Die Gerade

Es war eine Gerade,
die dachte :“Ach, wie schade,
dass ich so einsam bin!
So eine Parallele,
mit der fänd‘ ich als Stele
auch einen neuen Sinn.

Vielleicht, das wäre heiter,
wir fänden uns als Leiter
mit vielen kleinen Streben
und führten hoch hinauf,
des Früchte Erntens Lauf
im Kirschbaum zu erleben.“

So träumte die Gerade
auf ihrer Promenade
nur vor sich hin.
Den Kreis, der ihr Begleiter,
berührte sie kaum weiter,
Tangentensinn.

© Ingrid Herta Drewing,2014

Abendstimmung

In goldnem Sonnenlicht der Abend naht,
und Schatten spielen auf den weißen Wänden
der Hausfassaden, strecken ihre Hände
auf dieser Bühne theatralisch aus.

Ein Tänzer balanciert, und im Spagat
die Partnerin scheint leicht er hochzuheben,
sie darf in einer Pirouette schweben,
bevor der Spot erblasst, sinkt hinterm Haus.

Der Abendstern steht funkelnd schon parat.
Bald wird der Mond sein Silbersolo singen,
die Nacht sich in den Sternenmantel schwingen,
und andächtig verstummt des Tags Applaus.

© Ingrid Herta Drewing,2014

Romanze

Es trägt die Nacht des Mondes Silberschleier,
taucht in ein schimmernd‘ Licht den Blütenhain,
dem Park verleiht sie märchenhaften Schein.
Ein Schwanenpaar tanzt traut dort auf dem Weiher
und schwebt so sanft in Frühlingsträumen, rein.

Als gebe es kein Werden und Vergehen,
erschauen wir in sehnendem Verlangen
dies‘ Liebes- Bild,die Welt frei, ohne Bangen.
Und zart erwacht ein inniges Verstehen;
der Liebe Zauber hält auch uns umfangen.

© Ingrid Herta Drewing,2014

Mai-Picknick

Es lockt der Wald im Maiengrün,
und aus den grauen Mauern ziehn
wir unternehmungslustig.
Das Picknickkörbchen unterm Arm,
sind, fern von Alltagsstress und Harm,
wir fröhlich, frühlingsdurstig.

Sogar Hans-Jürgen lässt das Googeln,
mag heut im Wiesengrün sich kugeln
und toben mit den andern.
Auch Tine, die sonst gern zu Haus
in Stille liest, zieht’s nun hinaus;
sie denkt sogar ans Wandern.

Da löst manch Lied sich von den Lippen,
die Kinder auf dem Baumstamm wippen
und spielen unbeschwert.
In der Natur mit allen Sinnen
im Lenz die Leichtigkeit gewinnen,
das scheint uns lebenswert.

© Ingrid Herta Drewing,2014

Vision

Leicht wie sich Wellen auf dem Meere wiegen
mag einst auch hier des Lebens Schweben sein.
Ein sanftes Lächeln darf die Zeit besiegen,
es hin in seine Ewigkeit befrein.

Da wird nicht mehr als Maß herangezogen,
das Fragen nach dem Ende, noch Beginn.
Es schwingen ein und aus die großen Wogen,
verweben Liebe, Seele, Licht und Sinn.

Wir können dann vielleicht in Klarheit schauen,
was sich erneuernd in sich selbst verbirgt
und jener Gnade, Güte ganz vertrauen,
die stetig schenkend Leben hier bewirkt.

© Ingrid Herta Drewing,2014

Frühsommer im Rabengrund

Des Sonnenmorgens Glanz liegt auf den Wiesen,
milliardenfache Spiegel schenkt der Tau,
der Licht bricht;und ein zartes Himmelblau
schirmt sanft die Blütenwelt, der Gräser Sprießen.

Da zeigt der Klatschmohn sich in roter Seide,
als zünde wer im Grün nun Feuer an,
ein Leuchten, das man weithin sehen kann,
und zart erwecken Glockenblumen Freude.

Hell gluckernd hier der junge Schwarzbach strömt,
nicht weit entfernt von seiner klaren Quelle
am Waldesrand; ich kenne sie die Stelle,
hat mich so oft doch auch ihr Nass verwöhnt.

Die große Lichtung, eine Augenweide!
Im Schlehdornbusch ein Schimmern letzter Blüte.
Die alte Bank dort mir gewährt die Güte,
hier Ruh‘ zu finden, fern von allem Leide.

© Ingrid Herta Drewing,2014

Renaissance

Aus dunklen Träumen in den Tag geglitten,
erwacht dein Leben hell im Morgenlicht,
vergisst das Weh, das Leid, das du erlitten,
die Wege, die du mühsam hast beschritten,
und buchstabiert nun nicht mehr nur Verzicht.

Der warmen Sonne ganz anheim gegeben,
erfährst du Gottes schöne Blütenwelt.
Als irdisch‘ Paradies erscheint dir Leben,
in das du dich nun wieder willst verweben,
es schenkt Natur den Nektar, der erhält.

Gemeinsam mit den Freunden darfst du lernen,
hörst die Musik, der Klänge Harmonie.
Was einst dich drängte, liegt in weiten Fernen;
und zärtlich leise schwingt sich zu den Sternen
des Sommerabends Liebesmelodie.

© Ingrid Herta Drewing

Das Schöne

Das Schöne, gleicht ’s dem Leben?
In Macht und Kraft wohl auch,
ist mehr als Nutz’ und Brauch;
doch in den Tod gegeben,
nur flüchtig, zarter Hauch?

Das Schöne überdauert.
Es bleibt in Wort und Bild,
Musik, im Lächeln mild;
ein Klang, der uns erschauert,
dem unser Sehnen gilt.

© Ingrid Herta Drewing

Trauer in Soma

Sie trauern um den Mann, den Vater, Sohn,
den Bruder, Freund,den Kumpel,Volksgenossen,
der hier bei harter Arbeit, schwerer Fron,
ersticken musst‘, im Bergwerk eingeschlossen.

Da mischt sich Wut in grenzenlose Trauer,
wie häufig auf der Welt war hier Profit
den Mächtigen, die immer etwas schlauer,
die Richtschnur, Tod nimmt man in Kauf und mit.

Und zynisch klingen da die kalten Worte,
in solch‘ Berufen sei das nun mal so,
des Bergmanns, der dort unten tief vor Orte
sein Untertagwerk tue,Risiko.

Als wisse man nicht längst,sich schon zu schützen!
So viel hält Ingenieurskunst da bereit.
Jedoch, das kostet Geld, und die ’s besitzen,
die Zechen-Eigner dulden lieber Leid.

Da hilft nur streiken, Rechenschaft zu fordern
von jenen, die hier übel an der Macht,
dass sie nun sühnen, was korrupt sie ordern,
den Tod, den sie den Menschen dort gebracht!

© Ingrid Herta Drewing,2014

Überflutung

Es regnet, regnet, und die Flüsse schwellen.
Die Erde rutscht, begräbt das Dorf im Tal.
Die Wasser tosend durch die Städte schnellen,
verwüsten, was sie finden,bringen Qual.

Fast machtlos muss der Mensch dies‘ Treiben sehen,
das seine Habe und sein Heim zerstört,
um sich zu retten, in die Boote gehen,
verlassen alles,was ihm sonst gehört.

Geborgen werden, so auch Hilfe finden
und Glück,wer mit den Lieben bald vereint.
Den Helfern danken, die sich mühsam schinden,
damit nicht zu viel Tote dann beweint.

Es sollte doch die Menschheit endlich handeln,
zum Schutz des Klimas ändern, was jetzt schlecht,
damit nicht schlimmer wird der Wetter Wandeln,
Natur, entfesselt, fordert ein ihr Recht.

© Ingrid Herta Drewing,2014