Der Kuss

Ich fühl’ ihn noch, es bebten unsre Lippen,
in deinen Armen liegend, ward mir heiß,
der ersten Liebe Kuss, ein zärtlich Nippen,
und langsam schmolz des Winters starres Eis.

Wir spürten eine Sonne, die uns strahlte,
und waren lieb geborgen in dem Traum,
der Glanz und Glück in unsre Augen malte,
und leise fiel der Schnee, wir merkten ’s kaum.

Seitdem ist sehr viel Zeit ins Land gegangen;
sie trennte uns, wir haben uns verloren,
gereift ein neues Leben angefangen
und liebend andre Partner auserkoren.

Jedoch an diesen Wintertag, den Kuss
muss ich noch heute manchmal lächelnd denken;
mir wurde damals schön und zart bewusst,
was Liebe ist, was sie vermag zu schenken.

Ingrid Herta Drewing

Winterleid

In den erstarrten Schnee
den Fuß gesetzt,
kein Flockenweich
ist mir begegnet,
womit vor kurzem noch
die Landschaft
war so sanft gesegnet.

Fast feindlich
ist des Winters Blick.
Gebeugt, zerbrochen
sind die stolzen Bäume.
Am Wegesrand
liegt Stück für Stück
die Hoffnung
meiner Sommerträume.

Du musst ’s ertragen!
sagt mir mein Verstand.
Dir hilft kein Klagen
und kein trübes Sinnen.
Was hier
ein jähes Ende fand,
verlangt von dir,
neu zu beginnen.

Ingrid Herta Drewing

Venedig im Winter

Der Winterhimmel spiegelt sich türkis
in deinen stillen Wassern der Kanäle.
Ja, Serenissima, es ist, als hieß’
dich nun Natur, dein Märchen zu erzählen.

So sanft und lieblich deine Schönheit, klar,
die dir Touristenmassen sonst fast rauben.
Dein edler Zauber wird zart offenbar,
und nicht nur Canaletto würd‘ das glauben.

So oft schon totgesagt, dem Meer ergeben,
erstrahlst du hell in Anmut ferner Jahre,
Jahrhunderte erzählen hier dein Leben;
noch immer trägst du Gold in deinen Haaren.

Bist alt, jedoch dein edles Angesicht
ist mir an diesem Wintertag Gedicht.

Ingrid Herta Drewing

Erwartung

So wie der Apfelkern in dem Gehäuse
sanft reift, für jenen fernen Tag bestellt,
an dem er mit der Frucht, sich lösend, leise
vom Zweige nieder auf die Erde fällt.

So wartest du auch hier auf ein Gelingen
der Pläne, Taten und des Lebens dein,
bis dann dein schlummernd’ Lied beginnt zu singen,
und klingt, hört auf, nur vage Traum zu sein.

Begleitet wohl von einem tiefen Glauben
und Hoffen, dass dich segne Gottes Hand,
beschützen werde, und die Friedenstauben
auch weiterhin hier weilen in dem Land.

Denn dort, wo Liebe in der Welt regiert,
gedeihen Früchte, die man nicht verliert.

Ingrid Herta Drewing

Der Rabe

Ein Rabe, glänzend schwarz war sein Gefieder,
der ließ sich gestern hier im frischen Schnee
gemütlich auf der Balustrade nieder
und blickte still auf den vereisten See.

Stumm saß er da, als sei er nur Skulptur,
zu zieren hier apart den schönen Garten.
Jedoch, dann plötzlich, so als schlüg’ die Uhr,
begann er, krächzend laut ein Lied zu starten.

Und schon war aller Zauber jäh verflogen,
der Rabe tat ’s ihm nach, verschwand sehr bald.
Ich weiß nicht, was es war, das ihn bewogen,
so rasch zu fliegen in den nahen Wald.

Vereinsamt liegt nun da die Balustrade,
im Schnee kein Rabenschwarz,ich find’ es schade.

Ingrid Herta Drewing

Im Dom

Andächtig, still in Gottes heil’gem Hause
stehst du, und tiefe Ehrfurcht dich erfasst.
Des Doms Gewölbe und der Orgel Brausen
empfangen dich, befreit von aller Last.

Hier haben Menschen, fromm in ihrem Glauben,
Jahrtausende gebaut, und Gottvertrauen,
das ihnen konnten Feuer, Krieg nicht rauben,
darfst nun auch du empfinden und erschauen.

Als Glied in der Gemeinschaft großer Kette,
der Liebe Christi ganz anheim gegeben,
damit er auch dich armen Sünder rette,
dich führend in ein Gott gefällig Leben.

Bekennst dich gern erneut, dass du als Christ
getauft und auf dem Weg des Glaubens bist.

Ingrid Herta Drewing

Sprüche

Wer die Uhr anhält. Der stoppt noch nicht die Zeit.

Zwischen Ahnen und Wissen gibt es einen großen Unterschied,
und der heißt HOFFUNG.

Wenn dein Leben zu bunt wird, brauchst du klare Konturen.

Wenn dir die Puste ausgeht, wird es Zeit, zu atmen.

Man muss nicht in jeden Tümpel springen,
um das Schwimmen zu lernen.

Die Sonne im Herzen bringt Licht in den grauen Tag.

Ingrid Herta Drewing

Alte Liebe

Des Meeres Weite, weiß der Strand,
darüber blauer Himmel thront,
und wir gemeinsam, Hand in Hand
von diesem schönen Tag belohnt.

Unwirklich, eine Welt zum Träumen,
die lieblich uns willkommen hieß.
Wir gingen unter Palmenbäumen
und fühlten uns im Paradies.

Du schaust auf ’s Foto an der Wand,
erinnerst dich an jene Jahre;
und zärtlich streichelt deine Hand
mir über meine grauen Haare.

Wir sehen in der Phantasie
noch jeden Ort der Hochzeitsreise,
und die vertraute Melodie
der Liebe singt auf ihre Weise.

Ingrid Herta Drewing

Danksagung

Ich danke dir, Gott,
hast mir Leben gegeben,
dazu das Bewusstsein.
Ich bin nicht allein.
Im irdischen Streben,
im liebenden Schweben
fühl’ ich dieses Glück,
als Mensch hier zu sein.

Denn wär’ ich ein Stein,
ich hätte kein Herz,
empfände kein Sein
und auch keinen Schmerz.
Zwar würd’ ich steinalt,
doch ohne zu leben,
was sollt’ mir das geben?
Wär’ arg hart und kalt,
würd’, ohne zu zittern,
ganz langsam
verwittern.

Ingrid Herta Drewing

Rechtzeitig

Was lebt, das sucht sich seine Zeit
und auch den Ort für seine Weile.
Wir Menschen, meistens nicht gescheit,
uns jagt des Tages Eitelkeit,
sind oft bedenkenlos in Eile.

Obwohl wir es doch wissen sollten,
dass alles, was so rasch entsteht,
noch eh’ es etwas hat gegolten,
längst als vergangen wird gescholten
und schnell im Tageslicht vergeht.

Nur was solide wird gebaut,
was wir gehegt und treu erschaut,
das wird uns auch beglücken.
Mag ’s auch die Zeit entrücken,
es bleibt uns innig lieb vertraut.

Ingrid Herta Drewing