Archive for the Category Besinnliches

 
 

Zum Jahresende

Des Jahres Tage sind gezählt.
Der Blick zurück lässt Wünsche offen,
gebiert zugleich das stille Hoffen,
dass Glück im neuen Jahr uns wähl‘.

Prognosen gibt es, im Orakel,
da findet mancher seine Sicht.
Noch ahnt er nichts von dem Debakel,
das ihn alsbald nimmt in die Pflicht.

Sylvesterträume in den Lüften;
der Lärm den Dämon dräng’ zurück!
Jedoch in unsren engen Klüften,
dort knüpfen wir uns selbst den Strick.

So vieles, was wir tun, entscheiden,
ist wichtig, zeigt des Lebens Weg.
Die Gier, den Hass gilt ’s zu vermeiden,
die Liebe sei uns Brücke, Steg!

Dann wird vielleicht das nächste Jahr
am Ende für uns wunderbar.

Ingrid Herta Drewing

Zu Sisleys Gemälde „Schnee in Louveciennes“

In einer Gartenmauerflucht,
fast unwirklich, so Schnee verhangen,
mein Auge sich zu ankern sucht.
In der Bildmitte, schwarz betucht,
nimmt es im Fluchtpunkt die Gestalt gefangen.

Sie ist es, die der weißen, sanften Stille
den Hauch von Leben gibt in diesem Bild,
dass man erschaue, wie des Malers Wille,
einsam inmitten dieser Winterfülle,
des Menschen Sehnsucht nach dem Menschen stillt

Ingrid Herta Drewing

Verbunden

Verwoben sind wohl aller Menschen Leben,
die Freud des Einen und des Andern Leid.
Was wir gestalten, wie wir handeln, geben,
verbindet miteinander, prägt die Zeit.

Bereits vergangner Völker sanfte Spuren
betreffen heute noch der Tage Lauf.
Wir glauben zwar, es schlügen nur die Uhren,
die wir hier ziehen eigenhändig auf.

Jedoch uns nährt des Lebens ew’ge Quelle
und viele Wege, die beschritten sind,
erscheinen uns als eine neue Stelle,
so wie ein Sprechender die Sprache find’.

Die Sprache, worin unser Denken schwingt,
wir prägen sie und fügen Deutung zu.
Jedoch in jedem Wort, das uns erklingt,
besingt das Leben auch ein fernes Du.

So wie das Licht der Sterne, die verglühten,
noch immer in den Nächten zu uns dringt,
erleben wir, was lange vor uns blühte,
weil es in dieses Daseins Tiefen schwingt.

Ingrid Herta Drewing

Friedenstraum

Sie fehlen zwar in großer Schar,
doch möchte ich gern glauben,
dass jene Friedenstauben
wohl werden siegen hell und klar.

Wir, die von Liebe träumen,
sind oft selbst lieblos, kalt,
und was wir dann versäumen,
belastet uns sehr bald.

Wer Liebe sucht, muss lieben.
Wer Güte will, der reich’ die Hand,
denn sie erwächst im Üben,
bewusst gefühlt, klar mit Verstand.

Vielleicht wird einst auf Erden
den Menschen Friede sein.
Die Botschaft, dass dies werde,
erstrahlt im Weihnachtsschein.

Ingrid Herta Drewing

Alles fließt

Der Wasserspiegel zittert in der Flasche,
nur weil ein leichter Ruck den Tisch bewegt.
Die Utensilien kauern in der Tasche,
in ihrem Dunkel wie ein Schatz gehegt.

Dies alles sind nur simple Gegenstände,
gefühllos, ohne Leben, doch die Zeit
erfasst auch sie und bringt sie dann behände
in einen andern Zustand, der bereit.

Warum nur ist hier alles so vergänglich,
in stetem Werden, Ende und Beginn.
Wir sind mit unsrem Wissen unzulänglich,
wir suchen, fragen, finden nicht den Sinn.

Ja schon die Alten sagten „Spiel der Zeit“,
das sei der Mensch in seinem Erdenleben,
und glaubten Himmlisches sei ihm bereit,
das Gott ihm könnt’ aus seiner Gnade geben.

Auch ich will ’s glauben, fühle mich beseelt,
will nicht nur Zufall der Materie sein.
Der Funke des Bewusstseins, der hier zählt,
er münde einst in Geistes Feuer ein.

Ingrid Herta DRewing

Spielendes Kind

Vertieft ins Spiel und schöne Kinderträume,
lebt es auf seinem kleinen, hellen Stern.
Das Kind, es kennt noch kein Versäumen,
denn vieles, was uns drängt, liegt ihm so fern.

Es sei denn, dass wir es ins Leben hetzen,
mit allen Hürden, die wir aufgebaut;
ihm seine Freiheit durch die Pflicht verkürzen,
weil unsre Zukunftsangst sich aufgestaut.

Lasst ab von allem modischen Gehabe,
das uns Erwachsne seelisch schon entleibt!
Lasst ihm die Phantasie, der Freiheit Gabe,
damit es stark wird, liebend bei sich bleibt!

Entfalten mag es sich wie eine Blüte,
vom warmen Licht begeistert, Blatt für Blatt;
dann findet, in sich ruhend, es die Güte,
die Gott ihm als Natur verliehen hat.

Ingrid Herta Drewing

Novemberklage

Die Rose ist verblichen,
das süße Lied verklang.
Die Freude ist gewichen,
mein Herz klopft nun so bang.

So grau sind alle Tage,
der klare Himmel fehlt.
Der Sonne stumme Klage
im Nebelmeer verschwelt.

Ich sollt’ es ignorieren –
uns wärmt doch Feuer, Licht –
statt sanft mich einzufrieren
in Trübsal und Verzicht.

Wohl wissend um das Leben,
des Frühlings Wiederkehr,
wehrend den Nebelweben,
trotzend Novembers Mär’.

Dezember wird bald kommen
in weißem Sternenkleid;
der Weihnacht grünes Frommen
vertreibt dann alles Leid.

Ingid Herta Drewing

Musik

Es nimmt ein Lied mich zart gefangen,
entführt in Klänge, Harmonien,
so schwebend leicht wie Wolken ziehen.
Mein Herz, zuvor im Weh befangen,
fühlt sich beschwingt, im Licht erblühend.

Musik mit ihren Zauberhänden
vermag, was sonst nur Liebe kann,
uns zu ergreifen tief, den Bann
zu lösen, Lebensmut zu spenden,
denn sie rührt unsre Seele an.

Ingrid Herta Drewing

Namen

Die Hochs und Tiefs, sie tragen alle Namen
als wären sie Personen, ich und du.
Ob sie willkommen hier bei uns? Sie kamen
stets ungerufen, sind des Klimas Crew.

Sie prägen zwar das Wetter, unsrem Leben
drücken sie leicht den Tagesstempel auf;
ob es wird Sonne, Sturm und Regen geben,
sie folgen der Naturgesetze Lauf.

Warum nur gebt ihr ihnen unsre Namen?
Geeignet wären Buchstabe und Zahl.
Tief 6 in diesem Jahr zieht nun nach Barmen
bringt Stürme, doch Hoch E herrscht am Kanal.

Das Wetter wird sich dadurch ändern nicht,
verwehrt wird nur dem Luftdruck das Gesicht.

Ingrid Herta Drewing

Novembermilde

November, doch die Luft ist weich und mild,
als habe Seide in dem leichten Regen,
der heute fiel, auf bunten Blätterwegen
sich fein verteilt und alles eingehüllt.

Von Süden weht nur eine leichte Brise.
Sie hat die Morgennebel mitgenommen,
und aller Dunst, der gestern trüb, verschwommen
ins Graue führte, wich dem sanften Vliese.

So mag das Wetter lange Zeit noch bleiben.
Ich fühle mich beschwingt und froh beglückt.
Sogar die Rosen neue Knospen treiben,
für kurze Zeit kehrt nun ein Traum zurück.

Ein Traum, der auch im dunklen Winterlicht
mir von des Lebens Wärme lächelnd spricht.

Ingrid Herta Drewing