Mutters Stärke

Mama und Hertelchen_o

Nie hätte ich geglaubt, als ich war Kind,
dass Mütter wirklich Schwächen haben können.
Nur ihre Kraft und Liebe konnt’ ich nennen;
die Bilder, die noch heut’ vertraut mir sind,
obwohl vom Kind sein mich Jahrzehnte trennen.

In einer Zeit, die so beherrscht von Not,
beglückte, Mutter, uns dein frohes Wesen .
In deinen Armen konnten wir genesen,
du sorgtest immer für das täglich’ Brot
wie schlimm die Wirtschaftslage auch gewesen.

Ich höre heute noch die hellen Lieder,
hab’ auch dein liebes Lachen klar im Ohr,
du hattest einen herrlichen Humor.
Ach könnt’ ich hören doch von dir noch einmal wieder,
wie wer in Lauterbach den Strumpf verlor!

© Ingrid Herta Drewing,
Foto: Mama und Hertelchen

Veilchenparabel

An einer Bordsteinkante,hart
treuherzig lugt sein blau Gesicht.
Ich schritt und stockte, sah es, zart,
zertrat das schöne Veilchen nicht.

Die kleine Blume, die sich hier
als Blütengast im Stein verloren,
erschien als Frühlingsbote mir,
der sich die graue Welt erkoren.

Als Zeichen, obwohl Tod befiehlt
und Kälte barsch die Wache hält,
dass Leben sich die Nische stiehlt
und so erneuernd weckt die Welt.

© Ingrid Herta Drewing,2016

Krähe Klara

Des Mittags saß mit guter Sicht
die Krähe Klara auf der Laube,
sich wärmend in der Sonne Licht,
als dort im stillen Rosengarten
ein Ungetüm begann zu starten,
bereit zu Lärm und wüstem Raube.

Zunächst beachtete sie’s nicht
und fühlte sich bestärkt im Hoffen,
hier oben drohe kein Verzicht,
denn dieses Monstrum auf der Wiese
war klein gedrungen und kein Riese.
So sah sie sich auch nicht betroffen.

Doch sehr schnell schwand die Zuversicht,
denn brummend kam das Ding da näher,
und Klara sah sich in der Pflicht,
jetzt hier sehr wachsam aufzupassen,
den Feind nicht an ihr Nest zu lassen.
Sie lauerte nun wie ein Späher.

Als es sich durch die Wiese fraß
und Blumen, Blüten, Gräser fielen,
flugs Klara alle Scheu vergaß,
stieß wie ein Habicht da hernieder,
kaum achtend auf ihr glatt Gefieder,
um mit dem Schnabel hart zu zielen.

Wild hackte sie auf ihm herum,
saß kämpfend dort auf seinem Rücken.
Jedoch dies Ding nur surrte dumm,
war weiterhin auf Todes-Reise,
die Gräser stürzten massenweise.
Ihr Angriff schien so nicht zu glücken.

Doch Klara gab so schnell nicht auf,
packt‘ mit dem Schnabel kleine Kiesel,
die warf sie in des Monsters Lauf.
Schon bald begann das Ding zu mucken,
stand schließlich still nach letztem Zucken,
denn schnell war Klara, wie ein Wiesel.

Wer immer sich auch will erfrechen,
bedenke wohl: Des Schwachen Mut
kann doch verhindern Mähen, Dreschen,
denn er kämpft für sein höchstes Gut!

© Ingrid Herta Drewing,2016