Archive for the Category Besinnliches

 
 

Melancholie

Bleischwer die Schwingen,
wagst nicht mehr
zu fliegen,
verbringst die Tage
nur im stillen Nest.
Was auf mich wirkt,
wie eine stumme Klage,
das zelebrierst du
wie dein letztes Fest.
Ein Fest
für einen Gast allein.
Im Spiegel
grüßt du ihn
nur kurz zurück,
dass dir nicht graut
vor dem Medusenblick,
den du erschaut,
und wirst zu Stein.

Ingrid Herta Drewing

Rückblick

Dein Haar gelichtet, ja nun bist du alt.
Dir scheint’s, als sei das plötzlich so gekommen.
Der Ruf, der dir ertönte, stets verhallt’,
du hörtest nicht, obwohl du ihn vernommen.

Nun stehst du hier vor deines Lebens Ende.
Verwundert immer noch die Blicke streifen;
erwartungsvoll hältst du die bleichen Hände,
versuchst dies Erdenleben zu begreifen.

Und fühlst die Fülle der vergangnen Jahre,
geprägt von Freud und Leid und auch dem wahren
Bemühen, aufrecht deinen Weg zu gehen.

Erinnernd siehst du froh, jetzt auch im Klaren,
dass die erkämpften Siege, jene raren,
dir halfen, dieses Leben zu bestehen.

Ingrid Herta Drewing

Blick aus dem Fenster

Ein kühler Tag, auf dessen blauer Bühne
der Wind verwegen mit dem Rauche spielt,
der zart gekräuselt steigt aus den Kaminen
und weiß in Tanzfiguren Sonne fühlt.

Sie steigen, neigen, wirbeln sich im Kreise
und schrauben hoch und höher Pirouetten,
um bald darauf in wundersamer Weise
sich leicht zu lösen von der Wirkungsstätte.

Verlieren sanft sich in des Himmels Höhe,
ein Wölkchen schwebt noch hell im Mittagslicht,
das schließlich auch entwächst des Blickes Spähen,
wenn Wind es trägt aus der begrenzten Sicht.

Was immer auch verlässt der Bühne Ort,
es wirkt gewiss an andrer Stelle fort.

Ingrid Herta Drewing

Ermunterung

Schon greifen grob des Winters kalte Hände
den herbstgetönten Weiden in das Haar,
und legen Nebel, Raureif ins Gelände,
die Straßen glatt; die Nacht so sternenklar.

Zu früh, fühl’ ich, naht dieses kühle Streben.
Ich sehne mich nach Farben, Sonnenschein;
drum lade ich mir jetzt ins graue Leben
ein Blütenlied und bunte Kerzen ein.

Lass’ zarte Weisen mir hier schön erklingen;
die Melodie, sie wärmt und animiert.
Beglückt beginnt mein müdes Herz zu singen
ein Freudenlied, das fröhlich triumphiert.

So trotze ich den Wetterkapriolen
und werde mich von Kälte, Stress erholen.

Ingrid Herta Drewing

Aktienanstieg

Wenn das Wirtschaftswachstum steigt,
dies der Aktien-Index zeigt.
Auch wird Wachstum gern beschworen,
wenn viel’ Arbeitsplätz’ verloren.

Doch auch wenn die Aktien steigen,
sind am Arbeitshimmel Geigen
oft nur Traumgespinste, Hoffen,
Arbeitsplätze sind nicht offen.

Denn durch Rationalisieren,
Kapital zu investieren
in Maschinen bringt Gewinn
nach der Aktionäre Sinn.

Und beim Aufstieg man am End’
von „Ballast“ sich dabei trennt.
Wenn der vormals noch so wichtig,
jetzt erscheint dies null und nichtig.

Man holt ’s Messer zum Verkürzen,
so als „Schutz“ vor eignem Stürzen.

Jahreszeiten

Wie schön ist es, in einem Land zu leben,
das täglich zeigt die Vielfalt der Natur,
im Jahreszeitenwechsel dies Erbeben,
Veränderungen zeichnen sanfte Spur.

Ja jede Jahreszeit hat eigne Klänge,
so auch Gerüche, die dir wohl vertraut,
wie sich die Luft anfühlt, des Winds Gesänge,
des Sonnenbogens Höhe, die erschaut.

Da wandeln sich der Weltenbühne Bilder.
Nach kaltem, weißem Winter darfst du sehen
und fühlen, wie im Frühling, der nun milder,
fast paradiesisch, Blüten neu entstehen.

Dem zarten Lenz folgt Sommers pralles Leben.
Das Land, es flimmert in der Hitze Glut.
Jedoch in Sternennächten möcht’ man schweben,
auch tut am Tag ein Bad im See so gut.

Und kommt der Herbst, schenkt Früchte, Drachenspiele,
ein Farbenfeuerwerk er wild entfacht;
lässt uns des Lebens Schönheit nah erfühlen,
bevor Natur ruht sanft in Nebelnacht.

Wir fahren mit im Kreislauf dieses Lebens,
sind wache Zeugen einer Schöpfungsmacht,
die Werden und Vergehen nicht vergebens
lässt leben, leuchten auf in All und Nacht.

Ingrid Herta Drewing

Ballast

So vieles, was du angehäuft im Leben,
erweist sich später doch nur als Ballast,
den du dir selbst zu hüten aufgegeben,
dieweil der Hoffnung eigentliches Streben
nicht leuchten kann, erstickt, verblasst.

Unzählige Erinnerungen hängen
an jedem Ding und binden, wohl verborgen,
dich an Verlorenes, Gefühle, Zwänge,
entwickeln schleichend sich zur Enge,
beschäftigen dein mühevolles Sorgen.

Jedoch zum Atmen brauchst du freien Raum.
Der Blick nach vorn erfordert freie Sicht.
Die Zukunft soll dir malen deinen Traum,
im Wipfel wohnend dort im Lebensbaum,
du findest im Vergangenen sie nicht.

Wag neue Schritte, sei darin beständig!
Dies’ “Stirb und Werde“ macht dich erst lebendig.

Ingrid Herta Drewing

Spätherbstnähe

Nun wird der Nachtfrost bald die Blumen töten,
die in der Sonne Licht noch zart erblüht’,
auch wenn die Tage sich des Abends röten,
sind Sommer, Herbstes Feuer schon verglüht.

November wird das Sonnengold verschließen
und spinnt es in den Nebelweben ein.
Im Innenraum die Wärme wir genießen
und richten uns auf sanfte Stille ein.

Beschaulich möchte ich den Tag begehen,
wenn weithin Trübe herrscht und Regen fällt.
Darf ich dann liebe Menschen um mich sehen,
stört mich kein Nebeltag auf dieser Welt.

Erscheint uns vieles doch, wie wir ’s gestalten,
da mag auch tristes Wetter draußen walten.

Ingrid Herta Drewing

Efeublüte

Jetzt, spät im Jahr, der Efeu blüht,
ist der Insekten wahre Wonne,
die tausendfach hier sind bemüht,
zu nähren sich in Herbstessonne.

Da wuselt, schwirrt es, auch das Summen
der Bienchen lässt sich sehr gut hören,
die dort ganz fleißig mit den Hummeln
den letzten Honigtraum beschwören.

Wie gut ist alles eingerichtet,
die Blütenfolge der Natur!
Auch Schmetterlinge hier im Lichte
sind auf des Nektars süßer Spur.

Noch darf in diesen Abschiedstagen
das Leben sich im Glanze zeigen,
bevor des Spätherbsts Nebelklagen
dann lassen Tanz und Geigen schweigen.

Ingrid Herta Drewing

Zeitgefühl

Die Zeit verrinnt, wer möchte das bestreiten?
Die Feststellung erweist sich als banal;
und dennoch gibt ’s im Leben oftmals Zeiten,
da schmerzt der Tatbestand und wird zur Qual.

Siehst du im Alter deine Jahre schwinden,
die Kräfte auch, das Leben stiller wird,
dann möchtest du wohl gern den Zeiger binden,
der im Sekundentakt zu schnell dir schwirrt.

Doch manchmal, wenn wir glücklich innehalten,
scheint uns der Augenblick auch still zu stehen.
Des Lebens Schönheit darf sich uns entfalten;
wir haben kurz ins Paradies gesehen.

Begreifen, dass das Ende ist Beginn,
was erst absurd erscheint, hat seinen Sinn.