit Gold und Silber, widerstehen

das könne nicht, wer ihn erblickt.

Das Heim der Krähe, zu bescheiden,

fast ärmlich sehe es doch aus.

So etwas könne sie nicht leiden;

das sei kein angemessnes Haus.

Die Krähe sprach, ein wenig eigen,

es weise sich, was besser sei.

Der Glitzertand da in den Zweigen,

der locke Neider nur herbei.

Wer zu viel Aufsehen erwecke,

dem bleibe bald nicht mehr die Ruh,

die Brut vor Feinden zu verstecken,

verliere seinen Schutz im Nu.

Die Elster unbelehrbar schien,

ging arrogant und flog nach Haus.

Doch als sie ankam, wollt’ sie fliehen

und rief entsetzt: “Oh, was ein Graus!“

Nichts war mehr so, wie sie ’s verlassen,

zerstört ihr schöner Traumpalast.

Man hatte ihr nichts mehr gelassen

als einen kahlen, grauen Ast.

Nun starrt die Elster in die Leere

die Zähren rollen, nicht zu knapp,

bedenkt der Krähe kluge Lehre

und schminkt sich ihren Hochmut ab.

Ingrid Herta Drewing

Phönix III

Ja, Feuervogel Leben,
in deinem goldnen Tanz
mag traulich ich auch schweben,
mich wirkend froh verweben
in diesem hellen Glanz.

Auf Gottes schöner Erde,
im satten Hoffnungsgrün
zeigt mir dies „stirb und werde!“
den Weg, die klare Fährte,
und führt mich hin zu ihm.

Ingrid Herta Drewing

Wunder der Natur

Wie munter dort die Vögel fliegen

von Dach zu Dach, von Busch zu Baum,

sich gleitend auch im Winde wiegen,

die Schwalbenschar, ein sanfter Traum.

Mit solcher Leichtigkeit zu schweben,

wünscht’ ich mir, fern der Erdenlast.

Der Segelflieger mag ’s erleben,

doch ist auch er nur kurz dort Gast.

Wir Menschen sind meist bodenständig,

obwohl uns der Erfindergeist

beflügelt und erlaubt, dass wendig

man heut’ in ferne Länder reist.

Vielleicht wird eines Tages gar

der Mensch  sich weit im All bewegen?

Ich freu’ mich jetzt, nehm’ staunend wahr

der Erde Wunder, die zugegen.

Ingrid Herta Drewing

Der Grünfink und der Spatz

Ein junger Grünfink traf den Spatz,
der sich die Pfütze hatt’ als Platz
für ’s morgendliche Bad gesucht.
Sehr amüsiert von dem Besuch
spritzt er das Vogelkind nun nass.

Es fragt ihn drum, was er da mache.
Sich reinigen, sei seine Sache
und spottend rät er ihm sodann:
„Das solltest, Kleiner, du auch machen,
viel grüne Farb’ hängt an dir dran!“

Der Grünfink sehr verwundert schaut.
Die Farbe ist ihm wohl vertraut
schon seit den Schlüpfungszeiten.
„Ich will nicht mit dir streiten;
doch sieh’ einmal, dein brauner Dreck
geht auch nicht durch dies Wasser weg,
nur nass wirst du dabei.“

Der alte Spatz gerät in Wut,
schimpft ihn nun einen Tunichtgut
und murrt: „Die freche Jugend!“

Wo bleibt nun hier die Tugend?

Ingrid Herta Drewing

Vuvuzela

Vuvuzela, dieses Wort klingt schön,

doch agierend mag ich sie nicht sehn

und erst recht nicht hören diese Tröte,

deren Töne bringen Ohr’n in Nöte.

Vuvuzela wird zum Höllengraus,

der die Ohren arg mit Lärm belastet.

Dröhnend hallt ’s aus vielen Stadien raus,

mancher möcht’ gern aus dem Lärmzelt hasten.

Kannst dein eignes Wort nicht hören,

glaubst, dass Schwärme von Hornissen

nahen, stechen, Wut verbissen,

böser Geister Macht beschwörend.

In Südafrika gibt’s dies als  Brauch,

und man sollte ihn dort auch belassen.

Doch ich fürchte, man wird sie hier auch

stärker hören müssen in den Gassen.

Menschen, wenn sie sich in Massen

sammeln, werden meist sehr laut.

Die Natur scheint Gott verlassen,

weil man nicht mehr auf sie schaut.

Ingrid Herta Drewing

Ausweg

Es fassen in die Stille deine Blicke,
beschwören Bilder, deren Kraft allein
dir weist zum Leben hin die feste Brücke,
und dich beglückt in deinem Einsamsein.

Erinnerung ruft jene Stimmen wieder,
die schon verklungen, aber noch vertraut;
Gesichter , Gesten, wohl bekannte Lieder,
dein Auge inniglich und lieb erschaut.

Ein mildes Lächeln aus vergangnen Zeiten
mag zärtlich breiten seine Arme aus,
um dich behutsam, treulich zu geleiten
ins Leben, auf den neuen Weg hinaus.

Ingrid Herta Drewing

Segelflug

Wolkenleicht am Himmel schwebend,
gleitet sanft er leicht dahin.
Segelflug, das ist sein Leben,
dafür gibt er vieles hin.

Denn hier oben über Feldern
darf er frei im Aufwind fliegen,
sieht herab auf dunkle Wälder,
die wie grüne Kissen liegen.

Alles Irdische dort unten
wirkt so klein und weit entfernt.
In den hellen Segelstunden
hat er Lebenssicht gelernt.

Lässt sich von den Nichtigkeiten
auch im Alltag nicht erdrücken,
sieht die hellen, frohen Seiten,
die sein Leben reich beglücken.

Ingrid Herta Drewing

Hummelflug

Es müht sich eine Hummel, Fuß zu fassen

bei einer zarten Glockenblume.

Sie will sich auf der Blüte niederlassen,

den Nektar holen, Nahrungskrume.

Jedoch sie hat dabei kein Glück.

Das sanfte Blümchen schwankt im Winde,

zieht so verneinend sich zurück.

Die Hummel keinen Halt dort findet.

Sie fliegt nun weiter zur Margerite,

lässt sich dort nieder unbeschwert

und saugt aus deren gelber Mitte

den Nektar, den sie so begehrt.

Am rechten Ort, zur rechten Zeit,

da findet meistens sich das  Glück.

Das Leben hält so viel bereit,

nicht immer sieht’s der erste Blick

Ingrid Herta Drewing