Das Frühstücks-Ei

Da liegt das Frühstücks-Ei auf meinem Teller.
Es blieb als Rest, ich schau es sinnend an.
Mein Gusto wird zum stummen Fragensteller:
Ob man das Ei denn wirklich essen kann?

Ein Ei, ein harmlos, kleines Hühnerei,
es flüstert leise: “Ich hab Dioxin.“
Seveso-Gift, erinner’ ich, wie Blei
will meine Zunge sich dem Wort entzieh’n.

Das Ei, doch irgendwie Symbol für Leben,
wird plötzlich uns zum Gift und zur Gefahr.
Es ist ein Bio-Ei, das dir gegeben,
beruhig’ ich mich und hoff’, dass das auch wahr.

Und stell’ doch fest, mein Eier-Appetit
spielt heute wirklich einfach gar nicht mit.

Ingrid Herta Drewing

Auf dem Waldweg

Am Wegesrand, gestapelt, liegen Bäume,
im Sturm zerbrochen unter nasser Last,
im Schnee verloren, grüne Träume,
nach denen Frühling, Sommer nicht mehr fasst.

So hoffnungsvoll im Sommerwind gewiegt,
noch jüngst den goldnen Herbst gegrüßt verwegen,
des Lebens bar, im Winter nun besiegt,
ist ihrer Schönheit Kraft dem Tod erlegen.

Sind dies auch Katastrophen der Natur,
die nur im Kleinen wirken, unbeachtet,
so zeigt mir machtvoll der Zerstörung Spur,
wie schnell der kalte Tod das Leben nachtet.

Da tröstet mich auch die Vermutung kaum,
dass dieses Holz verschönt den Wohnungsraum.

Ingrid Herta Drewing

Gereimte Fragen

Ich mach’ mir manchen Reim auf diese Welt,
obschon mir vieles hier scheint ungereimt.
Warum, das frage ich, regiert das Geld,
wird hier, wer ehrlich ist, so oft geleimt?

Warum beherrschen immer noch Despoten
mit Terror, Grauen hart „ihr“ armes Land
und lähmen Tatkraft, Leben mit Verboten?
Warum geh’n viele ihnen dort zur Hand?

Warum zerstören wir, was unser Leben
erhält, der Erde Schönheit, die Natur,
als sei uns dafür ein Ersatz gegeben?
Warum verbreiten wir des Wahnsinns Spur?

Wer gibt die Antwort auf so viele Fragen?
Ich wüsst’ sie gern, anstatt nur laut zu klagen.

Ingrid Herta Drewing

Zu Sisleys Gemälde „Schnee in Louveciennes“

In einer Gartenmauerflucht,
fast unwirklich, so Schnee verhangen,
mein Auge sich zu ankern sucht.
In der Bildmitte, schwarz betucht,
nimmt es im Fluchtpunkt die Gestalt gefangen.

Sie ist es, die der weißen, sanften Stille
den Hauch von Leben gibt in diesem Bild,
dass man erschaue, wie des Malers Wille,
einsam inmitten dieser Winterfülle,
des Menschen Sehnsucht nach dem Menschen stillt

Ingrid Herta Drewing

Rückblick

Dein Haar gelichtet, ja nun bist du alt.
Dir scheint’s, als sei das plötzlich so gekommen.
Der Ruf, der dir ertönte, stets verhallt’,
du hörtest nicht, obwohl du ihn vernommen.

Nun stehst du hier vor deines Lebens Ende.
Verwundert immer noch die Blicke streifen;
erwartungsvoll hältst du die bleichen Hände,
versuchst dies Erdenleben zu begreifen.

Und fühlst die Fülle der vergangnen Jahre,
geprägt von Freud und Leid und auch dem wahren
Bemühen, aufrecht deinen Weg zu gehen.

Erinnernd siehst du froh, jetzt auch im Klaren,
dass die erkämpften Siege, jene raren,
dir halfen, dieses Leben zu bestehen.

Ingrid Herta Drewing

Blick aus dem Fenster

Ein kühler Tag, auf dessen blauer Bühne
der Wind verwegen mit dem Rauche spielt,
der zart gekräuselt steigt aus den Kaminen
und weiß in Tanzfiguren Sonne fühlt.

Sie steigen, neigen, wirbeln sich im Kreise
und schrauben hoch und höher Pirouetten,
um bald darauf in wundersamer Weise
sich leicht zu lösen von der Wirkungsstätte.

Verlieren sanft sich in des Himmels Höhe,
ein Wölkchen schwebt noch hell im Mittagslicht,
das schließlich auch entwächst des Blickes Spähen,
wenn Wind es trägt aus der begrenzten Sicht.

Was immer auch verlässt der Bühne Ort,
es wirkt gewiss an andrer Stelle fort.

Ingrid Herta Drewing

Jahreszeiten

Wie schön ist es, in einem Land zu leben,
das täglich zeigt die Vielfalt der Natur,
im Jahreszeitenwechsel dies Erbeben,
Veränderungen zeichnen sanfte Spur.

Ja jede Jahreszeit hat eigne Klänge,
so auch Gerüche, die dir wohl vertraut,
wie sich die Luft anfühlt, des Winds Gesänge,
des Sonnenbogens Höhe, die erschaut.

Da wandeln sich der Weltenbühne Bilder.
Nach kaltem, weißem Winter darfst du sehen
und fühlen, wie im Frühling, der nun milder,
fast paradiesisch, Blüten neu entstehen.

Dem zarten Lenz folgt Sommers pralles Leben.
Das Land, es flimmert in der Hitze Glut.
Jedoch in Sternennächten möcht’ man schweben,
auch tut am Tag ein Bad im See so gut.

Und kommt der Herbst, schenkt Früchte, Drachenspiele,
ein Farbenfeuerwerk er wild entfacht;
lässt uns des Lebens Schönheit nah erfühlen,
bevor Natur ruht sanft in Nebelnacht.

Wir fahren mit im Kreislauf dieses Lebens,
sind wache Zeugen einer Schöpfungsmacht,
die Werden und Vergehen nicht vergebens
lässt leben, leuchten auf in All und Nacht.

Ingrid Herta Drewing

Zeitgefühl

Die Zeit verrinnt, wer möchte das bestreiten?
Die Feststellung erweist sich als banal;
und dennoch gibt ’s im Leben oftmals Zeiten,
da schmerzt der Tatbestand und wird zur Qual.

Siehst du im Alter deine Jahre schwinden,
die Kräfte auch, das Leben stiller wird,
dann möchtest du wohl gern den Zeiger binden,
der im Sekundentakt zu schnell dir schwirrt.

Doch manchmal, wenn wir glücklich innehalten,
scheint uns der Augenblick auch still zu stehen.
Des Lebens Schönheit darf sich uns entfalten;
wir haben kurz ins Paradies gesehen.

Begreifen, dass das Ende ist Beginn,
was erst absurd erscheint, hat seinen Sinn.

Der Tod des Schmetterlings

Es starb der Schmetterling, die zarte Blüte,
die sanft im Abendschein die Blätter schließt.
Ihm fehlte nun das Licht, der Wärme Güte,
die Leichtigkeit, die aus der Milde fließt.

So flatterhaft, doch lieblich anzuschauen
war er für uns, im Sonnenlichte schwirrend,
ein Bild voll Schönheit, Liebreiz und Vertrauen
zum Leben in der Sommerwiese Flirren.

Schuld hat nicht nur die kühle Zeit des Jahres,
denn viele Arten sterben langsam aus.
Des Menschen Streben, der im Blick nur Bares,
verwehrt den Lebensraum im Erdenhaus.

Der Mensch bedenke, was er täglich tut,
damit nicht bald auch er im Tode ruht.

Ingrid Herta Drewing

Herbstlied

Es hat der Herbst die Bäume angehaucht,
die morgens sanft im Nebelbett noch ruhen,
und auch die Heide träumt in zartem Rauch;
die Glockenelfe tanzt in feuchten Schuhen.

Doch mittags darf im Sonnenschein erstrahlen
das weite Land in seinem Pflanzenflor,
wo die Natur in farbenfrohem Malen
still zaubert ihrer Töne Gold hervor.

Und lässt hier schön die hellen Saiten klingen,
spielt indian summer, macht den Himmel weit,
und dennoch schwingt der Abschied in dem Singen,
erzählt von langem Traum in stiller Zeit.

Wenn sich der Pflanzen Leben nimmt zurück,
um Kraft zu sammeln für das Frühlingsglück.

Ingrid Herta Drewing