Leben

Die Jahre deines Lebens sind bemessen,

auch kennst du nicht den Tag, die Stunde,

wann du verlassen wirst die Runde,

dies Dasein hier für immer musst’ vergessen.


Besiegst dies Los im täglichen Verdrängen,

damit du leben kannst und lieben,

mit andern dich im Menschsein üben,

in Traum und Phantasie entflieh’n der Enge.


Im Glauben, auch in hellem, frohem Hoffen

erwartest du ein Paradies, das offen

am Ende deiner Erdenpfade.


Doch ganz dem Ruf des Lebens zugewandt,

fühlst du, als Kind des Lichtes auch gesandt,

schon hier auf Erden Gottes Gnade.


Ingrid Drewing

Mai

Der Mai zeigt sich als kecker Wicht,

sprüht froh mit frischem Regen;

die Bäume duscht er im Gesicht,

zupft Blüten ab verwegen.


Doch hat er prächtig über Nacht

als Gärtner großer Güte

den grünen Glanz hervorgebracht

aus seiner Wundertüte.


Die Erde blütenreich geschmückt,

den Brautstrauß lieb gebunden.

Das Vogelvolk im Nestbauglück

hat singend sich gefunden.


Wir Menschen fühlen, leicht und frei,

auch uns lacht jetzt das Leben;

trotz Krise, Sorgeneinerlei

woll’n wir nur vorwärts streben.

Ingrid Drewing

Liebeslied

Sanft sing‘ ich dir ein Lied zur Nacht

und bette dich auf Rosen,

der Duft wird dich , bis du erwacht,

im Traume zart liebkosen.

Froh sing‘ ich dir ein Lied am Tag ,

komm , reich mir deine Hände !

Gemeinsam woll’n wir, wenn du magst,

hier tanzen, ohne Ende.

Lieb sing‘ ich dir ein Lied im Licht

und schenke dir mein Leben,

nur eine Bitte habe ich,

mögst mir auch deines geben !

Ingrid Drewing

Quälgeist

Ein Homo-Faber-Fabermännchen
schlich sich heut Nacht in mein Gehirn.
Es malte tausend Schreckensbilder
und schlug mir Löcher in die Stirn.

Dann kroch’s heraus, besah mein Auge
und klebte mir die Lider zu,
aus meinen Wimpern flocht es Zöpfchen,
schwang sich auf meine Nas‘ im Nu.

Um gleich darauf sich zu entzücken,
erklomm es flugs den Nasenberg,
rutschte hinunter dessen Rücken,
laut quietschend wiederholt’s der Zwerg.

Auf meine Lippen legt’s sich nieder,
die es als Polster ausgewählt,
um eine Weile auszuruhn,
doch trat’s die Zähne immer wieder
mit seinen kleinen, festen Schuhn.

Mutwillig testend, auf und nieder,
hätt’s mich gewiss noch mehr gequält,
wenn ich da nicht gehustet hätte.
Nun half ihr nichts, der frechen Klette,
sie wurde weit, weit weggeweht !

Ingrid Drewing

Abend auf dem Balkon

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Ein Flugzeug schneidet silbern Himmelsblau,

ein leichtes Dröhnen, das sich sacht entfernt.

Zum Abendbrot ruft lautstark eine Frau

ihr Kind im Hof, das Rollschuh fahren lernt.

Ein Fenster klappert, wird dann fest geschlossen,

und wiederum geöffnet eine Tür,

die Pflanzen des Balkons noch schnell gegossen.

Zwei Häuser weiter übt noch wer Klavier.

Und endlich krönt der Amsel Lied die Stille,

von fern tönt leise Abendglockenklang.

So endet eines Frühlingstages Fülle,

hauchzart errötend, Sonnenuntergang.


Ingrid Drewing

Linde

Ach grüne Linde, Herzblatt mein,
in deinem hellen Widerschein
dort auf der Bank, der alten,
ritzten wir unsre Namen ein;
der Liebe Zeichen blieb erhalten.
So viele Dichter rühmen dich
und deine Blätterkrone;
drum sing auch ich
jetzt froh für dich
ein Liebeslied zum Lohne.
Will preisen deine grüne Treue,
200 Jahre bist du alt,
blühst Jahr für Jahr,
beglückst auf’s  Neue
den Wanderer in deinem Wald.
In jedem Frühling mildes Lächeln,
im Sommer schattiges Geäst,
mit Blütenduft und zartem Fächeln,
so feierst du dein Jubelfest.
Im Herbste goldgelb und betörend,
das Blätterkleid erglänzt wie Taft;
und jedes Blatt fällt, sanft beschwörend
den Schatz verborg ’ner Lebenskraft
Wirst bald des Winters Schneepelz tragen
sowie des Raureifs Glitzerkleid
und auch im Sturme nicht verzagen.
Dein Traum von neuen Frühlingstagen
erfüllt sich nach der stillen Zeit.
Ingrid Drewing

Nachmittag im Frühling

Nachmittagssonne, und ihr sanftes Licht

lädt zum Verweilen ein in Park und Garten,

wo zarter Blüten Duft von Frühling spricht

in vielen farbenfrohen Blumenarten.


Vom nahen Spielplatz helle Kinderstimmen

verbreiten wie die Vögel Heiterkeit.

Im Blütenmeer sorgt das Gesumm der Immen

und Hummeln für Beschaulichkeit.


Nur manchmal stört die friedliche Idylle

ein Martinshorn; zur Unfallstätte fährt

der Notarztwagen, zeigt, dass Lebensfülle

und Glück bleibt selten lange unversehrt.

Ingrid Drewing

Mütter

Ihr Mütter, alle hier auf Erden,
verschieden, gleicht ihr euch doch sehr.
Ihr hütet sorgsam neues Werden,
und täglich wächst die Liebe mehr.

Das Kind, das ihr ans Herz geschmiegt,
als Liebstes zart gebettet,
lind in den Schlaf, sanft singend, wiegt
und aus Gefahren rettet.

Dies Kind lässt Leben euch verstehen,
weckt euch, in eurer Liebe
die Welt mit ihm ganz neu zu sehen
bei Sonnenschein und Trübe.

Weil Lebenshüterin ihr seid,
verdammt ihr auch die Kriege,
den Hader und des Todes Leid,
all jene falschen Siege.

Geeint die Welt im Kinderglücke,
ein bunter Lebensgarten,
ihr, Mütter, bildet hier die Brücke,
die sehnend wir erwarten!

Ingrid Drewing

Bärli spielt Ball

Wie viele Kinder es gern mögen,

liebt Bärli auch, sich zu bewegen.

Schon früh am Morgen ist er wach,

macht dann beim Spielen lauten Krach.


Mit einem Ball, den er gefunden,

vertreibt er sich die frühen Stunden,

indem er kräftig schießend bolzt

und trifft damit den Tisch aus Holz.

Dabei ist er dann sehr verwirrt,

als eine Vase fällt und klirrt.

„Oh Weh, was mach ich dummer Bär?

Wenn Mama kommt, dann schimpft sie sehr.

Verboten war’s auf jeden Fall,

hier, wo man wohnt, zu spielen Ball.

Ich räume weg die Scherbenstück’,

bevor die Mutter kommt zurück.“


Als Bärlis Mutter kommt nach Haus,

sieht alles wieder sauber aus.

Nur auf dem Tisch, da fehlt die Vase,

und Mama Bär, die Aufspürnase,

merkt schnell, dass etwas hier nicht stimmt,

auch weil ihr kleines Bärenkind

ganz brav schon an dem Tische sitzt,

wo es doch sonst herum gern flitzt.

Und schon beginnt ihr prüfend Fragen:

„Bärli, willst du mir was sagen?“

Da nimmt der Bärenwicht nun gut

zusammen allen Bärenmut:

„Verzeih mir bitte, lieb Mama,

die Vase, die ist nicht mehr da.

Als sich mein Ball zum Tisch verirrt,

da hat es plötzlich laut geklirrt

Ich war’s, ich habe das verbrochen,

bin schuld, dass dieses Ding zerbrochen.


Oh Weh !“,denkt Bärli,“was wird jetzt?“

Doch die Mama , gar nicht entsetzt,

nimmt ihn ganz fest in ihren Arm,

und ihre Stimme klingt so warm:

„Mein Bärli, froh bin ich gar sehr,

dass du bist ehrlich, kleiner Bär.

Viel schlimmer als ein Haufen Scherben

ist’s, das Vertrauen zu verderben.

Doch du, mein Bärli, warst nicht schlecht.

Die Wahrheit sagen, das ist recht!“

Da ist der Bärli aber froh,

verspricht, er mache das nun so,

dass Ball er nur im Freien spielt

und dabei nur auf Tore zielt.

Ingrid Drewing

Primaballerina

Du schwebst und tanzt die Pirouetten

so federleicht, als sei dies nur ein Traum,

in den die Engel dich gerufen hätten,

mit dir zu fliegen in des Himmels Raum.


Musik verleiht dir sanfte Flügel,

und deine Arme zart im Takte schwingen,

ein Pegasus im Seelenzügel

hebt dich empor, lässt helle Sterne singen.


Wir schauen staunend, der Magie erlegen,

wenn uns dein Tanz mit Zauberkraft entrückt,

vergessen Alltagssorgen, die zugegen,

von Kunst und Schönheit andächtig entzückt.

Ingrid Drewing