Lüftel-Tanz

Weißes Federchen
fliegt leicht im Winde dahin,
Vogelgruß.

Und Silberfäden
schweben glitzernd durch die Luft.
Altweibersommer.

Hell strahlt die Sonne,
aber der Krähen Krächzen
erinnert an Herbst.

© Ingrid Herta Drewing

Austauschbar

Ach, austauschbar, wie aus der Welt der Dinge
ist wohl so manchem heut’ der Mensch geworden;
verbunden nur noch mit des Fetischs Schlinge,
Erinnerungen, die die Liebe morden.

Verplant, verdingt, wird keine Zukunft lächeln,
denn todesstarr ist schon die Gegenwart
verurteilt, in den matten Tag zu röcheln.
Es grüßt die dumpfe List, spitzt auf den Start,

wenn man sich nüchtern neuer Eh’ verschrieben
und glaubt, das Leben in sich wach zu halten,
indem man fern von Freude, wahrem Lieben
noch tröge aufbewahrt des Wahns Gestalten.

© Ingrid Herta Drewing

(Kommentargedicht zu René Oberholzers Gedicht „ Leihgabe“)

Naturnähe

Wie gut, dass wir hier hautnah noch erleben,
empfinden können alle Jahreszeiten,
dass uns Natur im Umfeld ist gegeben
und nicht nur virtuell im Bildschirmgleiten!

Dass es noch Häuser gibt, wo man die Fenster
weit öffnen kann, die frische Luft dort spürend,
und sich so nicht geschäftigen Gespenstern
ganz überlässt, das Leben uns filtrierend!

Noch ist der Mensch ein Wesen, das Natur
in Nähe braucht und nicht nur die Maschinen,
die ihm als Dinge täglich nützlich dienen
und doch auch führen in des Fremdseins Spur.

Wir mögen die Natur mit ihrem Flunkern,
verabscheuen ein Leben, grau, in Bunkern.

© Ingrid Herta Drewing

Herbstlich

Am Stadtrand lungern hungrig schon die Krähen.
Sie tragen Herbst in ihren schwarzen Schwingen
und krächzen auf Platanen in der Nähe,
wo sonst die Amsel zelebriert’ ihr Singen.

Der Morgennebel, dicht, weitet die Dauer
hier fast bis hin zum frühen Mittag aus.
Müd’ blickt die Sonne über Wolkenmauern,
wirft fahles Licht auf das verlass’ne Haus.

Hier, wo im Sommer Glanz der hellen Farben
den Garten leuchten ließ, Musik erklang,
zog grau die Stille ein; die Pflanzen darben.
Es währt die grüne Zeit nun nicht mehr lang.

Dann werden hier des Herbstes Stürme brausen
und Blätter tanzen auf dem Dach des Hauses.

© Ingrid Herta Drewing

Sommers Jause

Ein Hauch von Herbst liegt über diesem Tag,
der grau und kühl hier in die Gegend blickt.
Vor kurzem noch von Sonne froh beglückt,
weiß man nicht, was man davon halten mag.

Vielleicht ist es ein Intermezzo nur,
und Sommer gönnt sich eine kleine Pause,
sitzt mit dem Frühherbst still bei einer Jause,
genießt geruhsam Wolkensahne pur.

Und kommt dann wieder, um beim Abschiedsfest
noch einmal sonnig golden zu erstrahlen,
bis sich der junge Herbst bunt sehen lässt,
hier herrscht, mit seinen Feuerfarben prahlend.

Wie hier das Wetter nun auch kommen mag,
wir müssen ’s nehmen, ändern nichts daran.
Jedoch auch wir gestalten unsren Tag
und ziehen ihm die Festtagskleider an.

© Ingrid Herta Drewing

Stängelenzian im Supermarkt

Der blaue Stängelenzian
hat Sehnsucht nach den Bergen.
Aus seinem Topf sieht er mich an,
als könnt’ er ’s nicht verbergen,

dass ihm die Art zuwider läuft,
wie er ward hier verpflanzt,
wo man im Wasser ihn ersäuft,
das da im Topfe tanzt.

Er fühlt sich sehr exotisch hier,
will heim in seine Höhe,
ins Alpenland, der Berge Zier.
Dort mag er blau bestehen.

© Ingrid Herta Drewing

Schmetterlingspaar

Kohlweißlinge, wie Kirschenblüten zart,
sie tanzen hier zu zweit im Sonnenlicht.
Anmutig, lieblich, wie es ihre Art,
umschwirren sie als Paar einander dicht.

Gemeinsam, selbst verloren, leichthin schwebend,
als gebe es sonst gar nichts, was sie hält,
im Pas de Deux, ein Schwingen, licht belebend
die kleine Bühne dieser Gartenwelt.

So fern der Furcht vor jeglichen Gefahren
lässt Liebe hier auf Erden Wesen sein,
wenn sie einander zugetan als Paare.
Im siebten Himmel singen sie allein.

Vergessen dabei Zeit und Todes Spur,
erlegen diesem Zauber der Natur.

© Ingrid Herta Drewing

Modern dichten

Gemeißelt die Worte, kryptisch, hermetisch,
so solltest du dichten, das nennt man modern;
nicht klangvoll reimend, in Versen poetisch,
Metaphern wählend mit lösbarem Kern !

Wer diesem Rat folgt, beginnt schnell zu drechseln,
geht steif auf Stelzen sprachlich spazieren,
mag fälschlich vielleicht das mit Dichten verwechseln
und sich im Chiffrendickicht verlieren.

Die Poesie, sie wählt ihre Worte,
die Bilder, die Klänge, ihr eigenes Licht.
Nur was authentisch, nicht hölzern verwortet,
trägt sie nach Hause mit hellem Gesicht.

© Ingrid Herta Drewing

Weinzeit

Eine Flasche, fest verschlossen,
Wein sehr lang im Keller lag,
denn er sollte erst genossen
werden an besond’rem Tag.

So vergingen zwanzig Jahre;
endlich holt’ man ihn herauf
und entkorkte, hofft’, dass klare
Blume steig’ im Glase auf.

Doch der Wein, vom Warten sauer,
zeigte sich als Essig nun.
Ja, nicht alles, was lang’ dauert,
hat mit Güte auch zu tun.

© Ingrid Herta Drewing

Romantischer Abend am Fluss

Es strömt der Fluss dahin,
als sei er Licht verbandelt,
errötend hier im Abendsonnenschein.
Geschäftig, nüchtern sonst,
nun zauberzart verwandelt,
lädt er die Liebenden im Boote ein.

Erfüllt den Inseltraum;
die goldnen Wellen tragen
in sanftem Wiegen sie zur stillen Bucht.
Das Boot im Gräserflaum,
ein wohliges Behagen
in dieser Landschaft segnet ihre Flucht.

Vom Lärm der Stadt entfernt;
nur noch ein Plätschern, leise,
der Wassernixen sanftes Abendlied,
bis dunkelblau, besternt,
mit Silbermondes Weise
die Sommernacht den Zaubervorhang zieht.

© Ingrid Herta Drewing