Maiabend

Ein Maientag geht nun zu Ende.
Die Blüten schließen sich zur Ruh,
damit der Nachtfrost im Gelände
sie nicht zerstört in einem Nu.

Die Sonne schickt noch milden Schein,
lugt halb dort überm Dach hervor
und Schatten wachsen, fangen ein
was sich der Tag so hell erkor.

Nun da die Vögel sind im Nest,
die ersten Sterne funkeln,
zünd’ ich an für des Abends Rest
mein Windlicht hier im Dunkeln.

Genieße diese Abendstille,
sanft ist der Glocken Klang verhallt,
und freue mich an Frühlings Fülle,
die duftend aus dem Garten wallt.

Ingrid Herta Drewing

Der Fuchs und der Wolf

Ein alter Fuchs, der sehr gewitzt,
stahl eine Gans, war weggeflitzt,
weil Menschen ihn verfolgten, suchten,
ihn laut beschimpften und verfluchten.
„Wo kann ich mich denn nur verstecken,
damit sie mich nicht noch entdecken?“,
so fragte er sich, fand es schlimm,
er traf im Walde Isegrimm.

Der Wolf, der starrte auf die Beute,
die ja der Fuchs noch bei sich trug,
und dachte: “Ich bin stark und klug,
ich werd’ sie bringen meiner Meute.“
„Kannst du mir etwas geben ab,
ich werd ’s dir lohnen nicht zu knapp?“,
so bat er heuchelnd, brav den Fuchs.
Doch dieser aus dem Busche luchst’
und sagte: “Ja, du sollst was haben;
nur können wir uns erst dran laben,
wenn ganz gerupft das Federvieh.
Ruh’ dich nur aus, ich zupfe sie!“

Der Wolf, der keinen Argwohn hegte,
sich vor den Busch zur Ruhe legte.
Der Fuchs begann sein Federlesen,
warf vor den Wolf sie, man konnt’ lesen,
dass er die Gans gefressen hätte,
die Federn wählt’ zum Schlummerbette.
Der Fuchs entschwand schnell in sein Reich
und labte sich am Gänsefleisch.

Und bald kam der Verfolger Schar.
Als sie den Wolf so liegen sah,
da glaubten sie, er sei der Dieb,
verpassten ihm manch harten Hieb.
Der Wolf, der endlich konnte fliehen,
wollt’ gerne in den Kampf noch ziehen,
war wütend auf den Fuchs, den alten,
weil er zum Narren ihn gehalten.
Jedoch ihn schmerzten noch die Schläge,
drum ging er heim, um sich zu pflegen.

Ja, will man andre legen rein,
muss man wohl schlauer als sie sein.

Ingrid Herta Drewing

Maimacht

Es grünt so hoffnungsfroh der Mai.
Der Blütenkerzen Lichter
erleuchten den Kastanienbaum
in der Allee, ein weißer Traum
und rosige Gesichter.

Es singt so wunderhell der Mai.
Der Vögel süße Lieder
erklingen, hellen auf den Tag.
Der Amsel Flötenlied, ich mag
es hören immer wieder.

Berauschend duftet er der Mai.
Das Potpourri der Düfte
umschmeichelt und betört die Sinne.
Ein Hauch von zärtlich süßer Minne
schwebt lieblich durch die Lüfte.

Ingrid Herta Drewing

Kastanie

Noch hängen der Kastanie junge Blätter
gleich ungeübten Flügeln schlaff am Ast,
wo nun befreit von Winters weißer Last
zart knospend Glanz in Blütenkerzen klettert
und Frühling sehnend in den Himmel fasst.

Wenn dann im Mai die Sonne golden malt,
streckt weit sie ihre grünen Blätterhände,
millionenfach, man glaubt, es nehm’ kein Ende,
zum Himmelslicht, und in den Kerzen strahlt
ihr Frühlingsgruß, den sie uns zärtlich sendet.

Dann leuchtet ’s wieder hell in den Alleen.
In lindem Grün grüßt hoffnungsvoll die Stadt,
und auch das Schwanenpaar, dort auf dem See,
so majestätisch schön im Pas de Deux
auf der Kastanie Bühne Heimat hat.

Ingrid Herta Drewing

Maienlied

Das Maiengrün, der Zauber erster Liebe,
in einem Frühlingswald so lind erwacht,
als ob hier Elfen ihre Lieder schrieben,
mit Liebe, Anmut, Zärtlichkeit bedacht.

Auch Sommers Glut, des Herbstes Flammenfarben,
sie malen sich in der Erinn’rung Bild.
Die Träume, die in Winters Stille starben,
sie wachen auf in jedem Frühling, mild.

Sie wirken hier in wundervollen Kreisen,
und sanft erfüllen darf sie die Natur.
Wir folgen dieser Schöpfung, die so weise
auch unsrem Leben schenkt die lichte Spur.

Und hegen dieses Glück mit allen Sinnen;
im Spiel der Zeit ein stetes neu’ Beginnen.

Ingrid Herta Drewing

Pyrenäen-Impressionen

Sanft erstes Licht die Berge talwärts fließt,
lässt sie erhellt im Morgengolde schimmern,
Das Leben neu erwacht und sich ergießt
in eines warmen Frühlingstages Flimmern.

Leicht dort im Aufwind fliegen Kranichscharen
nach kurzer Rast in Richtung Norden hin,
sie lassen hoch sich über Berge tragen
und folgen jubelnd ihrem Heimatsinn.

Doch sesshaft jene Bienenfresser bleiben,
am Steilhang Röhren bauend überm Fluss
für ihre Brut; doch Nattern Schläue zeigen,
sie winden sich hinab zum Ei-Genuss.

Und ganz hoch oben Gänsegeier kreisen,
als Todeserben, die im Leben reisen.

Ingrid Herta Drewing

Frühlingsmorgen am See

Ein Nebellied, still ruhend liegt der See.
Der Wind, er fächelt, flüstert in den Bäumen;
und rosig, lugend über Berges Höh’,
mag Sonne lächelnd nun den Tag erträumen.

Die Wiese ward von Tau zart wach geküsst,
es glitzern, funkeln schillernd viele Perlen.
Das Vogelvolk, das freudig zwitschert, ist
geflogen in die Wipfel grüner Erlen.

Und bald erfüllt der Sonne goldnes Strahlen
das Tal, in lichtem Blau blinkt auf der See,
des Himmels Spiegel; nur zwei Wölkchen malen
sich zärtlich in das Bild, so weiß wie Schnee.

Andächtig stehst du, fühlst mit allen Sinnen
des Frühlingstages liebliches Beginnen.

Ingrid Herta Drewing

Löwenzahn II

Da fliegst du hin, du zartes Schirmgebilde.
Es trägt dich in die Weite sanft der Wind.
Wer weiß, wo auf dich warten die Gefilde,
die für dein Pflanzenleben günstig sind?

Mag sein, du landest in des Rinnsteins Ritze
und musst im Gossenwasser noch bestehen,
und schaffst es dennoch, in des Sommers Hitze
als goldne Blume sonnig aufzugehen.

Vielleicht verschlägt ’s dich ins Gemüsebeet,
versuchst dort zwischen Kohlköpfen zu leben.
Man hat dich sicher sehr schnell ausgespäht,
als Unkraut deklariert, vorbei dein Streben.

Doch wenn das Glück dich bringt in eine Wiese,
wo sommers fröhlich kleine Kinder spielen,
dann wirst ein Kränzchen du für Liv und Liese,
und darfst dich auch als Pusteblume fühlen.

Ingrid Herta Drewing

Amseln in der Efeuwand

Husch, husch im grünen Efeubusch
springt eine Amsel hin und her,
verkriecht sich dort; in einem Wusch
hüpft eine zweite hinterher.

Wie Kinder, die Verstecken spielen!
Schon lauert eine, schaut heraus,
um aus der Blätterwand zu schielen.
Den gelben Schnabel mach ich aus.

Ich merk’ es; wo sie sich bewegen,
da wackeln Blätter plötzlich wild,
obwohl kein Wind ist hier zugegen.
Ihr Suchen wohl Insekten gilt.

Und plötzlich, wie auf ein Kommando
sie stieben hoch hinauf auf ’s Dach.
Der Amselhahn probt ritardando
und legt dann presto flötend nach.

Mich freut der Vögel muntres Treiben.
Es lässt nun schön den Tag anklingen.
So mag es hier noch lange bleiben
dies‘ Frühlingsblühen, lieblich Singen.

Ingrid Herta Drewing

Blumenfreude

Der Margeriten Sterngesichter,
sie leuchten hell im Wiesengrün
und grüßen, blühende Gelichter,
uns, die wir hier vorüber ziehn.

Und ihre kleinen Schwestern sprießen
selbst noch auf trocknem, kargen Land,
die Gänseblümchen, Bellis hießen
wir besser sie, die schön bekannt.

Ich pflücke keine Blumen, schaue
mir lieber ihre Schönheit an,
wie sie im Feld und auf der Aue
uns doch so froh beglücken kann.

Ingrid Herta Drewing