Täuschung

Und unterm Tagesmond die Wolke schwebt.
Ein Jet kreuzt ihren Weg dort in der Höhe.
Sein Streifen trennt wohl beider lichte Nähe,
bis er sich auflöst, hell ins Blau verwebt.

Die Erden-Perspektive lässt sich täuschen;
was voneinander weit entfernt ist, scheint uns nah.
Doch umgekehrt ergeht ’s uns mit Geräuschen,
es blitzt, und später hör’n wir Donner da.

Und möchte man auf Watte-Wolken schweben,
so bleibt der Wunsch nur schöne Illusion.
Was weiß und weich sich mag vom Blau abheben,
ist nur des Wasserdampfs Kondensation.

So vieles, was der Mensch klar hört und sieht,
erweist sich später als der Täuschung Lied.

© Ingrid Herta Drewing

Weihnachts-Akrostichon

E in Engel fiel in unsre Zeit.
N un war sein Wesen Raum bemessen,
G lich einem Menschen,fühlt‘ sein Leid.
E r, der nie Irdisches besessen,
L ief suchend,schien von Gott vergessen.
S till streift‘ er ab sein Flügelkleid
G ing hier auf Erden, ganz versessen,
A m Tage, fern von Gier und Neid,
B edeutsames dort zu ermessen.
E s war ein himmlisch‘ Unterfangen,
N ur deshalb auch schwer zu erlangen.

A n Heiligabend, zwölfte Stunde
N ahm er zu Kirche seinen Weg.

W ie traulich klang es in der Runde!
E s war ihm, als ob wer ihn heg‘,
I hn führe über sichren Steg.
H ier hörte er die frohe Kunde:
N eu sei das Gotteskind geboren,
A ls aller Heiland auserkoren,
C hristus,die Liebe, Gottes Sohn!
H alleluja, kein Weltenthron
T rag‘ sich noch mit Tyrannenhohn,
E rzwinge taube Ohren!
N un bleib‘ kein Mensch verloren!

© Ingrid Herta Drewing, 2016

Ansinnen

Wie üppig, grün lässt sich der Sommer sehen!
Der Regen hat ihn hier so reich bedacht.
Ich schaue, ahn‘, dass Wachsen und Vergehen
ein Zwillingspaar sind, so wie Tag und Nacht.

Jedoch es will mir schwer erscheinen,
dass auch mein Dasein ist darin verwebt.
Ich möchte Nacht, Vergehen, gern verneinen,
dass mir kein Tod sagt: „Du hast ausgelebt!“

Drum bitte ich den Schöpfer, dass mein Leben
noch lange währe hier auf dieser Welt,
damit mir noch dies‘ Reifen sei gegeben
im kleinen Paradies, das mir gefällt.

Ich liebe Gottes Schöpfung, die Natur
und folge gern des ew’gen Lichtes Spur.

© Ingrid Herta Drewing,2016

Abend

Bevor die Nacht kommt,
der Sonne Spuren finden,
hell im Abendrot.

© Ingrid Herta Drewing,2016

Nach der Sommersonnenwende

Jetzt singt der Sommer seine Lieder.
Ein halbes Jahr ging schnell zu Ende,
und doch erwacht nach Sonnenwende
der Tag allmählich später wieder.

Wohl merken wir es kaum,denn Sonne
erstrahlt jetzt heiß, hält alles hell,
die Hitze nachts noch ist zur Stell.
Ein Bad im Mondlicht wird zur Wonne.

Die Erde dreht sich, unser Leben
bewegt sich mit in ihrem Lauf,
und dennoch achten wir darauf,
zu planen unser eignes Streben.

© Ingrid Herta Drewing,2016

Gereimte Fragen

Ich mach’ mir manchen Reim auf diese Welt,
obschon mir vieles hier scheint ungereimt.
Warum, das frage ich, regiert das Geld,
wird hier, wer ehrlich ist, so oft geleimt?

Warum beherrschen immer noch Despoten
mit Terror, Grauen hart „ihr“ armes Land
und lähmen Tatkraft, Leben mit Verboten?
Warum geh’n viele ihnen dort zur Hand?

Warum zerstören wir, was unser Leben
erhält, der Erde Schönheit, die Natur,
als sei uns dafür ein Ersatz gegeben?
Warum verbreiten wir des Wahnsinns Spur?

Wer gibt die Antwort auf so viele Fragen?
Ich wüsst’ sie gern, anstatt nur laut zu klagen.

© Ingrid Herta Drewing,

Jahresneige

Zum Ende neigt sich nun dies alte Jahr.
Viel Freud‘, doch noch mehr Leid hat es gesehen.
Auch heute lässt die Zeit uns offenbar
Vergangenes im Rückblick kaum verstehen.

Die Kriege, Menschen auf der Flucht, die Not!
Wir alle doch den Frieden hier ersehnen!
Ist eine Krise grad vorbei, dann droht,
ein neues Übel sich schon auszudehnen.

Noch immer scheint der Mensch nicht zu begreifen,
wie einzig unsre Erde,Wandelstern,
und alles Leben, Wachsen, Blühen, Reifen;
sonst läge ihm wohl die Zerstörung fern.

Jedoch erwacht zum neuen Jahr dies‘ Hoffen,
es stünden alle Friedens-Türen offen.

© Ingrid Herta Drewing,2015

Einklang

Ich nehme auf mit allen meinen Sinnen,
was mir des Lebens Schönheit offenbart;
ein immer neues, tägliches Beginnen,
was hässlich-böse ist, bleibt da à parte.

Will schauen, wie Natur in Jahreszeiten
in Flora, Fauna wechselnd hier erblüht,
und Herbstes müde in den Winter gleitet,
dort Kräfte sammelt für ein neues Lied.

So mag auch ich beschaulich innehalten,
wenn nun der Sonnenbogen tiefer sinkt,
um meine Tage dankbar zu gestalten,
der Zeit gewogen, die uns Stille bringt.

Denn ich darf fühlen, hören, riechen, seh’n.
Wie ist die Erde doch so wunderschön!

© Ingrid Herta Drewing

Altersweisheit und Mut

Wer nahe an des Todes Schwelle steht,
der fürchtet Welt nicht, hat nichts zu verlieren,
benennt beherzt das Unrecht, und es geht
um Wahrheit ihm, kein Eigennutz wird führen.

Doch gibt es wohl auch jene Zeitgenossen,
die nichts und niemand mehr auf Erden rührt,
die meinen, wenn die eigne Zeit verflossen,
sei’s ihnen gleich, wohin hier alles führt.

Jedoch die Menschlichkeit und Empathie
gilt doch den meisten Alten hier als wert,
sie kämpfen mutig gegen Idiotie,
wenn sie politisch Achterbahnen fährt.

Sie nutzen Kraft und Wissen, ihr Erfahren,
um hier der Menschheit Leben zu bewahren.

© Ingrid Herta Drewing,2015

Erntedank

Wir, die im Überfluss hier leben,
wo Waren die Regale füllen,
um dem Bedarf stets stattzugeben.
Wir konsumieren und erstreben
stets mehr, das unsre Wünsche stille.

Und wir vergessen meist dabei
die Mühen, die zur Ernte führen,
als seien jene Güter frei.
Das wüste Wegwerf-Allerlei
scheint täglich das zu demonstrieren.

Die Wirtschaft nur nach Wachstum giert,
beziffert Wohlstand zäh in Zahlen,
obgleich der Mensch sich wohl verliert,
wenn er nur auf Vermehrung stiert,
die sich im Kontenstand mag malen.

Doch wäre Demut angebracht
für jede Ernte Dank zu sagen,
dem Schöpfer, der das Leben macht
und über All und Welten wacht,
die Erd‘ zu hegen, zu bewahren!

© Ingrid Herta Drewing,2015