Erinnern und Vergessen

Sie waschen sich die Asche aus den Haaren,
die sie sich öffentlich auf ’s Haupt gestreut,
zu zeigen, dass man falsche Tat zutiefst bereut,
doch auch um Schuld nicht länger zu bewahren.

Recht schnell füllt man den Tag mit Dur-Akkorden.
Das Leben muss ja weiter gehen, Kind!
Mit Leib und Leid und allen Tränen sind
sie so rhetorisch fertig flugs geworden.

Die Zeit hat Flügel, lässt sehr viel erfahren,
webt mit am Blanko-Buch und am Vergessen,
schreibt stets das Schöne auf, was man besessen.

Und dennoch gibt es Menschen, die nach Jahren
noch immer sich erinnern und bewahren,
was man an Leid ertragen, Schuld ermessen.

©  Ingrid Herta Drewing, 2021

Sonett zu Pfingsten

Nicht Mauer sein, nicht Wall, der alles trennt,
die Tür sein, die in Freiheit, Weite führt,
die Brücke, die verbindet, was getrennt,
ein Mensch sein, den die Nächstenliebe rührt.

Nicht Feuer sein, im Wahn die Welt zerstörend;
doch Frühlingsregen, der die Erde netzt,
sie hegend, auf des Lebens Stimme hörend,
der Sonne gleich, die sie ins Blühen setzt.

Mit wachen Augen durch das Leben gehen
und Fehler nicht nur bei den Andern sehen,
von Eitelkeit geblendet und gehemmt.

Sich nicht im Starrsinn dumpf ums Ego drehen,
versuchen, andre Menschen zu verstehen,
erscheinen sie zunächst auch noch so fremd.

© Foto u.Text: Ingrid Herta Drewing

Bauernregel

„Ist der Mai recht heiß und trocken,
kriegt der Bauer kleine Brocken;
ist er aber feucht und kühl,
gibt es Frucht und Futter viel.“

Wäre ich ein Landwirt, Bauer,
so erfreut‘ ich mich am Schauer,
auch, dass es noch viel zu kühl,
stärkte nur mein Hochgefühl.

Doch zu Pfingsten stimmt ’s mich traurig,
kalt der Lenz und all zu schaurig,.
Und ich wünscht‘, das wär vorbei.
Sonnig zeige sich noch Mai!

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing

Erneuerung

Nun neu erwacht, streckt Frühling seine Glieder.
Das Leben grünt, aus dunklen Furchen bricht;
es keimt in Wald und Feld, drängt hin zum Licht.
Des Feuervogels goldenes Gefieder
verleiht dem Tag das helle Angesicht.

Und in der Frühe singen lieblich wieder
die kleinen Sänger noch vor Sonnen-Sicht.
Vorbei sind Winterstarre und Verzicht!
Ich höre froh der Amsel Liebeslieder,
ein Melodien-Reigen, Ton-Gedicht.

Da mag auch mich nichts Trübes zwingen nieder,
weil Hoffnung nun verheißungsvoll verspricht,
dass uns Corona bald nicht mehr anficht.
Und Düfte der Syringen, weißer Flieder,
verleihen Lebens Leichtigkeit Gewicht.

©  Foto u.Text: Ingrid Herta Drewing

Mai-Impressionen

Heller Mai-Morgen,
des Frühlings Grünen im Park,
die Blütenbilder

Dort an Baches Rand
Sumpfdotterblumen glänzen
und schaukeln im Wind.

Der Amsel Solo
tönt aus dem Taschentuch-Baum,
schwebt in die Weite.

© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing
Wiesbaden, Nerotal, Schwarzbach

Mai im Nerotal*

Das Tal ist hell ergrünt, des Frühlings Segen
wirkt üppig nun der Wiese Blütenbild.
Es spielt der Mai April, schickt Sonne, Regen,
der Pflanzen wachsen lässt, den Schwarzbach füllt.
–
Des Löwenzahnes goldne Sonnen strahlen,
ein kleiner Baum mit Blüten-Tüchern winkt,
als wolle er vor Gänseblümchen prahlen,
wenn dort im Gras auch seine Blüte blinkt.
–
Der Taschentuchbaum darf im Licht erglänzen,
im Park er wohl zu den Exoten zählt.
Natur vermag uns vieles zu kredenzen,
und ihre Schönheit eigne Wege wählt.
–
Ich seh ’s beglückt an diesem Tag im Mai
und fühle trotz Corona mich hier frei.
–
© Fotos u. Text: Ingrid Herta Drewing
–
*Der Park im Nerotal wurde in den Jahren 1897 bis 1898
angelegt. Nach seiner Fertigstellung waren fast 6.000 Pflanzen aus vielen Ländern in der rund sechs Hektar großen Anlage zu finden.
„Verglichen mit anderen Anlagen verfügt das Nerotal über die größte Baumvielfalt.
Hier gedeihen unter anderem der Korkbaum, der Japanische Perlschnurbaum, der Gebirgsmammutbaum, die Chinesische Zaubernuss, der Amerikanische Zürgelbaum und der Taschentuchbaum“ („Stadtgrün in Wiesbaden“, Umwelt-und Kulturdezernat Wiesbaden)

Leben

Das Leben ist ein Schmetterling,
so lind und farbenschön,
ein Spiel, das sich in Zeit verfing,
zeigt’s sich auch als zerbrechlich‘ Ding,
wenn es muss früh vergeh’n.
–
Jedoch, solange Leben währt,
schenkt es das größte Glück.
Trotz Leid viel Freude wird beschert,
und jedem Wesen ist es wert
als eigenes Geschick.
–
© Foto u. Text: Ingrid Herta Drewing,
Kleiner Fuchs auf meinem Balkon

Vögel im Park

Am Warmen Damm ergrünt der Mai
und lässt die Vögel singen.
Doch ist manch’ Misston auch dabei,
der nicht so recht will klingen.

Vom Wipfel hoch in den Platanen
tönt fortwährend Gekrächze.
Die Krähenküken lauthals mahnen
und hungrig fordern, ächzen.

Gar emsig ist der Eltern Mühe,
die Pflicht gut zu erfüllen
Sie fliegen los in aller Frühe,
die Zeternden zu stillen.

Und auch der grüne Papagei
schwirrt keckernd in den Bäumen.
Sein heller Laut, Stakkato-Schrei,
ist kaum hier zu versäumen.

Im Teich schwimmt Mutter Ente schon
mit ihren Küken, leise.
Die Nilgans warnt im Schnatter-Ton
die Jungen vor der Reise.

Inmitten einer Taubenschar
die Gänschen, ganz verwegen
auf Futtersuche; droht Gefahr,
will sie die Henne hegen.

Am Abend kehrt dann Ruhe ein,
und traumhaft hörst du’s klingen.
Nun darf die Amsel wunderfein
ihr schönes Solo singen.

© Fotos u. Text: Ingrid Herta Drewing,
Wiesbaden, Am Warmen Damm

Frühlingsregen

Es fällt ein sanfter Frühlingsregen
und netzt der Erde frisches Grün.
So kann der helle Blütensegen
auch weiterhin im Glanz erblüh’n.
–
Die Vögel, froh gestimmte Sänger,
begrüßen flugs das klare Nass;
im Vogelbad drängt man nicht länger,
Platz gibt es auch am Regenfass.
–
Wir lieben’s trocken, Schirme tragend,
spürn wir die regenfrische Luft.
Der Frühling lächelt; wohl behagend
schenkt er uns seiner Blumen Duft.
–
© Foto u. Gedicht: Ingrid Herta Drewing,
Wiesbaden, Nerotal, Schwarzbach

Vater und Sohn

Einschlafen soll er, mag noch nicht,
möcht’ bei den andern bleiben.
Sein Bruder, dieses Bleichgesicht,
ließ sich noch nicht vertreiben.
–
Und da soll Häuptling große Zeder
ins Bett schon, in die weichen Federn?
Er schleicht sich aus dem Wigwam raus
und kundschaftet nun alles aus.
–
Aha! Erwischt! Sie sehen fern.
Den Film, den sieht er auch recht gern.
Hier hinterm Sessel, gut versteckt,
wird er ganz sicher nicht entdeckt.
–
„Ach, dies Programm ist gar zu öde!
Ich schalt’ es aus, sonst noch verblödet
der Späher hinter meinem Sessel.
Ich werd’ ihn fangen und gleich fesseln.“
–
Der Vater schnappt den Häuptling sich,
trägt ihn ins Bett, schimpft aber nicht,
liest vor von Bären und Schoschonen,
von Menschen, die in Wäldern wohnen.
–
Und langsam holt der Schlaf sie ein,
den Vater und sein Söhnelein.

–
© Text: Ingrid Herta Drewing
Foto: Pixabay