Erkenntnis

Ich weiß nicht, ob es Liebe war,
was mir im Herzen schwebte.
Ich fühlte nur, wie wunderbar
es mich erfasst’, belebte.

Geschenkt ward mir ein  neuer Blick,
ließ vieles mich verstehen,
und was ich sonst stolz wies zurück,
das durfte nun geschehen.

Die Blütenträume wurden wahr,
es duftete im Garten.
Die Welt, sie schien so hell und klar
im Sonnenschein zu warten.

Der Sommer brachte Wärme, Frucht,
doch abends lange Schatten.
Es sprach die Zeit von Furcht und Flucht,
und Leid ließ mich ermatten.

Dann war es wohl der Schwalben Sinn,
nach Süden wegzuzieh’n.
Es kam der Herbst, es welkte hin
die Hoffnung mit dem Grün.

Ich weiß nicht, ob es Liebe war,
was mir im Herzen schwebte.
Jedoch ist mir nun offenbar,
dass ich da wirklich lebte.

© Ingrid Herta Drewing

Vom Dichten

Für wen? Warum nur willst du schreiben?
Ist es doch Spiel nur mit dem Wort.
Du könntest dir die Zeit vertreiben
mit bess’rem Ziel, am andern Ort.

Sagst du und weißt nichts von dem Glück,
das mir beim Dichten hell erblüht,
wenn Bilder melden sich zurück.
und Vers an Vers im Klang erglüht

Ich suche nicht, die Worte sprießen,
es stürmen Reime auf mich ein,
wenn ein Gedicht beginnt zu fließen,
in Worten lebt sein eignes Sein.

Dann ist mir, als ob neues Leben
sein Lied mir in die Seele singt,
um mir hier Zeit und Raum zu geben,
und wie Musik in sanftem Schweben
ergreift mich Freude, wenn’ gelingt.

Ingrid Herta Drewing

Leben

Es liegt im Wachsen etwas Wunderbares,
wie sich ein Keimling in das Werden fügt,
sich einreiht jede Zelle, etwas Klares,
das auch dem großen Ganzen dann genügt.

Als habe es geheimen Ruf vernommen,
so folgt das Leben leise, drängt zum Licht,
und plötzlich ist es da, wirkt so vollkommen,
zeigt hier im Dasein schön sein Angesicht.

Zwar wissen wir heut’ viel von der Natur,
verfolgen analytisch ihre Spur,
um möglichst auch Erkenntnis zu erlangen.

Jedoch sind wir ein Teil des Lebens nur
und zogen sie nicht auf, die große Uhr.
Wir dürfen es nur demütig empfangen.

Ingid Herta Drewing

Regen

Da steht der bunte, kleine Schirm
und wartet auf die Sonne,
kann nicht entfalten seinen Zwirn,
denn nur die Regentonne
wird heut’ beglückt, es fällt der Regen
und hält sie klingend munter.
Den Gärtner freut der nasse Segen,
der tropfend fällt herunter.

Und auch die Vögel sind entzückt,
erfreuen sich am Bade,
das hier im Regen sie beglückt
als Dachfirst-Duschparade.
Sie lassen hell ihr Lied erklingen
im Blätterrausch der Bäume,
die nun als grüne Träume
erfrischt in leichtem Winde schwingen.

Ingrid Herta Drewing

Zurückgezogen

Dass du noch lebst, lässt wirklich mich erstaunen.
Es schlägt dein Herz so langsam nur im Takt,
als folge es jetzt eines Traumes Laune
und wäre sanft in Watte eingepackt.

Als rührten hier nun alle Sensationen
dich nicht mehr; sanft in weichen Schnee gehüllt,
im Winterschlaf vermeidend die Aktionen,
dass nichts, wie sonst, vor Freude überquillt.

Doch du bist wach, nimmst diese Welt wohl wahr;
dein blauer Blick erschaut hier alles klar,
und dennoch wahrst du auch Distanz zum Leben.

In deiner Einsamkeit, die keiner sah,
bist du gedanklich aber vielem nah
und lächelnd auch bereit, dich hinzugeben.

Ingrid Herta Drewing

Mein Hund

Ich hatte, als ich Kind war, einen Dackel.
Recht eigenwillig war der kleine Hund,
wenn er was wollte, gab es kein Gefackel,
und manches Mal trieb er es all zu bunt.

Mein Dackelchen, das hatte lange Haare
und treue Mandelaugen, dunkelbraun.
Es grenzte schon ans Wunderbare,
was er erreichte durch sein liebes Schauen.

Wir beide tollten munter durch die Wälder
und durch die Wiesen, viele Jahre lang,
vorbei an Gärten, über Stoppelfelder.
Mit meinem Dackel war mir niemals bang.

Denn er war treu, wich mir nicht von der Seite;
und als ich einmal viele Tage krank,
saß er am Bett und suchte nicht das Weite,
sah mich lieb an, als gelte mir sei Dank.

Und als ihn, hoch betagt, der Tod genommen,
verschwamm in Tränen meiner Kindheit Licht.
Mein treuer Hund würd’ nie mehr zu mir kommen.
Ich sollte tapfer sein, doch konnt’ ich’s nicht.

Ingrid Herta Drewing

Ohne Warum

Wäre ich eine Rose,
blühend im Sommerrot,
schützten mich
Sonne und Regen,
nähmen drohende Not.

Käme ein Schmetterling,
wäre zu Gast,
frei aller Last,
sanft in des Mittags Licht
zartes Blütengesicht.

Und keine Hast
würde mein Leben ergreifen.
Ohne Warum
würde ich wachsen
und reifen.

Ingrid Herta Drewing

Wolkengleich

So flüchtig wie die Wolke ist das Leben.
Noch eben schwebend hoch in Himmels Blau,
türmt sie sich auf, Gewitter wird es geben,
was vordem weiß, verschwindet ganz im Grau.

Sich dann im Hagel, Regen zu verschwenden,
bis wieder Sonne hell am Himmel bleckt,
und in den Wassern sich zur Erde wendend,
vielleicht im Regenbogen noch entdeckt.

So wandelt alles sich in stetem Werden
und Enden, hier im Kreislauf der Natur.
Auch wir sind doch nur Gäste hier auf Erden
und hinterlassen unsre kleine Spur.

Ingrid Herta Drewing

Glaubensfrage (An G.B.)

Glaubst du ernsthaft, dass es nur die Leere gibt
und das Ich, gezeichnet, nur sein Leben schreibt,
dass uns wirklich niemand außer uns auch liebt
dass von uns einmal nur graue Asche bleibt?

So wie alle Sterne, die verglühen,
noch nach Jahren Licht ins All aussenden,
mögen wir in unserem Bemühen
unsre Tage leben und verschwenden?

Ist dies alles wirklich nur ein kurzes Spiel:
Leben, Liebe, Leiden, Nehmen, Geben,
wir unkundig, ohne Wissen, Weg und Ziel
tausendfach uns in der Welt verwebend?

Nein, ich glaube, dass uns Gottes Gnade, Geist
seinen Weg in Jesus Christus liebend weist.

Ingrid Herta Drewing

Alte Bäume

Es tragen die alten Bäume
in ihrem zerfurchten Gesicht
vergangener Zeiten Träume
von weiten, hellen Räumen
und Tagen in goldenem Licht.

Der flirrenden Sommer Grünen,
das Herbstrot, ein Flammenmeer,
der Schnee auf Winterbühnen,
berauschendes Frühlingssühnen
irrlichtern noch immer umher.

Und manchmal hörst du es raunen,
dann flüstern die Wipfel leise:
„Vergiss deine Hast, die Launen,
erlerne wieder das Staunen,
wir werden den Weg dir weisen!“

Ingrid Herta Drewing