Zeit der Erinnerung

Des warmen Kerzenlichtes Schimmer
und würzig frischer Tannenduft
erfüllen der Adventszeit Zimmer,
ein Hauch von Zimt streift zart die Luft.

Es wecken diese Wohlgerüche
den Zauber längst vergangner Zeit,
als damals wir in Mutters Küche
zum Plätzchen Backen reingeschneit.

So manches Lied ward da gesungen,
gescherzt, gelacht; beim ersten Schnee
in sel’gem Taumel, ungezwungen
die Schlittenfahrt aus steiler Höh’.

Kalt waren Hände, rot die Wangen;
erst abends zogen wir nach Haus,
von Mutter liebevoll empfangen,
erquickt mit einem warmen Schmaus.

Erinnerungen: Fern der Plage,
trotz Nachkriegszeit dies’ Kinderglück,
ein Fest der Freude, Weihnachtstage!
Ich denke gern daran zurück.

© Foto u. Gedicht: Ingrid Herta Drewing,

Hortensien

War heiß der Sommer, standen sie verblichen
wie alter Kittelschürzen Blüten da,
im Vorgarten wie Wächter, die nicht wichen
und trotzten mutig jeglicher Gefahr.

Mit grünen, festen Blätterhänden
empfingen sie das grelle Sonnenlicht
und trieben aus nach Regen Blütenstände
in zartem Blau und Rosa, ein Gedicht.

Hortensienbüsche, meiner Kindheit Freude,
ihr blühtet noch im grauen Trümmerland,
wo ihr nicht wurdet jenes Krieges Beute.
Als Teil der heilen Welt ich euch dort fand.

Ein Lichtblick in der düstren Nachkriegszeit.
Auch heute noch steht blühend ihr bereit.

© Foto u. Text / Ingrid Herta Drewing,

Europa, quo vadis?

Gemeinsam wollten wir dem Frieden dienen
und wähnten Wahn und Wüten seien weit,
zum Aufbruch rief uns eine neue Zeit.
Nationalismus, nicht mehr seine Schienen,
wir glaubten uns belehrt, vom Joch befreit.

Doch überall nun in Europas Landen
verspricht dem Volk, das sehr vergesslich ist,
das Heil erfolgreich der Nationalist,
obwohl wir es schon damals so nicht fanden,
weil es sich nur in Elend, Leid bemisst.

Was uns unmöglich schien, dem Krieg entronnen,
dass hier in die EU auch Einzug hält
und als Protest manch Wählern noch gefällt,
die Stimme, deren Hass damals begonnen
in Not und Tod zu führen unsre Welt.

Wir müssen jene Sümpfe trocken legen,
den Menschen helfen, denen wenig bleibt,
damit nicht Furcht sie in die Arme treibt
den Rattenfängern, die die Lunten legen,
dieweil Herr Biedermann im Stübchen schreibt.

So lasst uns dennoch Apfelbäumchen pflanzen,
auch wenn der Sturm durch unsern Garten fegt!
Es wird jetzt wichtig, dass man auch hier hegt
das Hoffnungsgrün, wenn Schreckgestalten stanzen
ihr Schneidewerkzeug, das Zerstörung pflegt!

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing

Das Weiße Haus in Wiesbaden

DSCN8329 (1)Bei uns gibt’s auch ein Weißes Haus,
von Washington es spricht.
Doch kommt nicht Donald Trump heraus,
es ist postfaktisch dicht.

Vor hundert Jahren ward’s erbaut,
Herrn Söhnlein galt’s als Ziel
zu schenken Emma, seiner Braut,
ein heimatlich Gefühl.

Klar nach dem Krieg für USA,
dass man sich suchte aus,
weil Ähnlichkeit man deutlich sah,
als Stützpunkt dieses Haus.

Bis ins Jahr ’90 so genutzt,
ist jetzt das Haus zivil,
steht nah dem Park,herausgeputzt,
erglänzt im alten Stil.

Es macht sich gut trotz Wintersicht,
wenn golden Sonne strahlt
sein Säulenweiß von warmem Licht
wird friedlich schön bemalt.

© Ingrid Herta Drewing,2017

Rhein im Nebel

Der Rhein blickt heute recht benebelt drein,
nur die Platanen lassen’s Ufer finden,
dieweil die Platte hell im Sonnenschein
darf Lust hier auf Wiesbaden schön verkünden.

Dort haben Frost und Nebel über Nacht
aus Raureif zart der Bäume Zier geklöppelt,
doch Rheines Wasser, jetzt noch warm bedacht,
hat über sich nur Luft, die feucht bedröppelt.

Doch Vater Rhein kann solches nicht beirren,
er hat den Winter eisig schon gesehen,
da konnten nach des Zweiten Weltkriegs Wirren
viel Menschen über ihn ohn‘ Brücke gehen.

Und bald hat auch der Nebel sich verzogen,
dann glänzt er hier als klares Silberband,
der Strom Europas, der uns, da gewogen,
zum Rheingau führt in goldnen Weines Land.

© Ingrid Herta Drewing,2016

Erinnerungen an die Nachkriegszeit

(Der erneute Fund einer Fliegerbombe
und die Evakuierung der Menschen weckt
Erinnerungen an die Nachkriegszeit.)

Die Waffen schwiegen, das Leben
trug grau noch des Hungers Kleid.
Doch unser kindliches Streben
konnte es spielend verweben,
wir kannten größeres Leid.

Des Krieges Bomben entronnen,
meist ohne Habe und Haus,
wurde erneut nun begonnen.
Da wir das Leben gewonnen,
lockte uns Freiheit hinaus.

Kinder, dem Spiel überlassen,
zu neuem Dasein bereit,
lebten wir auf in den Gassen,
lernten, was nützlich erfassen
in Trümmern der Nachkriegszeit.

Die kleinen Freuden,bescheiden;
das sollten Wünsche wohl sein.
Da gab es kein Marken-Neiden,
durch Mutters Nähkunst war’s Kleiden
nützlich, normal, also fein.

Ein Buch, einen Apfel zum Fest,
die Flöte, ein Hauch von Kultur
erblühte in Trümmern.Ein Nest
der Wärme, die Mutter! Das Best’
war doch ihre Liebe pur.

© Ingrid Herta Drewing,2015

Kindheit im Nachkriegssommer

Wir spielten in Trümmern und staubigem Licht;
die Straße war unsere Welt,
beim Völkerball auch unser Feld.
Es war da nur selten ein Auto in Sicht;
dazu fehlte ja damals das Geld.

Wir waren noch klein, erlebten die Not
der Eltern aus anderem Blick
und fanden das kindliche Glück.
Doch brachten auch Waffenspiele den Tod,
manch Opfer durch Krieges Relikt.

Die Enge des Wohnraums trieb meist uns hinaus,
doch Freiheit konnten wir fühlen,
auf Wiesen, in Wäldern spielen.
Es hielt uns kein Gameboy, kein TV im Haus,
nichts ließ uns da neidvoll schielen.

Kein Zuckerschlecken, noch üppiger Schmaus!
Der Hunger hieß uns oft warten;
Gemüse aus Opas Garten
und Früchte trugen wir dankbar nach Haus,
ein frugales Mahl zu starten.

Im Sommer gab’s Graubrot, Zwiebeln, Tomaten
mit Salz, das konnt köstlich munden.
An Herzkirschen, prallen, runden,
den selbst gepflückten, wir uns gütlich taten
in unbeschwerten Stunden.

© Ingrid Herta Drewing,2014

Seltsame Überraschung an Heiligabend

Von allen Festen des Jahres ist auch für mich Weihnachten das schönste; das ist seit meiner Kindheit so.Obwohl wir, im Gegensatz zu Kindern von heute, in der Nachkriegszeit wenig an Geschenken zu erwarten hatten, war Heiligabend immer etwas Besonderes.Wir freuten uns, im Kreise der Familie vor dem strahlenden Lichterbaum zu stehen, gemeinsam zu singen und zu schauen, ob wieder eine neue Kugel, ein Glöckchen oder ein Glasvögelchen zu sehen war, das das Christkind uns gebracht hatte, was wir andächtig bewunderten.Die Großen wussten natürlich, dass wir das dem Christkind in Gestalt unseres Vaters zu verdanken hatten, dessen Domäne der Weihnachtsbaum war.Er sparte das ganze Jahr über,um eine kleine Kostbarkeit auf dem Weihnachtsmarkt zu erwerben, die neben den aus Papier geflochtenen, bemalten Sternen die Schönheit des Christbaumes bereicherte.
Weihnachten war bei uns auch immer das Fest der Großfamilie. Da einige der Onkel und Tanten noch keine Kinder hatten und meine Mutter das Herz ihrer Familie war( sie hatte nach dem Tod ihrer Mutter quasi ihre jüngeren Geschwister groß gezogen), feierten sie alle das Fest mit uns.Sie gaben auch dem Christkind schon einmal ein schönes Geschenk für uns mit. Beschert wurde immer erst, wenn alle erwarteten Verwandten da waren.
Das war für uns Kinder stets sehr aufregend, da einige recht spät von der Arbeit kamen; so auch Herta, meine Patentante und jüngste Schwester meiner Mutter, von allen nur Hertelchen genannt.
Sie war die liebste Tante der Welt, gütig und liebevoll.Nie hörten wir ein böses Wort von ihr. Für mich war sie wie eine zweite Mutter. Nachdem sie ihr sechs Monate altes Töchterchen Ursula durch eine schwere Krankheit im Krieg ein halbes Jahr vor meiner Geburt verloren hatte, schenkte sie mir all ihre Liebe.
Meistens kam sie an Heiligabend als letzte. Wenn sie da war, konnte die Bescherung endlich beginnen.

Wolfi, mein kleiner Bruder,hatte vor Aufregung rote Wangen und konnte die Spannung kaum ertragen. Immer wieder spähte er durchs Schlüsselloch ins Weihnachtszimmer, versicherte, er habe das Christkind hin-und herschweben gesehen und gehört, dass ein Glöckchen geläutet habe. Wir müssten nun endlich zum Weihnachtsbaum gehen.Mutter beruhigte ihn dann, so gut es ging, und wir vertrieben uns die Wartezeit, indem wir die Lieder und Gedichte, die wir vortragen wollten,noch einmal übten.Ich spielte Blockflöte, lauerte aber insgeheim,ob ich nicht Hertelchens Schritte oder das Klingeln an der Wohnungstür hörte. Denn wenn sie eintraf, das lehrte die Erfahrung, ließ auch das Christkind nicht mehr lange auf sich warten.
So war es auch an Heiligabend 1951. Endlich läutete es an der Wohnungstür.Ich stürmte vor, um die geliebte Tante zu empfangen, öffnete freudig die Tür,blieb aber plötzlich, wie zur Salzsäule erstarrt, stehen.Blass vor Schreck musste ich die Umarmung, besser gesagt Umpfotung, einer riesigen, gelbbraunen Dogge ertragen. Sie hatte die Vorderbeine über meine Schultern gelegt und leckte mich mit ihrer langen Zunge im ganzen Gesicht ab.Was das Tier wohl als Liebesbeweis ansah, war für mich ein Schock;statt meine geliebte Tante zu herzen, war ich diesem tierischen Überfall ausgesetzt.Zum Glück war diese Dogge ansonsten ungefährlich und gehorchte schnell wieder ihrem Herrn, der sie zur Räson rief.
Dieser Mann war ein Uhrmacher, der Vater, wie versprochen, noch schnell eine reparierte Armbanduhr, das Weihnachtsgeschenk für Mutter,vorbeibrachte. Vater war erleichtert, dass er endlich noch gekommen war. Auch ich erholte mich schnell wieder von der unheimlichen Überraschung, als die erwartete, liebe Tante kam und wir alle gemeinsam einen wunderschönen Heiligabend feierten.
Dennoch muss ich heute manchmal noch an dieses Erlebnis denken, wenn ich eine Dogge sehe, und wechsle dann die Straßenseite.

© Ingrid Herta Drewing

Der falsche und der echte Nikolaus

Als Kind ist man in besonderem Maße dazu bereit,an Geheimnisvolles und Wunderbares zu glauben. Vor allem die Advents – und Weihnachtszeit weckt da viele Erwartungen, die ja auch durch die Erzählungen der Erwachsenen noch genährt werden.
Das war für mich als Kind in der Nachkriegszeit nicht anders. Am Nikolaustag hielt ich deshalb schon morgens Ausschau nach dem heiligen Mann, der ja an seinem roten Kapuzenmantel und dem großen Sack zu erkennen sein sollte.Angeblich sei der Sack nicht nur für Geschenke, sondern auch für unartige Kinder gedacht, die auch mit der Rute von ihm bestraft würden.Mir war der Nikolaus noch nie begegnet, aber bei unserem Bäcker hatte ich in der Auslage so eine Rute gesehen.Sie war mit leckerem Zuckerwerk behangen.Also konnte das ja nicht allzu schlimm sein. Dennoch war mir bei dem Gedanken an eine mögliche Strafe nicht ganz geheuer. Wir Kinder kannten ja damals nicht das Bild des wonnigen Weihnachtsmannes aus der Fernsehwerbung, wie es heute verbreitet wird. Das einzige Nikolausbild, das ich kannte, war das aus dem alten Struwwelpeterbuch.Darin straft ein riesengroßer Nikolaus die bösen Buben,indem er sie am Schopf fasst und tief in schwarze Tinte taucht, weil sie den Mohren ausgelacht haben.
Nun ja, ich hatte zwar keinen dunkelhäutigen Menschen verspottet( die amerikanischen Soldaten, die wir sahen, nötigten uns ja schon durch ihre Uniform und ihre Bewaffnung Respekt ab),aber immer brav war ich auch nicht gewesen.Meine Mutter, die zum Glück vor dem Krieg im Frisiersalon ihres Vaters das Handwerk sehr gut gelernt hatte und auch ohne Salon nach dem Krieg noch gefragt war, wodurch sie uns ernähren konnte,nahm mich bei ihren Hausbesuchen zu ihren Kundinnen mit. Da musste ich dann immer ganz sittsam sein und warten, bis sie mit ihrer Arbeit fertig war. Manche Kundinnen wollten im Winter nicht, dass ihre langen Haare gewaschen wurden, und Mutter musste ihnen dann mit ihrer Brennschere Locken in die fettigen Haare ondulieren, was nicht gerade angenehm roch. Ich durfte mir das aber nicht anmerken lassen, und das fiel mir nicht immer leicht.
An einem Nikolausabend kamen Mutti und ich wieder von so einem Kundenbesuch nach Hause zurück.Ich war sehr aufgeregt, denn es war schon mehrmals an diesem Tag vom Nikolaus die Rede gewesen.Als wir im ersten Stock des halb zerstörten Mietshauses, in dem wir seit Kriegsende wohnten, angekommen waren, sahen wir vor uns den Nikolaus, wie er die Stufen zu Dörrs, unseren Nachbarn, hoch stieg. Ich blieb erschrocken stehen; auch meine Mutter ging nicht weiter. Denn aus dem Sack, den der Nikolaus trug, baumelten unten zwei Kinderbeine heraus.Welches arme Kind wurde da bestraft? Würde ich jetzt auch in den Sack gesteckt? Ich fürchtete mich und versteckte mich hinter meiner Mutter, bis der vermeintliche Nikolaus in der Wohnung der Nachbarn verschwunden war.
Meine Mutter strich mir liebevoll über das Haar und erklärte mir, das sei gar nicht der echte Nikolaus.Da habe sich jemand nur einen dummen Scherz ausgedacht und ausgestopfte, beschuhte Strümpfe an den Sack genäht, um andere damit zu erschrecken.
Obwohl ich meiner Mutter vertraute, war ich mir doch nicht so ganz sicher, ob das so war.
Als es dann eine halbe Stunde später an unsrer Wohnungstür klingelte, versteckte ich mich hinter der geöffneten Zimmertür, weil ich fürchtete, jetzt würde auch ich in diesen Sack gepackt.
Wie erleichtert war ich, als eine dunkle, sanft klingende Stimme sagte, er sei der Nikolaus und habe gehört, dass hier ganz liebe Kinder wohnen.Er trat zu meinem Brüderchen ans Gitterbettchen und segnete das Kind. Nun wagte auch ich mich aus meinem Versteck und sah einen wunderschönen Nikolaus vor mir.Er war in ein mit goldenen Borten verziertes, weißes,langes Gewand gekleidet, trug eine Bischofsmitra und hielt einen Bischofsstab in der Hand.
Ich weiß nicht mehr, was mich mehr beindruckte, der weiße Rauschebart, die wohlklingende Stimme oder der freundliche,gütige Blick.Seine ganze Erscheinung hatte für mich etwas Wunderbares,und ich wusste, das war der echte Nikolaus, nur so konnte der heilige Mann sein, gütig, nicht strafend, und froh nahm ich den Apfel, den er mir reichte.
Jahre später erfuhr ich, wer uns Kinder da beglückt hatte. Es war der älteste Sohn unseres Bäckers aus der Nachbarschaft gewesen, der sich, da er Priester wurde, die passende Kleidung ausgeborgt hatte, um uns Kindern eine Freude in der schweren Nachkriegszeit zu machen.

© Ingrid Herta Drewing

Weihnachtserinnerungen

Die Weihnachtszeit lädt ein zum Träumen.
Sie ruft zurück manch liebes Bild
aus unsrer Kindheit, wundermild :
die Kerzen, Duft von Tannenbäumen,
was traulich in des Hauses Räumen
die Zeit geheimnisvoll erfüllt‘.

Uns schienen lang die kurzen Tage,
bis endlich Heiligabend da,
wenn wir, versammelt und uns nah’,
so froh gestimmt und bar der Klage,
ausruhend von des Alltags Plage,
gefühlt, wie schön die Weihnacht war.

Wir sangen innig alte Weisen,
die allen waren lieb vertraut.
Erst dann ward hoffend nachgeschaut,
was uns beschert, und Freude, leise,
verwandelt’ sich in Jubel laut:
Ein Püppchen! Sieh, ein Zug auf Gleisen!

Wir Kinder, ganz vertieft ins Spielen,
nun waren frei von Nachkriegssorgen,
die Großfamilie ließ uns fühlen,
dass wir in ihrem Schoß geborgen.

© Ingrid Herta Drewing