Lebensfrage

Das Leben ist ein Werden und Vergehen.
Wer kennt das Ziel, das Ende seiner Spur?
Aus Dunklem kommend, leuchtend hell entstehend,
so flammt es auf ringsum in der Natur.

Wir Menschen sinnen, wollen es verstehen,
entschlüsseln viele seiner Rätsel kühn.
Doch dem Warum, Woher genügt kein Sehen,
wir bleiben blind in unserem Bemühen.

Je mehr wir wissen, desto minder wird uns klar,
warum nicht nichts hier ist und Anfang war.
Da sind wir ahnungslos wie zahme Tauben.

Doch Urvertrauen, uns seit Kindheit offenbar,
schenkt die Gewissheit, dass vor allem ist und wahr
der Gott der Liebe, Christ, an den wir glauben.

© Ingrid Herta Drewing

Abgesang

Ich greife nicht mehr nach den Sternen.
Die Träume sanken in das Tal
gleich Nebeln, gräulich Licht entfernend.
Des Daseins Farben werden fahl.

Die Kräfte schwinden mir, das Leben
spielt still; die Hände tragen Sand
und Asche; matt wird alles Streben.
Ein blindes Tasten sucht nach Land.

Versiegt die Quellen, welk die Rosen.
Der letzte Tisch ist bleich gedeckt.
Der Blumengruß der Herbstzeitlosen,
zu Tode hat er mich erschreckt.

© Ingrid Herta Drewing

Bei Anblick einer Rose

So hell im Leben, Licht,
und doch schon nah’ der Nacht!
Das schöne Angesicht,
vom Tau benetzt, erwacht,
wird welken und vergehen.

Dies’ alte Spiel der Zeit,
das wir nur halb verstehen,
mahnt an Vergänglichkeit.
Sie, die, da stetes Werden
das Leben gibt und nimmt,
in allem hier auf Erden
ein Todeslied anstimmt.

Und dennoch tönt ein Klingen,
schwebt über All und Nacht,
wird hin in Sphären dringen,
die jenseits ihrer Macht.

Ingrid Herta Drewing

Neubeginn

Es trägt der Wind die Worte in die Weite,
fast ungehört verklingen sie wie Rauch,
der sich, in Lüften lösend, leis’ befreite,
ein Kräuseln, hin zum Himmel, nur ein Hauch.

Nicht alles, was hier wirkte, muss einst schwinden.
Auch eine zarte, sanfte Melodie
wird sich in eines Vogels Singen finden,
erklingen wieder neu in Harmonie.

Ein Spiel der Klänge, das den Tag vollendet,
bevor er sich zu dunkler Nacht hinwendet,
um dann in tiefer Träume Reich zu sinken.

Ein Neubeginn, der helles Licht uns spendet,
der Hoffnung, Freude in die Seele sendet,
wird uns gewiss an einem Morgen winken.

Ingrid Herta Drewing

Wolkengleich

So flüchtig wie die Wolke ist das Leben.
Noch eben schwebend hoch in Himmels Blau,
türmt sie sich auf, Gewitter wird es geben,
was vordem weiß, verschwindet ganz im Grau.

Sich dann im Hagel, Regen zu verschwenden,
bis wieder Sonne hell am Himmel bleckt,
und in den Wassern sich zur Erde wendend,
vielleicht im Regenbogen noch entdeckt.

So wandelt alles sich in stetem Werden
und Enden, hier im Kreislauf der Natur.
Auch wir sind doch nur Gäste hier auf Erden
und hinterlassen unsre kleine Spur.

Ingrid Herta Drewing

Glaubensfrage (An G.B.)

Glaubst du ernsthaft, dass es nur die Leere gibt
und das Ich, gezeichnet, nur sein Leben schreibt,
dass uns wirklich niemand außer uns auch liebt
dass von uns einmal nur graue Asche bleibt?

So wie alle Sterne, die verglühen,
noch nach Jahren Licht ins All aussenden,
mögen wir in unserem Bemühen
unsre Tage leben und verschwenden?

Ist dies alles wirklich nur ein kurzes Spiel:
Leben, Liebe, Leiden, Nehmen, Geben,
wir unkundig, ohne Wissen, Weg und Ziel
tausendfach uns in der Welt verwebend?

Nein, ich glaube, dass uns Gottes Gnade, Geist
seinen Weg in Jesus Christus liebend weist.

Ingrid Herta Drewing

Zeitgefühl

Die Zeit verrinnt, wer möchte das bestreiten?
Die Feststellung erweist sich als banal;
und dennoch gibt ’s im Leben oftmals Zeiten,
da schmerzt der Tatbestand und wird zur Qual.

Siehst du im Alter deine Jahre schwinden,
die Kräfte auch, das Leben stiller wird,
dann möchtest du wohl gern den Zeiger binden,
der im Sekundentakt zu schnell dir schwirrt.

Doch manchmal, wenn wir glücklich innehalten,
scheint uns der Augenblick auch still zu stehen.
Des Lebens Schönheit darf sich uns entfalten;
wir haben kurz ins Paradies gesehen.

Begreifen, dass das Ende ist Beginn,
was erst absurd erscheint, hat seinen Sinn.