Die Nixe im Mondlicht

Des Mondes Licht lag schimmernd auf dem See
und lud die Nixen ein zum Wellentanze.
Ihr zärtlich’ Flüstern drang sanft in die Höh’;
Sie wiegten lieblich sich im Silberglanze.

Ein Jüngling, der verträumt am Ufer saß,
sah dies verwundert, glaubt’, er sei von Sinnen.
Der Wassernixen Königin im Gras
reicht’ ihm die Hand, den Reigen zu beginnen.

Er folgte ihr, dem Zauber hingegeben,
und tanzte in der Vollmondfrühlingsnacht.
Ihm war, als würde er auf Wolken schweben,
bis er im hellen Sonnenlicht erwacht’.

Ein Traum! Er lächelte; jedoch bei Mondenlicht
sucht er zuweilen noch der Nixe lieb’ Gesicht.

Ingrid Herta Drewing

Frühlingstag

F lötenklänge tönen wieder
R ufen sanft in mildes Wehen
Ü ber Gärten, Wiesen, Felder.
H och im Wipfelrausch der Wälder
L ässt sich hell der Frühling sehen.
I mmer neue Blütenlieder
N immt er auf sein Notenblatt :
G löckchen, Tulpen, weißen Flieder
S chlüsselblumen, und er hat
T raumhaft es geschrieben nieder.
A tmen wir den zarten Duft
G lücklich in der Sonnenluft !

Ingrid Herta Drewing

Frühlingsmittag

Friedlich schöne Mittagsstunde!
Hier im hellen Sonnenlicht
hör’ und fühl’ ich Frühlings Kunde,
sehe, wie er lächelnd spricht.

Von des Lebens jungem Werden,
Wachsen, Grünen, Neubeginn.
Er entlockt der kleinen Erde,
zärtlich flüsternd, Blütensinn.

Froh gestimmt die Vögel singen,
fliegen leicht beschwingt, die Luft
ist erfüllt von süßem Klingen
und der Blüten mildem Duft.

Friedlich schöne Mittagsstunde!
Mir ist auch nun leicht zu Mut,
träum’ im Park bei der Rotunde,
Lebensfreude tut so gut!

Ingrid Herta Drewing

Hochmut kommt vor dem Knall

Ein Fahrradreifen, alt, doch rund,
der hatte einen Platten;
er stand in der Garage und
bedauert‘ sein Ermatten.

Der Autoreifen neben ihm,
der schaut auf ihn verächtlich,
sagt’ so was würd’ ihm nie passier’n,
dafür sei er zu mächtig.

Für ihn gäb’ es kein Risiko,
nichts könnt’ Gefahr ihm bringen,
da er stabil sei, sowieso
stünd’ über allen Dingen.

Jedoch am gleichen Tage noch,
dort auf der Autobahn,
ist er, der unverwüstlich, doch
in Nägel rein gefahr’n.

Der Reifen platzte schließlich laut,
das Auto kam in Not.
Der Fahrer, der erstaunt geschaut,
entging nur knapp dem Tod.

Den Reifenrest entsorgte man
(er hatte kaum Profil).
Ja, wer sich gar zu sicher ist,
gerät ins falsche Spiel.

Ingrid Herta Drewing

Frühlingserwachen

In jedem Sonnenstrahl, der nun erglüht,
regt sich ein Pflänzchen und erblüht.
Die kleine Welt erwacht im Frühlingssehnen.
Auch du, verwundert, wie dir nun geschieht,
singst wieder mit des Lebens Lied,
befreit von alten Stützen, Winterlehnen.

Hinaus lockt dich die Luft, die nun so mild,
der frische Duft, das Blütenbild,
die Vögel, die im Garten lieblich singen.
Fühlst dich beschwingt wie sie, so froh erfüllt.
Dies’ Lied, das deinen Kummer stillt,
dringt tief dir in die Seele, zärtlich klingend.

Ingrid Herta Drewing

Frühlingsanfang

Der Frühling trägt sein grünes Kleid
im Park, in Gärten, Auen
und auch der Himmel, glänzend weit,
lässt hell die Sterne schauen.

Die Buschwindröschen, lieblich, zart,
ein Teppich, weiß im Walde,
und der Narzissen Glockenart
glänzt freundlich, gelb auf Halden.

Schon streckt auch der Magnolienbaum
die Knospen prall zur Sonne,
und der Forsythien goldner Traum
bereitet leuchtend Wonne.

Noch fehlt der Luft der weiche Schmelz,
ein kühler Wind will scherzen.
Jedoch befreit von Winters Pelz,
erstrahlt das Land im Märzen,
singt mit des Frühlings Terzen.

Ingrid Herta Drewing

Verunsichert (Erinnerung an den Gau von 1986)

Der Himmel leuchtet blau,
spielt harmlos „heile Welt“,
als gäb’ es keinen Gau,
kein Leben, das nun fällt.

Die Seele fühlt nicht so,
denn düstere Gedanken
verhindern, dass sie froh
nun Sonnenlicht mag tanken.

Zu trügerisch erscheint
des Frühlings Farbkulisse,
obwohl er heut’ verteilt
den Duft, der Blüten Küsse.

Ach könnte, unbekümmert,
man wieder Schönes schauen!
Jedoch noch liegt zertrümmert
der heil’ge Schein, Vertrauen.

Ingrid Herta Drewing

Verwaiste Mutter

Fest hielt ich dich an meiner Hand,
jedoch die Welle riss dich fort.
Nun irre ich durch dieses Land,
durchsuche nach dir Ort für Ort.

Dort ,wo wir wohnten, Heimat, Haus,
seh’ ich nur Schutt, ein Trümmermeer.
Ich steh verkrampft, vor Kummer leer,
und kenne mich hier kaum noch aus.

Wo kann ich dich nur wiederfinden?
Mir ist, als sei mein Herz zerrissen.
Wie könnte ich es je verwinden,
wenn ich dich immer müsste missen?

Habe dein Püppchen heut’ gefunden;
Ach, wiegtest du es noch im Arm!
Mein Kind, mein Liebstes, käm’ doch Kunde,
dass du geborgen bist ganz warm!

Ingrid Herta Drewing

Trauriger Frühling

Es trägt der Frühling eine graue Kutte
und die Forsythien in der kleinen Hand.
Am Rosenstrauch vereinzelt Hagebutten,
Relikte aus der Herbstzeit, Schrumpeltand.

Die Wiesen liegen grün, und Krokuss’ blicken
noch schüchtern in das feuchte Tagesgrau.
Sie würden gerne in die Sonne rücken,
doch Wolkenmauern sperren ein das Blau.

Die Leichtigkeit, der Lüfte weiche Milde,
sie fehlen, Trauer scheint uns schier zu lähmen,
das Grauen eines Gaus, den keine Schilde
verwehren, den kein Mensch vermag zu zähmen.

Und dennoch glimmt ein stilles, banges Hoffen,
denn Ungewissheit lässt den Ausgang offen.

Ingrid Herta Drewing

Schneefall

Es fällt der Schnee, er fällt
und deckt, als kühles Leichentuch,
dies’ arg zerstörte Land nun zu.
Getötet, wütend, hat im Nu
des grässlichen Tsunamis Fluch,
und noch bebt Japans Welt.

Erneut schnürt Tod den Schuh.
Fukushiama stellt
ins Licht der Kernkraftwerke Ruch.
Es hat die Menschen heimgesucht
des Todes strahlender Bijou.
Jod, Cäsium, Strontium hält
in Atem, unsichtbar, die Welt.

Und Schnee, unschuldig weiß,
er fällt und fällt.

Ingrid Herta Drewing